CFP: Schluss mit Derrick! Deutschland im Spiegel der TV-Serie, Straßburg (31.03.2021)

Sonia Goldblum's picture

 

Schluss mit Derrick! Deutschland im Spiegel der TV-Serie

Universität Straßburg – Maison Interuniversitaire des Sciences de l’Homme Alsace

30. September - 1. Oktober 2021

 

Die Fernsehikone Derrick kommt einem sofort in den Sinn — zumindest in Frankreich —, wenn man an deutsche Serien denkt. Der Trenchcoat von Horst Tappert kann jedoch nicht die Sicht auf den gelben Regenmantel von Jonas Kahnwald (Dark, 2017-2020) und auf die Vielfalt deutscher Fernsehfiktionen verstellen.

 

Das „zweite goldene Zeitalter“ des Fernsehens (Thompson 1995) und erst recht das Aufkommen von Streaming-Plattformen haben innovative und abwechslungsreiche Formate hervorgebracht, was auch für Serien gilt, die die deutsche Gesellschaft und ihre Geschichte zum Thema machen. Als Teil des zeitgenössischen sogenannten „Quality-TV“ erreichen Serien wie Deutschland 83 (86, 89), Babylon Berlin oder Ku'damm 56 (59, 63) ein breites Publikum und entwickeln ihren eigenen Blick auf bestimmte Epochen der deutschen Geschichte. Neuere Formate wie Dogs of Berlin oder Im Angesicht des Verbrechens greifen das Genre der Krimiserie auf und bilden die gegenwärtige deutsche Gesellschaft und sie prägende soziale Fragen ab, so wie es frühere Serien zu tun vermochten. In diesem Zusammenhang kann auf das Forschungsprojekt „Das Kriminalsujet im ost-, west- und gesamtdeutschen Fernsehen. Die Programmgeschichte des deutschen Fernsehkrimis“ verwiesen werden, das von 1995 bis 1999 an der Universität Halle-Wittenberg durchgeführt wurde, und auf die daraus hervorgegangenen Publikationen, insbesondere zu den Fernsehproduktionen des Tatort, denen bereits eine umfassende Studie gewidmet wurde (Hissnauer/Scherer/Stockinger 2014). Diese Serie, die die deutschen Fernsehzuschauer seit 1970 wöchentlich begleitet, hat aufgrund ihrer Langlebigkeit und ihres breiten Publikums einen ganz besonderen Status inne. Frühere Serien jedoch, die in der Populärkultur des deutschsprachigen Raums verwurzelt sind und Deutschland abbilden, haben noch keinen Eingang in die Forschung gefunden. Dennoch spiegeln solche Serien, unabhängig von ihrem ästhetischen Interesse, den kulturellen Kontext ihrer Entstehung wider und sind daher einer näheren Betrachtung wert.

 

Auch die Kategorie der „Fernsehserie“ verdient es, angesichts der Entwicklung von Produktions- und Rezeptionsbedingungen differenziert betrachtet zu werden. Während heutige deutsche Serien oft zuerst auf TV-Sendern ausgestrahlt wurden (Babylon Berlin auf Sky, Deutschland 83 auf RTL), wurden einige, wie Dogs of Berlin oder Unorthodox, direkt von der Streaming-Plattform Netflix produziert. Dieser Wandel in Bezug auf das Übertragungsmedium, sowie das Vorhandensein von Video-on-Demand-Angeboten der Sender im Internet haben nicht nur Auswirkungen auf die Produktionsmodelle, sondern auch auf die Rezeption dieser kulturellen Produkte. In der Tat sind sie nur noch für wenige Zuschauer Synonym einer täglichen oder wöchentlichen „Verabredung“ vor dem Fernseher, wie es bis Ende der 2000er Jahre noch der Fall war. Die serielle Dimension verändert sich in dem Maße, wie die Serie zu einem Kulturprodukt wird, das zu jedem Zeitpunkt auf verschiedenen Medien, einschließlich Smartphones und Tablets, verfügbar ist. Dies wirft die Frage auf, inwieweit sich die ökonomischen Strukturen der Produktion auf die gegenwärtige oder historische „Realität“ auswirken.

 

An der Schnittstelle zwischen Bildwissenschaft, Kultur- und Gesellschaftsgeschichte des deutschsprachigen Raums wird die Tagung „Schluss mit Derrick! Deutschland im Spiegel der TV-Serie“ an die bestehende Serienforschung in der Informations- und Kommunikationswissenschaft, der Film- und Medienwissenschaft anknüpfen. Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, will sie die bereits vorhandenen Arbeiten über Deutschlandbilder in TV-Serien in den oben genannten Dimensionen ergänzen und aktualisieren. Anhand von Fallstudien und themenbezogenen Übersichtsanalysen soll eruiert werden, wie die serielle Produktion, sowohl hinsichtlich ihres fiktionalen Gehalts als auch mit Blick auf ihre narratologischen Modalitäten, einen spezifischen Diskurs über die Gegenwart Deutschlands sowie über seine Vergangenheit konstituieren kann. In letzterem Fall werden wir uns sowohl für Serien interessieren, deren Fiktion sich in einem historischen Rahmen entfaltet, als auch für solche, die in der Gegenwart angesiedelt sind, in denen sich aber eine Vision oder ein Diskurs über politische und soziale Geschichte abzeichnet.

 

Vorgesehen sind folgende Themenkomplexe:

 

Serien und Kultur- bzw. Mentalitätsgeschichte

Die Forschung hat gezeigt, wie zum Beispiel amerikanische Serien die Entwicklung kollektiver  Denkmuster in den Vereinigten Staaten widerspiegeln, vom Kuss zwischen William Shatner als Kirk und Nichelle Nicols als Leutnant Uhura in Star Trek, der als erster Kuss zwischen einem weißen Schauspieler und einer afroamerikanischen Schauspielerin in die Geschichte des amerikanischen Fernsehens einging, bis hin zum Wiedererstarken eines politischen Konservatismus‘, der sich im Schicksal der Familie Ewing (Dallas) spiegelte. Wie sieht es in der Bundesrepublik aus? Auf welche Weise skizzieren „plurale Fiktionen“ (Benassi 2000) die im Entstehen begriffenen gesellschaftlichen Anschauungen oder im Gegenteil den Niedergang herrschender Wertvorstellungen? Die jeweiligen Serien sind zum Zeitpunkt ihrer Ausstrahlung in eine Reihe von politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Diskursen eingebettet. Anhand von Fallbeispielen lassen sich Serien auf ihr Verhältnis zu dominanten Diskursen untersuchen, das von einer affirmativen Position bis zu einem explizit oder implizit kritischen Gegendiskurs reichen kann.

 

Repräsentation und Auffassung von Geschichte

Über die einfache filmische Repräsentation einer bestimmten Zeit hinaus kann der historische Rahmen, in dem eine fiktionale Erzählung verankert ist – der über den Status einer bloßen “Kulisse” hinausgeht –, zum Vektor einer impliziten Konzeption der geschichtlichen Entwicklung werden (Kleinhans 2016). Die Serie, ein Fernsehformat, dessen Präsenz im öffentlichen Raum immer zunimmt, muss also auch in diesem Zusammenhang untersucht werden. Vermag das serielle Erzählen eine bestimmte Deutung von geschichtlichen Ereignissen und Prozessen zu vermitteln? Was sind die wichtigsten thematischen Komplexe, auf die dabei fokussiert wird?

 

Serielle Narratologie, Erzählung von Geschichte

Auch wenn die TV-Serie dem Film einige erzählerische Mittel entlehnt, so entwickelt sie doch eigene Elemente und Strukturen, die z.B. auf die Bindung des Zuschauers abzielen, wofür der Cliffhanger das charakteristischste Beispiel ist. Daher ist es angebracht, die formalen Aspekte der fiktionalen Erzählung und den Umgang mit historischen Fakten und Kontexten zusammen zu denken. In Verbindung mit der Frage nach dem Verhältnis zwischen Fiktion und Realität steht auch jene der Genrezuordnung einer Serie. Gegenwart oder Geschichte werden unterschiedlich filmisch (re)konstruiert, je nachdem, ob ein Kriminalfall, sentimentale Liebesgeschichten oder Unterhaltungskomik im Vordergrund des Plots stehen.

