CFP: Briefpublizistik der Frühen Neuzeit - Daphnis-Schwerpunktheft 2022 (31.01.2021)

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Call for Papers

Daphnis-Schwerpunktheft 2022: Briefpublizistik der Frühen Neuzeit

Hrsg. von Christian Meierhofer und Björn Spiekermann

 

Das geplante Schwerpunktheft des Daphnis widmet sich der deutschen Briefpublizistik und Briefessayistik der Frühen Neuzeit. Bekanntlich wurde die Briefform seit der Antike genutzt, um in zwangloser und oft persönlich gefärbter, aber auch polemischer oder satirischer Weise über verschiedenste Gegenstände zu informieren oder zu belehren. Als Sendbriefe, offene Briefe oder Epistolardissertationen haben fingierte Einzelbriefe oder „Dunkelmännerbriefe“ (Rogge 1966) seit der Reformationszeit wichtige publizistische Funktionen übernommen. Die als (meist) fingierte Briefwechsel oder ‑sammlungen realisierten „Brieffolgen“ (Nickisch 1991) gehören spätestens seit dem 17. Jahrhundert und bis weit in das 19. Jahrhundert fest zum Bestand der sich formierenden und ausdifferenzierenden literarischen Öffentlichkeit. „Briefe über“ bestimmte Themen prägen ganz besonders – etwa auch in periodischer Erscheinungsweise – die Publizistik und Literaturkritik des 18. Jahrhunderts. Dabei kann die Verwendung der Briefform ganz verschiedene Ausprägungen annehmen. Einige Beispiele mögen das illustrieren:

Zu den oft auf ein engeres Publikum zielenden Sendbriefen und offenen Briefen mit meist realen Verfassernamen – ähnlich bei dem an Cicero und Petrarca angelehnten, inhaltlich aber ganz verschieden gefüllten Modell der Epistolae familiares (z.B. bei J. Camerarius [1583] oder Franz Lang [1725]) – tritt im 17. Jahrhundert der fingierte Brief, mal einzeln, mal als Sammlung auftretend, als formale Variante des Essays. Sehr prominent sind etwa Pascals Lettres à un Provincial (1656/57) oder Pierre Bayles Pensées diverses sur la comète (1683). Daneben steht seit etwa 1700 das große Korpus von mehr oder minder fingierten, mal informierenden, mal satirischen Reisebriefen „aus“ oder „über“ bestimmte Gegenden der wirklichen oder erfundenen Welt, zunehmend nun auch mit politischen Inhalten wie z.B. die Briefe aus dem Monde (1785) von J. Friedel. Als Muster dieser letzteren Subgattung können Montesquieus Lettres persanes von 1721 gelten. Spätestens seit 1740 wird die Briefform auch zum festen Teil des Literaturbetriebs. Neben den Briefen, die neueste Litteratur betreffend (1759–1765) als dem wohl bekanntesten Beispiel stehen hier etwa Gerstenbergs Briefe über Merkwürdigkeiten der Literatur (1766/67) oder Goethes Brief des Pastors zu *** an den neuen Pastor zu *** (1773).

Inhaltlich kennt die Briefpublizistik im 18. Jahrhundert keine Grenzen mehr. Das thematische Spektrum umfasst grundsätzliche Erörterungen wie J. H. Lamberts Cosmologische Briefe über die Einrichtung des Weltbaus (1761) ebenso wie die heute unfreiwillig komisch wirkenden Briefe eines Frauenzimmers an ihre Freundin in St** die Waschmaschine betreffend von J. Chr. Thenn (1767). Politische und soziale Denkschriften (z.B. F. Martinis Briefe über den schlechten Zustand des Landmannes und über die Mittel ihn zu ändern von 1769) kommen ebenso vor wie moralisch-erbauliche (z.B. Auserlesene Briefe über verschiedene Gegenstände aus der Sittenlehre und Religion, 1763), pädagogische oder familiär-ökononomische Themen. Unübersehbar ist schließlich seit etwa 1750 die Verwendung der Briefform zum Zweck der Wissenspopularisierung. Bekannt geworden sind z.B. Leonhard Eulers Briefe an eine deutsche Prinzessinn über verschiedene Gegenstände aus der Physik und Philosophie (zuerst 1769, zahlr. Aufl.).

