CFP: Vom Exil erzählen. Deutsch-französischer Austausch zur deutschsprachigen Literatur, zum Kino und zum Comic im 21. Jahrhundert, Paris (21.02.2021)

Thomas Sähn's picture

Vom Exil erzählen.

Deutsch-französischer Austausch

zur deutschsprachigen Literatur, zum Kino und zum Comic im 21. Jahrhundert

 

Tagung für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler

an der École normale supérieure Paris

21. bis 22. Mai 2021

mit finanzieller Unterstützung des DAAD

 

 

Im Sommer 2015 spielen sich katastrophale Szenen an den Außen- und Binnengrenzen des Schengen-Raums auf der Balkan-Route ab. Auslöser dieser humanitären Krisensituation ist unter anderem ein rasanter Anstieg der Anzahl der Flüchtenden und somit auch der Asylanträge innerhalb der Europäischen Union. Allein in der ersten Jahreshälfte bitten circa 400.000 Menschen um internationalen Schutz in der EU.[1] Vor allem aufgrund des Krieges in Syrien ist die Zahl der Geflüchteten innerhalb von fünf Jahren um ein Drittel auf über 60 Millionen Menschen im Jahr 2015 gestiegen.[2] Im europäischen Kontext werden inmitten dieser humanitären Katastrophe nicht zuletzt auch die deutsch-französischen Beziehungen auf eine harte Probe gestellt. Es kommt zu Konflikten zwischen beiden politischen Partnern.

In diesem humanitären Krisenkontext tritt die Exil- und Migrationsthematik, die sehr stark in den politischen und medialen Diskursen vertreten ist, umso vehementer in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur hervor. Autor*innen, die in der deutschsprachigen Literaturszene mehr oder weniger gut bekannt sind und selbst die Erfahrung des Exils gemacht haben, publizieren Erzähltexte, die diesen Umbruch reflektieren. Dazu zählen Romane und Erzählungen wie beispielsweise Ohrfeige (2016) von Abbas Khider, Vor der Zunahme der Zeichen (2016) von Senthuran Varatharajah, Nach der Flucht (2017) von Ilja Trojanow, Gott ist nicht schüchtern (2017) von Olga Grjasnowa oder Herkunft (2019) von Saša Stanišić. Die Texte zeugen von aktuelleren Auseinandersetzungen der Autor*innen mit der Thematik ‚Exil und Migration‘, wobei sie jedoch von Ereignissen handeln können, die weit vor der „Flüchtlingskrise“ im Jahr 2015 anzusiedeln sind. Allerdings sind sie bei weitem auch nicht die ersten deutschsprachigen Erzähltexte, die sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts diesem Thema widmen. 

Ebenso kann im Bereich der Literaturwissenschaft ein neues Interesse an dieser Thematik konstatiert werden, das mit neuen Perspektiven auf die Exilliteratur einhergeht. Die Anfänge der Exil- und Migrationsliteraturforschung sind in Deutschland in den 70er Jahren anzusetzen, als vermehrt Autor*innen in den Blick genommen wurden, die vor dem Nationalsozialismus geflohen sind und ihr Werk auf Deutsch im Exil fortsetzten. Derzeit beschäftigt sich dieses Forschungsfeld mit der Entstehung einer neuen, durch aktuelle geopolitische Veränderungen hervorgerufenen Exilliteratur.[3] Denn blieben die Arbeiten in diesem Bereich lange auf den Zeitraum von 1933 bis 1945 beschränkt, öffnen sich aktuelle Untersuchungen zunehmend für neue zeitliche und geographische Räume des Exils. Davon zeugt hauptsächlich der Tagungsband Exil und Literatur (2013) von Doerte Bischoff und Susanne Komfort-Hein, die für eine Öffnung des Begriffes ‚Exilliteratur‘ hin zu neuen Exilerfahrungen plädieren und ihn gleichzeitig mit Problemstellungen der Postcolonial Studies und der Transareal Studies verknüpfen.[4] Der Band stellt einen zentralen Ausgangspunkt[5]für die Studien dar, die nach 2015 erscheinen und die sich zum großen Teil in dessen Kielwasser bewegen.[6]

Hinsichtlich der französischen Germanistik ist eine ähnliche Feststellung zu machen. Seit 2010 wurden zwei Tagungsbände veröffentlicht – Asholt et al. (2010) und Meyer (2012) –, die beide im deutsch-französischen Kontext anzusiedeln sind. Während sich der erste Tagungsband auf beide Sprachräume konzentriert und sich auf das von Ottmar Ette geprägte Konzept der „Literatur(en) ohne festen Wohnsitz“ stützt, schlägt der zweite den Begriff „Germanophonie“ vor, um die neuen mit Exil und Migration verbundenen Herausforderungen begrifflich zu fassen. Diese zwei Tagungsbände haben jedoch keine weiterreichenden Untersuchungen in der französischen Germanistik nach sich gezogen. Als einzige Ausnahme ist in dieser Hinsicht der Tagungsband von Picker/Kimmich (2016) anzuführen, allerdings verschreibt auch er sich eher einer deutsch-französischen Perspektive. Ohne einen spezifischen Fokus auf die deutschsprachige Literatur wird die Auseinandersetzung mit Repräsentationen von Exil und Migration heute eher in einem breiteren Rahmen fortgeführt. Die Germanistik erscheint hier nur mehr neben einer Reihe anderssprachiger Literaturen.[7]

Die Tagung soll deutschen und französischen Germanist*innen, die sich mit den Themen Exil und Migration in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur auseinandersetzen, einen Rahmen bieten, in dem sich junge Wissenschaftler*innen mit Spezialist*innen des Forschungsgebiets austauschen können. Einerseits soll das Hauptaugenmerk der Tagung auf den literarischen Produktionen nach 2015 liegen, um auf diese Weise die eventuellen Aus- und Nachwirkungen der „Flüchtlingskrise“ von 2015 auf die Veröffentlichungen der letzten 5 Jahre in den Blick nehmen zu können. Dazu gehören auch Texte, die sich mit ‚anderen‘ Exil- und Migrationserfahrungen auseinandersetzen, d.h. mit Erlebnissen, die weit vor dem Sommer 2015 oder in anderen geografischen Räumen anzusiedeln sind, eventuell aber mit diesen direkt oder indirekt in Resonanz treten. Nicht zuletzt sind die Ereignisse von 2015 der Kulminationspunkt einer seit Jahren andauernden Krise. Daher sind Beiträge über Erzähltexte, die seit Beginn des 21. Jahrhunderts veröffentlicht wurden, ebenfalls willkommen. Andererseits soll dieser Textkorpus einen Ausgangspunkt für einen Austausch über methodologische Ansätze bieten. Gibt es in Deutschland und Frankreich Unterschiede in den Ansätzen und den Theorien, auf die Bezug genommen wird? Inwiefern lassen sich diese Unterschiede auf verschiedene institutionelle Entwicklungen vor allem im Bereich Postcolonial Studies wie auch divergierende Themenstellungen zurückführen? In Deutschland wird in der Exil- und Migrationsliteraturforschung im Zuge des spatial turn, der hier beachtliche Resonanzen gefunden hat, beispielsweise oft auf Theorien zurückgegriffen, mittels derer sich die räumlichen Konfigurationen der Texte fassen lassen. Wie sieht es damit in Frankreich aus? Gibt es hier spezifische Ansätze, die in Deutschland weniger in Betracht gezogen werden und die den Blick auf die Thematik erweitern könnten? Wie steht es darüber hinaus um die Integration von Ansätzen aus anderen Sprachgebieten? In diesem Kontext ist der in Lateinamerika geprägte Begriff ‚Transkulturalität‘ (vgl. Ortiz 1987; Rama 2008) zu erwähnen, der beispielsweise in Deutschland von Wolfgang Welsch (vgl. Welsch 2012) übernommen und weitergedacht wurde. Dazu zählt auch der symbolträchtige Kulturwissenschaftler Stuart Hall, dessen Arbeiten es erlauben, über kulturelle Identitäten im Kontext der Globalisierung nachzudenken. Ebenso bietet sich eine Auseinandersetzung mit der ‚Selbst-Verortung‘ der untersuchten Texte an – eine ‚Selbst-Verortung‘, die beispielsweise durch die Integration und/oder Aneignung einer oder verschiedener nationaler Literaturtraditionen in Form von u.a. intertextuellen Bezüge erfolgen kann und die eventuell transnationale/transkulturelle Sichtweisen erzeugen. In welchem Maße reflektieren die Texte vielleicht auch selbst theoretische und methodologische Fragestellungen? Schließlich können ebenso die verschiedenen medialen Ausprägungen der Erzählungen von Exil und Migration in den Blick genommen werden. Zu denken ist in dieser Hinsicht neben literarischen Erzähltexten ebenso an den Film (z.B. Transit (2018) von Christian Petzold oder Exil (2020) von Visa Morina) oder den Comic (z.B. Im Land der Frühaufsteher (2012) von Paula Bulling oder Im Himmel ist Jahrmarkt (2013) von Birgit Weyhe).

 

Themenvorschläge mit einem kurzen Abstract (ca. 300 Wörter) sowie einigen kurzen biografischen Angaben sind bis zum 21. Februar an verena.richter@ens.psl.eutheresa.wagner@ens.psl.eu und tsahn@eila.univ-paris-diderot.fr erbeten. Die Arbeitssprachen sind Französisch und Deutsch. Die zumindest passive Beherrschung beider Sprachen wird vorausgesetzt.

Auswahlbibliographie

Asholt, Wolfgang; Marie-Claire Hoock-Demarle; Linda Koiran; Katja Schubert (Hrsg.) (2010): Littérature(s) sans domicile fixe – Literatur(en) ohne festen Wohnsitz, Tübingen: Narr.

Asmus, Sylvia; Doerte Bischoff; Burcu Dogramaci (Hrsg.) (2019): Archive und Museen des Exils, Berlin/Boston: De Gruyter.

Aumüller, Matthias; Weertje Willms (Hrsg.) (2020): Migration und Gegenwartsliteratur. Der Beitrag von Autorinnen und Autoren osteuropäischer Herkunft zur literarischen Kultur im deutschsprachigen Raum, München: Wilhelm Fink.

Baltes-Löhr, Christel; Beate Petra Kory; Gabriela Şandor (Hrsg.) (2019): Auswanderung und Identität. Erfahrungen von Exil, Flucht und Migration in der deutschsprachigen Literatur, Bielefeld: transcript.

Bannasch, Bettina; Gerhild Rochus (Hrsg.) (2013): Handbuch der deutschsprachigen Exilliteratur. Von Heinrich Heine bis Herta Müller, Berlin/Boston: De Gruyter.

Bannasch, Bettina; Katja Sarkowsky (Hrsg.) (2020): Nachexil / Post-Exil, Berlin/Boston: De Gruyter.

Bauer, Matthias; Martin Nies; Ivo Theele (Hrsg.) (2019): Grenz-Übergänge. zur ästhetischen Darstellung von Flucht und Exil in Literatur und Film, Bielefeld: transcript.

Becker, Sabina (2013): „Transnational, interkulturell und inter-disziplinär: Das Akkulturationsparadigma der Exilforschung“, in: Literatur und Exil. neue Perspektiven, hrsg. v. Doerte Bischoff; Susanne Komfort-Hein, Berlin: De Gruyter, 49-70.

Bernd, Zilá; Norah Dei Cas-Giraldi (Hrsg.) (2014): Glossaire des mobilités culturelles, Bruxelles: Peter Lang.

Biemann, Asher D.; Richard I. Cohen; Sarah E. Wobick-Segev (Hrsg.) (2019): Spiritual Homelands. The Cultural Experience of Exile, Place and Displacement among Jews and others, Berlin: De Gruyter.

