CFP: Kulturen der Kritik und das Projekt der Moderne in Mittelosteuropa, Düsseldorf (31.03.2021)

Simone Zupfer's picture

Internationale Tagung
Kulturen der Kritik und das Projekt der Moderne in Mittelosteuropa

Anlässlich des achtzigsten Todestages Max Herrmann-Neißes und des Erscheinens der kritischen Edition seines publizistischen Werks (1909-1939) in drei Bänden im Aisthesis-Verlag möchten wir die Literatur- und Kulturkritik als transkulturelles Phänomen einer europäischen Moderne in Mittelosteuropa zum Gegenstand einer internationalen Tagung machen.

Die Literaturkritik zwischen 1890 und 1933 fällt in eine Zeit, in der sich das literarische Feld (Bourdieu, Magerski) mit rasanter Geschwindigkeit ausdifferenziert. Neben einer Vielfalt von literarischen Tendenzen und Programmen (Baßler, Becker) steht eine mindestens ebenso große Diversität konkurrierender Entwürfe auf der Ebene ihrer Beobachtung. Kritik als Literatur auf zweiter Stufe bildet die gesamte Bandbreite der zeitgenössischen Ismen und Avantgarden (van den Berg, Fähnders) ab und überbietet sie zugleich durch „erhöhte Reflexivität“ (Magerski). Mit ihr entsteht ein hochverdichtetes Netz kultureller Selbstbeschreibungen und Verhandlungen, die an der Konstitution von Mitteleuropa als einem kulturellen Raum maßgeblich beteiligt sind. Kritik als eigenständige Instanz innerhalb des literarischen Feldes spielt damit nicht nur eine zentrale Rolle für die Entwicklung und Ausdifferenzierung von Nationalliteraturen, sondern auch für eine europäische Literatur und Kultur der Moderne.

Dabei lässt sich auch für die Kritik die für die Moderne typische Ambivalenz (Baumann) konstatieren. Während die Frontlinien in der Theorie u.a. zwischen Alfred Kerr und Karl Kraus bzw. Walter Benjamin (Kaulen) verlaufen, lässt sich in der Praxis der zeitgenössischen Kritik eine Gemengelage aus synkretistischen Hybridbildungen ausmachen. Mediale Verstärker dieser metaliterarischen Parallelwelten und Kampfzonen sind die vielen Zeitungen und Zeitschriften der Zeit.

Die Protagonist*innen der Szene stellen dabei überwiegend Dichterkritiker*innen dar, die neben einer Beobachtung des literarischen Feldes zugleich auch immer ihr eigenes Literaturverständnis in der Kritik ausbilden, reflektieren und vermitteln, womit sie sich selbst sowohl innerhalb der zeitgenössischen Literatur als auch im Kulturbetrieb positionieren. Unter diesen Kritiker*innen sind es insbesondere diejenigen von den geopolitischen Rändern des deutschsprachigen Raums (Sprengel), die aufgrund ihrer transnationalen und -kulturellen Herkunft und Identität (Bischoff, Kilcher, Weinberg) sowie ihrer Mehrsprachigkeit (Wutsdorff) zu Beobachter*innen und Initiator*innen von transnationalen und -kulturellen Austauschprozessen innerhalb Europas werden; zwischen Sprachen, Literaturen und Kulturen übersetzen und diskursive Vermittlungsprozesse stiften. Während der Literatur immer schon transkulturelle Eigenschaften zukommen, da sie unterschiedliche kulturelle Traditionen und Texte in transnationalen Kontexten absorbiert und transformiert, so vervielfältigt Literaturkritik dieses konstitutive Merkmal auf einer weiteren Ebene. Literaturkritik wird im europäischen Zusammenhang der Moderne auch zu einem eminent politischen Phänomen, da sie auf die Nationalismen der Zeit mit dem Hinweis auf die grundsätzlich transnationale und -kulturelle Verfassung von Literatur und Kritik im Sinne von Goethes Verständnis einer europäischen Literatur bzw. Weltliteratur (Lamping) reagiert. Zu fragen wäre deshalb, in welcher Weise sich Kritik nicht nur an den Entwicklungen von Avantgarden und Modernetheorien im europäischen Kontext beteiligt, sondern wie sie sich zu ihren Vermittlern macht und eine Literatur und Kultur der europäischen Modernen (Weinberg) hervorbringt.