Der geplante Band nähert sich dem zugleich wissenschafts-, literatur- und mediengeschichtlichen Phänomen der Briefpublizistik aus einer kulturwissenschaftlich breiten Perspektive. Gefragt wird nach den gattungs-, funktions- und stilgeschichtlichen Prämissen, die nicht zuletzt von den Briefstellern ausgehen (Furger 2010) und eine Nähe von Brief und Essay erkennen lassen (Nickisch 1969), ebenso aber nach den langfristigen bewusstseinsgeschichtlichen Transformationen, und zwar vor und nach dem vielberufenen ‚Strukturwandel der Öffentlichkeit‘ im 18. Jahrhundert. Die Ambiguität zwischen fingierter Intimkommunikation und Publizität, zwischen Fiktion und Faktualität, zwischen scheinbar spontaner Mitteilung und dem journalistischen Kalkül periodischer Abfolgen, schließlich auch die Inszenierung von räumlicher und zeitlicher Nähe oder Distanz lassen vor allem die „Briefe über…“ als ein geeignetes Medium erscheinen, um literaturtheoretische, kultur- und geschichtswissenschaftliche Konzepte (etwa auch Verzeitlichung und Sattelzeit) in ihrer literaturgeschichtlichen und textanalytischen Anwendbarkeit zu überprüfen. Der Band zielt somit auch auf die historischen Voraussetzungen jener Leitunterscheidung, die aktuell zwischen dem Brief als Dokument und seiner Literarizität oder seinem „Kunstcharakter“ getroffen wird (Schuster 2020). Anhand von kanonischen und bislang kaum berücksichtigten Texten (vgl. etwa die Heidelberger Datenbank Corpus Epistolicum Recentioris Aevi; Spiekermann 2020) sollen zuletzt einige Masternarrative wie die Leserevolution, die Verzeitlichung von Gegenwart oder die Entstehung einer literarischen Öffentlichkeit überprüft werden.

 

Mögliche Beiträge können sich z.B. innerhalb der folgenden Problemfelder bewegen:

– Privatheit und Öffentlichkeit

– Gelehrte/fachliche Exklusivität und Popularisierung

– Authentizität und Literarizität

– Materialität und Medialität

– Fiktionalität und Faktualität

– Internationalität (bes. bei Reisebriefen) und Regionalität

– Okkasionalität (z.B. konkrete Ereignisse, Bücher, Personen) und Periodizität

Diese Begriffspaare sind nicht als ontologische Kategorien zu verstehen, sondern als rhetorische Konstrukte oder Diskurselemente, die in Briefen und Briefsammlungen zur Anwendung kommen, um die jeweilige Brieffiktion bzw. Schreibsituation zu entwerfen. Erwünscht sind daher auch besonders Beispiele oder Analysen, die den Konstruktcharakter und mögliche selbstreflexive Äußerungen in den Texten selbst herausarbeiten. Auf diese Weise sollen neben den Fallstudien auch Materialien für eine Poetik des öffentlichen Briefeschreibens in der Frühen Neuzeit zusammengetragen werden. Darüber hinaus sind wissensgeschichtliche, rezeptionsgeschichtliche (bes. mit Blick auf die großen antiken Vorbilder wie Seneca, Plinius und Cicero), sozial- und bewusstseinsgeschichtliche Aspekte willkommen, die z.B. durch Kontextualisierung und diachrone Perspektivierung den historischen Ort der Briefpublizistik im Diskursfeld der Frühen Neuzeit bestimmen helfen.

Wir laden interessierte Beiträgerinnen und Beiträger zu einer Aufsatzpublikation von rund 20 Seiten ein. Themenvorschläge und ein kurzes Abstract erbitten wir bis zum 31.1.2021 per E-Mail. Weitere Informationen geben wir rechtzeitig bekannt. Alle Aufsätze werden in einem Peer-review-Verfahren doppelt begutachtet. Über die endgültige Annahme entscheidet aufgrund der entsprechenden Gutachten das Editorial Board der Zeitschrift Daphnis.

 

Kontakt:

Prof. Dr. Björn Spiekermann, spiekermann@mail.sysu.edu.cn

PD Dr. Christian Meierhofer, meierhofer@uni-bonn.de

 

 Literatur:

Furger, Carmen: Briefsteller. Das Medium „Brief“ im 17. und frühen 18. Jahrhundert. Köln, Weimar, Wien 2010.

Nickisch, Reinhard M. G.: Brief. Stuttgart 1991 (Sammlung Metzler, 260).

Nickisch, Reinhard M. G.: Die Stilprinzipien in den deutschen Briefstellern des 17. und 18. Jahrhunderts. Mit einer Bibliographie zur Briefschreiblehre (1747–1800). Göttingen 1969.

Rogge, Helmuth: Fingierte Briefe als Mittel politischer Satire. München 1966.

Schuster, Jörg: Literaturwissenschaft (Neuere deutsche Literatur). In: Handbuch Brief. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Bd. 1. Hrsg. v. Marie Isabel Matthews-Schlinzig u.a. Berlin, Boston 2020, S. 5–18.

Spiekermann, Björn: ‚Philosophische Briefe‘ (‚Ästhetische Briefe‘/‚Literarische Briefe‘) als Genre des 18. Jahrhunderts. In: Handbuch Brief. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Bd. 2. Hrsg. v. Marie Isabel Matthews-Schlinzig u.a. Berlin, Boston 2020, S. 975–984.

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Constanze Baum] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

 

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