CFP: [kon]-paper Nr. 8 zum Thema "Jagd" (21.01.2021)

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Das interdisziplinäre Literatur- und Kulturmagazin [kon]-paper schreibt seit 2015 mit jeder Ausgabe ein Wort aus, dem sich Feuilleton- und Essaybeiträge sowie Gedichte, kurze Prosa und szenische Texte widmen. Die für August 2021 geplante achte Ausgabe gehört ganz dem Thema »Jagd«. Ob Metapher, Motiv oder Akt in Musik, Literatur, Politik, Religion, Kultur oder Sprache: Ziel ist es, die Jagd thematisch aufzufächern und durch möglichst vielfältige Beiträge neue Perspektiven auf den Begriff zu eröffnen.

Jagd, das beschreibt zunächst ein Bündel von Handlungen – das Aufsuchen, Nachstellen, Fangen und Erlegen von Wild –, in dem sich der bzw. die Jagende als Subjekt dem Jagdobjekt gegenüber positioniert. Allerdings zerfällt diese Begrenzung der Jagd auf einen auf Tötung ausgerichteten Handlungsverlauf bereits in der juristischen Begriffsbestimmung: Durch die im ersten Paragraphen des Bundesjagdgesetzes aufgeführte »Pflicht zur Hege« des Wildes und seiner Lebensgrundlage, dem Wald, wird die Jagd zugleich örtlich be- und zeitlich entgrenzt sowie im Spannungsfeld von Töten und Pflegen verortet. Aufgespannt zwischen der Jagd als jahrhundertealtem Brauchtum, Tier-, Umwelt- und Klimaschutz sowie der Jagd zur Fleisch- und Fellgewinnung oder als Unterhaltungssport, sprengt die Jagd thematisch auch die Grenzen des Waldes: Bei der Jagd hat, wie Julia Klöckner es im BR in Bezug auf die geplante Novellierung des Jagdgesetzes 2021 gesagt hat, »alles mit allem zu tun«.

Das Thema »Jagd« bietet neben Analysen gegenwärtiger juristischer, ökonomischer und (umwelt-)politischer Entwicklungen vor allem auch Raum für literatur- und kulturwissenschaftliche Bearbeitungen, die diese Ambivalenzen und Strukturen verhandeln:

So lässt sich die Jagd in ihrem Vierschritt aus Aufsuchen, Nachstellen, Fangen und Erlegen als Organisationsstruktur von Handlung denken, die Detektivgeschichten des 19. Jh. ebenso prägt wie aktuelle Videospiele, Filme und Serien: Von »Buffy the Vampire Slayer« (1997–2003) über »Sherlock Holmes« (2010–2017) hin zu »The Witcher« (2008–2015/2020) und »Hunters« (2020) – überall wird die Jagd zum Strukturmoment der Handlung. Zugleich bevölkern hierdurch Jäger:innen aller Art die Popkultur: Neben bekannten Verbrecher-, Schatz- und Monsterjäger:innen wie Geralt von Riva oder Indiana Jones reihen sich durch Augmented-Reality-Spiele wie »Pokémon go« auch die Spielenden selbst in die Schar der aktiv Jagenden.

Dabei sind es mitunter dieselben Figuren, die seit Jahrhunderten das Bild der Jäger:innen prägen, sodass sich deren Entwicklung durch die verschiedenen Epochen und Medien verfolgen lässt: Während in »Snow White and the Huntsman« (2012) der attraktive Jäger zum titelgebenden Held avanciert, ist der Weidmann im Märchen der Gebrüder Grimm ein profilloser Scherge, der Schneewittchen töten und ihrer bösen Stiefmutter Lunge und Leber zum Beweis ihres Todes – als Trophäe und Speise – bringen soll. Robin Hood dagegen lehnt sich in seinen frühesten Fassungen mit der Übertretung der repressiven Jagdverbote gegen die Unterdrückung durch die Reichen auf und macht später in der Disney-Version ohne Blutvergießen, dafür aber als Fuchs, in den königlichen Forsten Jagd auf Wild und Reiche. Die reiche Elite ist es auch, die der Hauptfigur der tschechischslowakischen Adaption des »Rattenfängers von Hameln« (1985) zum Opfer fällt, während der Rattenfänger der Gebrüder Grimm im Kostüm eines Jägers die Kinder fortlockt.

Auch in Romanen, Sagen und Dramen zeigt sich die Jagd motivisch als ausgesprochen ambivalente und gefährliche Tätigkeit. So galt die Sichtung der Odensjakt in Skandinavien, des Wüetisheers in der Schweiz oder der Wilden Jagd in Deutschland als schlechtes Omen, das Katastrophen oder den eigenen Tod bedeuten konnte. Melvilles Ahab jagt in »Moby Dick or, the Wale« mit dem Wal dem eigenen Verderben hinterher.

Das Gefahrenpotenzial der Jagd scheint dabei im Falle jagender Frauen für Männer und genealogische Erbkonzepte besonders groß: In Grillparzers Drama »Das goldene Vlies« (1819) wird Medea zu Beginn über ihr Interesse an der vergnüglichen Jagd mit ihren Gefährtinnen eingeführt, während sie im letzten Teil als Mörderin ihrer eigenen Kinder endet. Eine Umkehrung des Spannungsverhältnisses von Subjekt und Objekt der Jagd findet sich in der Antike, etwa in Ovids Metamorphosen: Hier beobachtet der einsame Jäger Aktaion an einer Quelle die Göttin der Jagd, woraufhin diese ihn in einen Hirsch verwandelt, der dann von seinen eigenen Jagdhunden zerrissen wird. Eine Verknüpfung der Jagd mit geschlechterspezifischen Rollenbildern und politischen Entwicklungen findet sich beispielsweise in Arthur Millers Stück »The Crucible« (»Hexenjagd«), das eine der wirkmächtigsten Allegorien auf die antikommunistische Paranoia der McCarthy-Ära darstellt.

Jagd ist jedoch nicht allein die Jagd auf einen Feind, das Verfolgen von Person oder Dingen, das Haschen nach etwas, nach Abenteuern, Schätzen, Gold, Sieg – nach Glück oder Ruhm. Es gibt auch friedlichere Jagden, etwa die in einem Antiquariat auf seltene Bücher, nach Raritäten auf Flohmärkten oder Schnäppchen im Schlussverkauf.

Letztendlich stellt sich aber nicht nur die Frage nach dem oder der Jagenden, sondern auch nach dem Objekt der Jagd: Wer oder was flieht vor wem und warum? Eskapismus gilt in der Medienpsychologie als ein wichtiges Motiv für die Mediennutzung. Was passiert, wenn autonome bewaffnete Drohnen Jagd auf Terroristen machen – und was, wenn die Ziele und Ideale nach dem perfekten Körper, der perfekten Beziehung etc. in einer Art Backlash nicht nur Leib und Leben, sondern auch die psychische Gesundheit und Integrität bedrohen?

Die achte Ausgabe von [kon] fragt nach Relektüren und Analysen rund um das Thema »Jagd«. Dazu sind Beiträge zu folgenden Themenbereichen, aber nicht ausschließlich zu diesen, möglich:

•    Jagd und Sprache: Weidmannssprache, Jägerlatein, Rhetorik und Metaphern – von Hetzen, Headhunter und Halali bis zum »Wir werden sie jagen«
•    Jäger:innen als Figuren der (Welt-)Literatur im Vergleich
•    Jagd und Geschlechterverhältnisse: Jäger:innen und Sammler:innen, Hexenjagd und Schürzenjäger
•    Instrumente und Methoden der Jagd: Netz, Pfeil und Bogen, Blasrohr, Geschick, Deduktion, Fährtenlesen, Jagdhorn, Lockinstrumente etc.
•    Gattungspoetische und formalästhetische Aspekte der Jagd
•    Interdisziplinäre/komparatistische Perspektiven: Inszenierungen der Jagd-Semantiken in Film, Kunst, Theater und Musik
•    Kulturelle Praktiken und Brauchtum bei der Jagd: ›rote Arbeit‹, Bruchzeichen, Jagdsignale etc.
•    Praktiker:innen der Jagd: Wilderinnen und Wilderer, Trophäen-, Schnäppchen- und Schnitzeljäger:innen, Paparazzi, Pick-up-Artists, Headhunter, Detektive etc.
•    Handlungsräume der Jagd: Großstadt, Wald, Politik
•    Jagd als Phänomen der Popkultur: »Buffy«, »Pokémon (go)«, »Inglourious Basterds«, »Zodiac«, »Indiana Jones«, »The Witcher«

[kon] richtet sich vornehmlich an junge Geisteswissenschaftler:innen – Literatur-, Sprach-, Theater-, Kultur- sowie Medienwissenschaftler:innen – es sind jedoch ebenso Forscher:innen anderer Disziplinen willkommen. Wir begrüßen insbesondere Ideen, die eine eurozentristische Perspektive auf die Jagd erweitern. Hierbei sind auch fremdsprachige Texte willkommen, solange deren Übersetzung gewährleistet werden kann.

Abstracts von ca. 300 Wörtern für Essay- und Feuilletonbeiträge sowie vollständige Beiträge für das Ressort »Wortkunst« erbitten wir bis zum 21.01.2021. Die Auswahl erfolgt bis zum 26.01.2021. Die fertiggestellten Essay- und Feuilleton-Beiträge mit entweder max. 11.000 oder max. 20.000 Zeichen sollen bis zum 23.03.2021 vorliegen. Das Heft erscheint voraussichtlich im August 2021.

Kontakt:
Pia Lobodzinski, Chefredakteurin
info@kon-paper.com

Henrike Reintjes und Adela Sophia Sabban, Ressortleitung Essay
essay@kon-paper.com

Felix Lindner, Ressortleitung Feuilleton
feuilleton@kon-paper.com

Fabian Widerna, Ressortleitung Wortkunst
wortkunst@kon-paper.com

Alle weiteren Informationen zum Ablauf und dem Magazin selbst finden sich auf https://kon-paper.com/.

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Constanze Baum] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu