ZS: ZGL | Zeitschrift für Germansitische Linguistik, Themenheft: „Narrativität als linguistische Kategorie“

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ZGL 2020 | Band 48 | Heft 3

Themenheft "Narrativität als linguistische Kategorie", besorgt von Sonja Zeman

Die Linguistik hat sich seit jeher in all ihren Subdisziplinen mit narrativen Texten beschäftigt: Die historische Sprachwissenschaft beruht traditionell auf der philologischen Bearbeitung von althochdeutschen, mittelhochdeutschen und frühneuhochdeutschen Textquellen, die zu einem Großteil aus narrativen Texten bestehen. Textlinguistische Kategorien wie Kohärenz und Kohäsion werden bevorzugt an narrativen Texten untersucht. Übereinzelsprachlich ist gezeigt worden, dass der narrative Kontext für den Gebrauch grammatischer Kategorien wie Aspekt und Tempus von grundlegender Relevanz ist. In der Sprachtypologie werden sowohl die Verwendung grammatischer Elemente in narrativen Texten als auch der Aufbau narrativer Texte verglichen. Die Soziolinguistik befasst sich mit narrativen Textentfaltungsmustern. Ebenso spielt Erzählen in der Forschung zum Kindspracherwerb und der Textdidaktik eine wichtige Rolle, da mündliches wie schriftliches Erzählen spezifische sprachliche Verfahren erfordert, die erst erlernt werden müssen. Diese Fähigkeiten werden wiederum patholinguistischen Testverfahren als Indikatoren für Erzählkompetenzen zugrunde gelegt. Mit ihrem Fokus auf sprachlichen Mustern, die über die Satzgrenze hinausreichen, haben sich zudem auch die Konstruktionsgrammatik und die funktionale Pragmatik intensiv mit dem Erzählen befasst. Diskursanalytische Studien haben insbesondere das konversationelle Erzählen in den Fokus gerückt. In deren Tradition untersucht die Interaktionale Linguistik Erzählen als dialogischen Prozess, der durch die KommunikationsteilnehmerInnen bestimmt wird. Weitere neue Zugänge zum Erzählen ergeben sich zudem in den Forschungen der Computerlinguistik, zu den neuen Medien und Multimodalität. 

Anders als in den Nachbardisziplinen der Narratologie, der Literaturwissenschaft und der Psychologie, in denen das Konzept der Narrativität intensiv debattiert wird, ist in der Linguistik eine Diskussion um die Frage, welche spezifischen Charakteristika Texte, Textpassagen und Diskursrelationen als narrativ ausweisen, kaum geführt worden. Angesichts des breiten Spektrums der Verwendungsweisen der Begriffe ‚narrativ‘ und ‚Narration‘ wäre ein solche Diskussion allerdings sowohl aus theoretischer wie empirischer Sicht von grundlegendem Interesse, da sie die Voraussetzung darstellt, um die unterschiedlichen Forschungsperspektiven in Bezug setzen und die Bezüge der unterschiedlichen Dimensionen von Narrativität systematisch erfassen zu können. Um eine solche Diskussion anzustoßen und voranzutreiben, versammelt das vorliegende Themenheft unterschiedliche Perspektiven zu Narrativität und Narration.

 

Einleitung
Sonja Zeman: Narrativität als linguistische Kategorie. Schlaglichter auf ein sprachliches Grundkonzept [Narrativity as a Linguistic Category. Highlighting a Basic Linguistic Concept]

Aufsätze
Sonja Zeman: Grammatik der Narration [Grammar of Narration]

 

Regine Eckardt: Narrative Mikrostruktur. Ror Wolf durch die linguistische Brille gelesen [Narrative Microstructure. Ror Wolf Read through Linguistic Glasses]


Stefan Hinterwimmer: Zum Zusammenspiel von Erzähler- und Protagonistenperspektive in den Brenner-Romanen von Wolf Haas [The Interaction of Narrator Perspective and Protagonist Perspective in Wolf Haas’ Brenner Novels]
 

Noah Bubenhofer: Semantische Äquivalenz in Geburtserzählungen: Anwendung von Word Embeddings [Semantic Equivalence in Birth Stories: Application of Word Embeddings]
 

Wolfgang Schulze †: Explorationen zur Genre-Grammatik von Volksnarrationen [Genre Grammar in Popular Narratives. An Exploration]

Bericht
Vanessa Münch; Natur – Kultur – Mensch. Sprachliche Praktiken um ökologische Nachhaltigkeit. Tagung des Forschungsnetzwerks Sprache und Wissen vom 30.09.2019 bis 02.10.2019 an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften [Nature–Culture–
Humanity. Linguistic Practices around Ecological Sustainability. Conference of the Research Network Sprache und Wissen from September 30, 2019 to October 2, 2019 at Heidelberg Akademie der Wissenschaften] 638

Ressourcen
Sven Ender: Logik und Sprachwissenschaft: Online-Ressourcen [Logic and Linguistics: Online Resources]

Zeitschriftenschau [Journal Review]

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Zeitschrift für germanistische Linguistik

Deutsche Sprache in Gegenwart und Geschichte

Herausgegeben von: Vilmos Ágel, Helmuth Feilke, Angelika Linke, Anke Lüdeling und Doris Tophinke

https://www.degruyter.com/view/journals/zfgl

 

Der Gegenstandsbereich der Zeitschrift für germanistische Linguistik (ZGL) ist die deutsche Sprache in Gegenwart und Geschichte in all ihren Differenzierungen. Der Schwerpunkt liegt auf der Standardsprache der Gegenwart. Die ZGL veröffentlicht Aufsätze, Diskussionen, Berichte über wichtige Ereignisse im Fach und Kommentare zu ausgewählten Büchern.

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Lukas Büsse] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

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