 

 

Die Serie zwischen Fiktionalität und Faktizität

Wie der Diskurs über Serien in deutschsprachigem Feuilleton zeigt, ist sie mit der unvermeidlichen Frage nach ihrer „Wirklichkeitstreue” konfrontiert, vor allem wenn sie die Vergangenheit zum Gegenstand der Darstellung macht – ein Punkt, in dem sie sich nicht von Rezeptionsfragen des Spielfilms unterscheidet. Der fiktionale Charakter der Figuren hebt die Erwartungen des Rezipienten an die Konvergenz zwischen dem fiktiven politischen und kulturellen Rahmen und der „Realität” nicht auf. Dadurch ist die Serie ständig gezwungen, ihre faktischen Elemente durch verschiedene visuelle und thematische Marker zu signalisieren. Dies gilt sowohl für Fiktionen, die sich in der Gegenwart abspielen, als auch für solche, die in der Vergangenheit angesiedelt sind (Schabacher 2013). Unter diesem Gesichtspunkt stellen diese Marker in ihrer Funktion und Beschaffenheit ebenso eigenständige Objekte der Befragung dar wie die „Realitätseffekte”, mit denen die Diegese und die Welt des Zuschauers für die Dauer einer Einstellung oder Sequenz zusammengebracht werden können (Glevarec 2010).

 

Vorschläge für Beiträge (300-500 Wörter) bitten wir bis zum 31. März 2021 an die Veranstalter der Tagung zu schicken:

Emmanuel Béhague (behague@unistra.fr)

Sonia Goldblum (sonia.goldblum-krause@uha.fr)

 

Rückmeldung erhalten Sie bis Anfang Mai 2021.

 

 

 

Auswahlbibliographie

 

Benassi, S., Séries et feuilletons T.V. : pour une typologie des fictions télévisuelles, éditions du CEFAL, Liège, 2000.

Besand, A. (éd.), Von Game of Thrones bis House of Cards: Politische Perspektiven in Fernsehserien, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2018.

Deroide, I., « Les séries historiques entre la fiction et le réel : quand les scénaristes rivalisent avec les historiens », TV/Series 1 (2012) http://journals.openedition.org/tvseries/1038.

Deroide, I., Dominer le monde: les séries historiques anglo-saxonnes, Vendémiaire, Paris, 2017.

Esquazi, J. P., Les séries télévisées : l’avenir du cinéma?, Armand Colin, Paris, 2014.

Glevarec, H., « Trouble dans la fiction. Effets de réel dans les séries télévisées contemporaines et post-télévision », Questions de communication» 18/2 (2010), p. 214-238.

https://journals.openedition.org/questionsdecommunication/405#xd_co_f=ZjVmOTM2YTctNDVmNi00...

Hissnauer, C. - Scherer S. - Stockinger C., (éd.), Zwischen Serie und Werk. Fernseh- und Gesellschaftsgeschichte im “Tatort”, transcript, Bielefeld, 2014.

Kleinhans, B., „Mehr als Kostüm und Kulisse: Geschichtsphilosophie im Historienfilm“, in Facts und Fiction, Aus Politik und Zeitgeschichte, 51 (2016), p. 19-24.

Maeder, D., Die Regierung der Serie, transcript, Bielefeld, 2020.

Rothhöhler, S., Theorien der Serie zur Einführung, Junius-Verlag, Hamburg, 2020.

Satjukow S., Gries R., „Hybride Geschichte und Para-Historie: Geschichtsaneignungen im 21. Jahrhundert“, Facts und Fiction, Aus Politik und Zeitgeschichte, 51 (2016), p. 12-18.

Schabacher G., « Mediatisierte Geschichte. Serielle Verfahren der Historisierung am Beispiel von Mad Men », in: Maeder, D.Wentz, D. (Hrsg.), Der Medienwandel der Serie – Navigationen. Zeitschrift für Medien- und Kulturwissenschaften, 1 (2013), p. 13-30.

Schleich, M.Nesselhauf, J., Fernsehserien. Geschichte, Theorie, Narration, A. Francke Verlag, Tübingen, 2010.

Sepulchre, S.Maigret, É. (éd.), Décoder les séries télévisées, De Boeck supérieur, Louvain-La-Neuve, 2017.

Thompson, R. Television’s second golden age: From Hill street blues to ER, Syracuse University press, Syracuse, 1997. 


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu