CFP: Artusroman und Klanglichkeit (15.05.2021)

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Artusroman und Klanglichkeit

 

Kolloquium der Deutsch-österreichischen Sektion der Internationalen Artusgesellschaft e. V.,

Paris-Lodron-Universität Salzburg,
23.–26. Februar 2022

 

Call for Papers

 

Die Frage, welchen Stellenwert ›Klang‹ in (literarischen) Texten hat, spielt in der aktuellen literaturwissenschaftlichen Forschung eine zunehmend wichtige Rolle; dabei bilden die kulturwissenschaftlich orientierten, interdisziplinär arbeitenden sound studies den theoretisch-metho­dischen Rahmen (Binczek/Wirth 2020; Gess/Honold 2017). Das Spektrum dessen, was hierbei unter ›Klang‹ zu verstehen ist, ist denkbar weit gefasst. Darunter fallen verschiedenste akustische Phänomene wie natürliche oder technisch erzeugte Geräusche, Musik, Lärm, die menschliche Stimme, aber auch der ›Klang‹ des Textes an sich, seine rhetorische oder metrische Form und die Frage nach seinem medialen Status bzw. seiner medialen Vermittlung. Das Gegenteil von Klang, nämlich Stille, kann in dieser Perspektive als Folie, vor der sich lautliche Phänomene überhaupt erst entfalten, ebenso von wesentlicher Relevanz sein.

Auch die Mediävistik befasst sich mittlerweile verstärkt mit den akustischen Dimensionen ihrer Gegenstandsbereiche (Bennewitz/Layher 2013; Clauss/Mierke/Krüger 2019; Stock 2016; zu nennen sind auch die 26. Jahrestagung des Brackwerder Arbeitskreises »Klang der Macht / Macht des Klangs« 2019 in Jena sowie das seit 2021 laufende DFG-Netzwerk »Lautsphären des Mittelalters«). Dabei lassen sich in den unterschiedlichen Disziplinen divergente Zugänge ausmachen, wie sie das Thema zwangsläufig mit sich bringt. So ist die geschichtswissenschaftliche Forschung, aber auch die Musikgeschichte mit dem (methodischen) Problem konfrontiert, dass der ›reale‹ Klang der Epoche längst verhallt ist und dass der Zugriff darauf nur indirekt, nämlich medial vermittelt, möglich ist; in den Philologien oder auch der Kunstgeschichte hat man es dagegen in der Regel von vorneherein mit einer medial transformierten Darstellung von Klanglichkeit zu tun, die andere methodische Vorgehensweisen erfordert, aber auch andere Fragestellungen nahelegt.

Das 12. Kolloquium der Deutsch-österreichischen Sektion der Internationalen Artusgesellschaft befasst sich vor diesem Hintergrund mit der klanglichen Seite des mittelalterlichen Artusromans, die bislang eher punktuell in den Fokus der Artusforschung gerückt ist (Däumer 2013; Meyer 2013; Schöller 2013; Schneider 2017; Däumer 2020). Dabei sollen vorwiegend folgende Aspekte im Zentrum der Beiträge stehen:

1. Klang im Text: Hierbei geht es um die narrative Vermittlung auditiver Phänomene innerhalb der erzählten Welt und deren Funktionalisierung, einerseits rein intradiegetisch, wenn z. B. handelnde Figuren in bestimmten Szenen die Klangregie übernehmen (etwa, wenn wie im Tristan en prose Lieder in den Romantext eingelassen sind), andererseits extradiegetisch, wenn der Erzähler bestimmte klangliche Settings arrangiert oder einzelnen Figuren oder Räumen eine spezifische ›Klanglichkeit‹ zuweist, um den erzählten Handlungsverlauf zu beeinflussen. Klang kann aber auch mit Blick auf die ästhetische Ausgestaltung der Erzählwelt ein wichtiger Faktor sein, oftmals in Kombination mit anderen sinnlich wahrnehmbaren Elementen (etwa bei locus amoenus-Schilderungen und dem Umschlag der Klangkulisse wie in der Brunnenaventiure der Yvain/Iwein-Dichtungen).

2. Der Klang des Textes: Hierbei ist die Interaktion zwischen Erzählerstimme und Rezipienten, mithin die ›Performanz‹, von Interesse. Welche besonderen klanglichen Eigenheiten weisen die Texte auf und welche performative Funktion kommt diesen zu? Zu denken wäre hier an Techniken, die eine spezifische, quasi präsemantische Klanglichkeit des Textes generieren, wie z. B. besondere Reimtechniken (etwa Dreireime im späteren deutschen Artusroman) und verschiedene Strophenformen (die im Zuge des alliterative revival verwendete englische Stabreim-Strophe, die Titurelstrophe im Deutschen oder die italienische Canto-Form), ›geblümte‹ Rede, Onomatopoesie oder auch andere im Text konservierte Spuren performativer Praktiken. Auch die spezifische Ausgestaltung der Sprache an sich, etwa durch die Rezipienten affizierende Interjektionen oder Ähnliches, könnte in diesem Zusammenhang thematisiert werden.

3. Poetologie des Klangs: Zu bedenken ist ferner – auf beiden genannten Ebenen –, inwiefern die Texte ein Bewusstsein um und eine Unterscheidung zwischen Klang und Geräusch, Wohlklang und Missklang entwickeln (wobei hierfür auch konkrete historische Terminologien zu untersuchen wären); inwiefern sich auf dieser Ebene Metaphoriken von Harmonie und Dis- oder Dysharmonie ergeben könnten (einhellen vs. missehellen); welche kulturhistorischen und kulturtheoretischen Signifikanzen auf dieser Ebene zu beobachten sind: was z. B. die Übertragung und die Interferenz von Natur- und Kunstlaut betrifft, Stimm- und Klangphänomene zwischen den Geschlechtern, sozialer Einklang oder eben Dissonanz, Analoges zwischen Erzählstimme und Stimmung der Erzählung, Erzählstimme und Stimme(n) oder Stummheit des Publikums.

Die skizzierten Teilbereiche des Themas haben zwei wesentliche Aspekte gemeinsam: Einerseits geht es auf allen Ebenen darum, wie Klanglichkeit im Erzählprozess medial vermittelt wird und welchen Zweck diese mediale Transformation von Klang in Narration hat. Andererseits spielen ästhetische Gesichtspunkte und die spezifische Funktion einer klanglich generierten ›Stimmung‹ eine zentrale Rolle. Insofern lassen sich die Teilbereiche des Themas auch gewinnbringend miteinander verknüpfen (etwa wenn die offensive Klanglichkeit der Darstellung von Kampflärm sowohl intradiegetisch als auch extradiegetisch funktionalisiert wird). Zu fragen ist schließlich auch, inwiefern das arthurische Genre und seine spezifische narratologische wie personelle Komposition bestimmte Optionen ermöglicht, entwickelt und kommuniziert – kurz: Gibt es so etwas wie eine ›arthurische‹ Stimmung, einen ›arthurischen‹ Klang?

Willkommen sind darüber hinaus methodisch ausgerichtete Beiträge, die auf der Grundlage einer konkreten Materialbasis aus dem Bereich der Artusliteratur der Frage nach der Analysierbarkeit literarischer Klang-Darstellungen nachgehen.

 

Wir bitten um ein kurzes Exposé (ca. ½ Seite) für 30-minütige Vorträge aus dem Bereich aller Mittelalterphilologien bis zum 15.05.2021 per Mail an:

cora.dietl@germanistik.uni-giessen.de und

manfred.kern@sbg.ac.at

 

Angeführte Literatur:

Bennewitz/Layher 2013 = Ingrid Bennewitz/William Layher (Hrsg.): Der âventiuren dôn. Klang, Hören und Hörgemeinschaften in der deutschen Literatur des Mittelalters. Wiesbaden 2013 (Imagines medii aevi 31).

Binczek/Wirth 2020 = Natalie Binczek/Uwe Wirth (Hrsg.): Handbuch Literatur & Audiokultur. Berlin/Boston 2020 (Handbücher zur kulturwissenschaftlichen Philologie 10).

Clauss/Mierke/Krüger 2019 = Martin Clauss/Gesine Mierke/Antonia Krüger (Hrsg.): Lautsphären des Mittelalters. Akustische Perspektiven zwischen Lärm und Stille. Köln 2019 (Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte 98).

Däumer 2013 = Matthias Däumer: Stimme im Raum und Bühne im Kopf. Über das performative Potenzial der höfischen Artusromane. Bielefeld 2013 Mainzer Historische Kulturwissenschaften 9).

Däumer 2020 = Matthias Däumer: Ein akustisches Format der mittelalterlichen Epik: die Schlachtbeschreibung. In: Binczek/Wirth 2020, S. 260–273.

Gess/Honold 2017 = Nicola Gess/Alexander Honold (Hrsg.): Handbuch Literatur & Musik. Berlin/Boston 2017 (Handbücher zur kulturwissenschaftlichen Philologie 2).

Meyer 2013 = Matthias Meyer:     Vom Lachen der Esel: ein experimenteller Essay auf der Suche nach dem komischen Stil im Artusroman. In: LiLi 43/171 (2013), S. 86–103.

Schneider 2017 = Almut SChneider: Teufelsklang und höllische Stille. Erzählen von Dissonanz im Wigalois des Wirnt von Gravenberg. In: Jörn Bockmann/Julia Gold (Hrsg.): Turpiloquium. Kommunikation mit Teufeln und Dämonen in Mittelalter und Früher Neuzeit. Würzburg 2017, S. 83–102.

Schöller 2013 = Robert Schöller: Schall und Raum. Zur Kennzeichnung von Anderwelten durch Schallphänomene in der Krone Heinrichs von dem Türlin. In: Martin Huber/Christine Lubkoll/Steffen Martus/Yvonne Wübben (Hrsg.): Literarische Räume. Architekturen – Ordnungen – Medien. Berlin 2013, S. 209–216.

Stock 2016 = Markus Stock: Triôs, triên, trisô. Klangspiele bei Wernher von Teufen und Gottfried von Neifen. In: PBB 138 (2016), S. 365–389.

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