Bischoff, Doerte (Hrsg.) (2016): Exil – Literatur – Judentum, München: edition text+kritik.

Bischoff, Doerte; Susanne Komfort-Hein (Hrsg.) (2013): Literatur und Exil. Neue Perspektiven, Berlin: De Gruyter.

Dickow, Sonja (2019): Konfigurationen des (Zu-)Hauses. Diaspora-Narrative und Transnationalität in jüdischen Literaturen der Gegenwart, Berlin: Metzler.

Ette, Ottmar (2005): ZwischenWeltenSchreiben. Literaturen ohne festen Wohnsitz, Berlin: Kadmos.

Ette, Ottmar (2012): TransArea. Eine literarische Globalisierungsgeschichte, Berlin/Boston: De Gruyter.

Herrmann, Elisabeth; Carrie Smith-Prei; Stuart Taberner (2015) (Hrsg.): Transnationalism in Contemporary German-Language Literature, Rochester, New York: Camden House.

Icon Düsseldorf (Hrsg.) (2020): Krieg und Migration im Comic. Interdisziplinäre Analysen, Bielefeld: transcript.

Lehman, Julian (2015): Ein Rückblick auf die EU-„Flüchtlingskrise“ 2015, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Bundeszentrale für politische Bildung, Nr. 52, 7.

Meyer, Christine (Hrsg.) (2012): Kosmopolitische ‚Germanophonie‘. Postnationale Perspektiven in der deutschsprachigen GegenwartsliteraturWürzburg: Königshausen & Neumann.

Narloch, Sandra; Sonja Dickow (2014): „Das Exil in der Gegenwartsliteratur“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Bundeszentrale für politische Bildung, Nr. 42, 15-21.

Nouss, Alexis; Chrystel Pinnçonat; Fridrun Rinner (Hrsg.) (2017): Littératures migrantes et traduction, Aix-en-Provence: Presses Universitaires d’Aix-Marseille.

Ortiz, Fernando (1987): Tabak und Zucker. Ein kubanischer Disput [1940], Frankfurt a.M.: Insel-Verlag.

Palm, Christian (2017): Exil und Identitätskonstruktion in deutschsprachiger Literatur exilierter Autoren. Das Beispiel SAID und Rapithwin, Heidelberg: Winter.

Picker, Marion; Dorothee Kimmich (Hrsg.) (2016): Exil – Transfer – Gedächtnis. Deutsch-französische Blickwechsel / Exil – transfert – mémoire, Frankfurt a.M.: Peter Lang.

Rama, Ángel (2008): Transculturación narrativa en América Latina, Buenos Aires: Siglo XXI.

Terrones, Emmanuelle (2019): Flüchtlingsromane, une nouvelle catégorie littéraire, in: Exil et MigrationsURL: https://migrexil.hypotheses.org/250 [11.01.2021].

Welsch, Wolfgang (2012): „Was ist eigentlich Transkulturalität?”, in: Kulturen in Bewegung. Beiträge zur Theorie und Praxis der Transkulturalität, hrsg. v. Dorothee Kimmich; Schamma Schahadat, Bielefeld: transcript, 25-40.

 

[1] Vgl. Lehman (2015).

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. Narloch/Dickow (2014).

[4] Vgl. hierzu insbesondere auch den Beitrag von Becker (2013).

[5] Ist diesem Kontext ist auch das Handbuch der deutschsprachigen Exilliteratur, herausgegeben von Bettina Bannasch und Gerhild Rochus (2013), von großer Bedeutung. 

[6] Vgl. Bischoff (2016); Palm (2017); Baltes-Löhr/Kory/Şandor (2019); Bauer/Nies/Theele (2019); Dickow (2019); Bannasch/Sarkowsky (2020); Aumüller/Willms (2020).

[7] Vgl. Nouss/Pinnçonat/Rinner (2017); Terrones (2019); die internationale Tagung: Poétique du récit migratoire, Rennes, Oktober 2018, sowie die internationale Tagung: Être(s) clandestinsDijon, Oktober 2018. 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

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