Eine zentrale Rolle spielen dabei Zeitungen und Zeitschriften in transnationalen, plurikulturellen, mehrsprachigen Räumen, die zwischen der deutschen als minoritärer Literatur und anderen Nationalliteraturen zu vermitteln suchen. Als prominentestes Beispiel kann hier die von dem ersten tschechoslowakischen Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk gegründete deutschsprachige Zeitung Prager Presse gelten, der viele ähnliche, weniger prominente Zeitungs- und Zeitschriftenprojekte in ostmitteleuropäischen Räumen mit deutschsprachigen Minderheiten aus Regionen wie Schlesien, Ostpreußen, Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Slowenien zur Seite stehen, die es noch bzw. wieder zu entdecken und in ihrem Programm als kulturelle Vermittler- und Übersetzungsinstanzen zu erforschen gilt.

Die Tagung setzt sich das Ziel, Literaturkritik als transnationales und -kulturelles Phänomen zu thematisieren sowie ihre vielfältigen Programme und Praxen, Protagonist*innen, Medien und Räume im Einzelnen und in ihrem Zusammenhang in den Blick zu nehmen.

Des Weiteren soll ein Fokus der Tagung auf dem Bereich des Archivierens, Kollationierens und Edierens von Literaturkritik liegen und z.B. Möglichkeiten digitaler Editionen für Literaturkritik in verschiedenen europäischen Kontexten diskutieren.

Vorschläge für Vorträge zu den unten genannten Themen sind willkommen:

Theorie der Kritik:

  • Theorien und Geschichte der Literaturkritik
  • Theorien der Kritik in der Moderne
  • Literaturkritik als Medium der Transkulturalität
  • Verhandlungen und Vermittlungen von Avantgarden- und Moderne-Theorien und ihren Erscheinungen im europäischen Kontext
  • Kontroversen und Kritikerfehden

Praxis der Kritik:

  • Einzelne Kritiker*innen, insbesondere Kritiker*innen als Vermittler*innen und Übersetzer*innen von Literaturen und Kulturen im europäischen Kontext
  • Kritikerdialoge- und kontroversen, Netzwerke der Kritik
  • Zentren der Kritik: Berlin, Wien, Prag und deren Vernetzung
  • Entwürfe einer europäischen Literatur/Weltliteratur in der Kritik
  • Medien der Kritik, insbesondere des transkulturellen Austauschs, der Kulturvermittlung und der Übersetzung
  • Literaturkritik im literarischen Feld in transkulturellen, mehrsprachigen Räumen

Archivieren, Kollationieren, Edieren:

  • Print- und digitale Editionen einzelner Autor*innen, Zeitungen, Zeitschriften
  • Vernetzte, transnationale Editionen

Abstracts von max. 1500 Zeichen für einen Vortrag von 30 Minuten inkl. kurzem CV werden erbeten bis zum 31. März 2021 an Simone Zupfer:

Simone.Zupfer@phil.uni-duesseldorf.de

Die Teilnehmer*innen werden bis Ende April über die Annahme der Beiträge informiert. Für die Tagung wird ein Förderantrag bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gestellt.

 

Max-Herrmann-Neiße-Institut der Heinrich-Heine-Universität
Sibylle Schönborn, Simone Zupfer
Ort: Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Haus der Universität

Termin: 11.-13. November 2021
Die Tagung wird in Präsenz stattfinden. Falls dies zum oben genannten Zeitpunkt nicht möglich ist, wird sie auf ein späteres Datum verschoben.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu