CFP: Eine schöne neue Welt? Heimat im Spannungsfeld von Gedächtnis und Dystopie in Literatur, Film und anderen Medien des 20. und 21. Jh. (07.02.2021)

Carme Bescansa's picture

Call for Contributions

(Online-Workshop und Sammelband, peer-reviewed)

 

Eine schöne neue Welt?

Heimat im Spannungsfeld von Gedächtnis und Dystopie

in Literatur, Film und anderen Medien des 20. und 21. Jh.

 

Forschungsgruppe FFI2017-84342-P (Spanisches Ministerium für Wissenschaft und Innovation) an der Universität des Baskenlandes

 

Der Begriff Heimat hat in den vergangenen Jahrhunderten von Zeit zu Zeit an Bedeutung und Präsenz in der öffentlichen Debatte gewonnen – und dann wieder verloren. Insbesondere in Krisenzeiten, d.h. wenn sich Gesellschaften und Individuen in ihren Gewissheiten sowie in ihren Handlungs- und Denkmustern bedroht fühlten, wurde auf die Heimatkategorie zurückgegriffen, denn Heimat stand im traditionellen Verständnis als Synonym für Geborgenheit, Übersichtlichkeit und für den Ausschluss jedes Anderen. Im Gegensatz dazu setzt sich aber in der akademischen Debatte der letzten Jahrzehnte – u.a. in Anlehnung an den Spatial Turn und den Emotional Turn – eine komplexere Konzeption von Heimat durch, die das Dynamische, Widersprüchliche, Hybride in den Vordergrund stellt und auf eine statische räumliche Gebundenheit verzichtet (vgl. u.a. Eigler, Eigler/Kugele, Blickle, Gebhard et al., Eichmanns/Francke). Für soziale und ideologische Diskurse, die auf Abschottung pochen, ist diese offene Heimatidee eine Herausforderung, und gerade deshalb ist deren Analyse für unsere Forschungsgruppe an der Universität des Baskenlandes ein wichtiges Forschungsvorhaben (s. unten bibliografische Hinweise).

 

Dabei wirft die im Moment verschiedene Diskurse dominierende Pandemie ein neues Licht auf Krisen und Heimatbeschwörungen. Eine Seuche ist in der Literatur und im Film oft der Auftakt für dystopische, sogar apokalyptische Entwicklungen, in denen die Individuen die Kontrolle über die eigene Existenz verlieren. Man denke dabei an die Kontrollmechanismen, die laut Foucault jede große Pandemie mit sich gebracht hat und welche die Freiheiten einer offenen Gesellschaft bedrohen (siehe dazu u.a. den Oktober-Bericht der Stiftung Freedom House). Befinden wir uns bereits in Huxleys schöner neuer Welt?

 

Im Rahmen der Trias aus Heimat, Gedächtnis und Dystopie soll insbesondere die Verbindung von Heimat und Dystopie einen Schwerpunkt des für 2021 geplanten Workshops und die daraus hervorgehende Publikation bilden. Neben dem Begriff der Krise ist für Dystopien Zeitlichkeit von Bedeutung, womit keine lineare Zeitachse gemeint sein muss. Eine Dystopie kann innerhalb kürzester Frist auftreten und von einer Science-Fiction-artigen Zukunft her in die unmittelbare Gegenwart eindringen. Derartige Umbrüche charakterisieren aktuelle Diskussionen um das Anthropozän (Horn, Dürbeck) oder den Posthumanismus (Braidotti) sowie Texte, die das Genre der Dystopie ästhetisch aufbrechen und für innovative Entwürfe öffnen.

 

Ebenso wenig wie Dystopie ausschließlich an Zukunft gebunden sein muss, sind Heimat und Gedächtnis allein in der Vergangenheit verankert, wie bereits die früheren Tagungen unserer Forschungsgruppe gezeigt haben. Allerdings ergeben sich hochinteressante Spannungsräume und Korrelationen, wenn Heimat, Dystopie und Gedächtnis (und damit historische Narrative) in literarischen Texten, visuellen und digitalen Medien miteinander in Verbindung gebracht werden. Welche Konzeptionen von Heimat entstehen z.B. aus erinnerten, erlebten, im Voraus geahnten oder auch fiktiven Katastrophen? Daher bildet das Gedächtnis einen weiteren Grundpfeiler des theoretischen Rahmens für die für 2021 geplante Diskussion und die daraus hervorgehende Publikation. Gedächtnis verstehen wir als ein progressives Konstrukt in Interaktion nicht nur von Kognition, Emotion und Performanz, sondern auch von individuellen und kollektiven Prozessen und als wichtiges Element zur (Selbst)Definition von Individuen (Assmann, Erll, Rothberg, Groes, Koselleck, u.a.).

 

 

Mögliche Fragestellungen können folgende Aspekte und Schwerpunkte mit einbeziehen:

 

  1. Heimat. Neueste Beiträge zur theoretischen Debatte über den Heimatbegriff. Verschiebungen in der traditionellen Dichotomie eigen-fremd. Beispielsweise:
    1. wenn die größte Bedrohung (sei es das Virus, die Gefahr der Entwicklung hin zu einer totalitären Gesellschaft) im Inneren steckt: im Inneren des Menschen, der Gesellschaft, der Heimat,
    2. zunehmende Robotisierung (Entfremdung?) des Menschen,
    3. zunehmende Digitalisierung der Heimat.
  2. Gedächtnis. Aktuelle Einsichten in die Funktionen und die Bedeutung von Gedächtnis zur Gestaltung, aber auch Hinterfragung von dystopischen Heimaträumen wie z.B.:
    1. Externalisierung bzw. Digitalisierung des Gedächtnisses,
    2. Manipulation des Gedächtnisses, u.a. durch Kontrollmechanismen,
    3. Gedächtnis wiederum als Schutzschild gegen Manipulation.
  3. Dystopische Modelle in Literatur, Film und weiteren künstlerischen Ausdrucksformen. Mögliche Unterthemen:
    1. Ökologische Katastrophen,
    2. Eugenik (genetische Manipulation),
    3. politische Dystopien
    4. Zeitlichkeit (Präsentismus, Beschleunigung, Krise),
    5. Zukunftsvisionen. Alternativen zur Katastrophe, Posthumanismus, Transhumanismus.

 

Zur Planung:

 

Abstracts im Umfang von max. 1 DIN-A-Seite (bis 3000 Zeichen inkl. Leerzeichen) + kurze Vita (bis 2000 Zeichen inkl. Leerzeichen) können bis zum 7. Februar 2021 mit vollständiger Anschrift und E-Mail-Adresse eingereicht werden. E-Mailadresse:

heimattagungupvehu@gmail.com

 

Nur solche Abstracts können berücksichtigt werden, die eine systematische und theoretisch fundierte Auseinandersetzung mit den drei genannten Rahmenkonzepten des Bandes (Heimat – Gedächtnis – Dystopie) umreißen und diese sinnvoll miteinander in Bezug setzen. Neben literarischen Texten soll es im Band um Film u.a. visuelle Medien (z.B. Graphic Novels, Cartoons, Photographie, Street Art) sowie digitale Medien gehen. Hierbei ist auch an akustische ‚Texte‘ zu denken. Fragen der Intermedialität oder Transkulturalität sind – innerhalb des vorgeschriebenen theoretischen Rahmens –

 ebenfalls erwünscht.

 

Auf der Basis der angenommenen Abstracts findet am 17.-18. Mai 2021 ein Online-Workshop für die an der Publikation Beteiligten statt. Dabei sollen die theoretischen Ansätze der jeweiligen Beiträge vorgestellt und zusammen mit einer Auswahl der oben genannten Grundlagentexte diskutiert werden.

 

Die auf Grundlage des Workshops überarbeiteten Beiträge werden bis zum 12. September 2021 vorgelegt. Die Drucklegung erfolgt in der ersten Hälfte des Jahres 2022 nach einem erfolgreich durchlaufenen doppelten Peer-Review-Verfahren.

 

Zeitplan:

7. Februar 2021: Abgabetermin für Abstracts
28. Februar 2021: Zusage an die Autorinnen und Autoren
17.-18. Mai: Online-Workshop

12. September 2021: Einsendung der ausformulierten Beiträge

 

 
Wir freuen uns auf reges Interesse und verbleiben mit besten Grüßen 

 

Die Organisation 

Dr. Carme Bescansa (Universität des Baskenlandes) 

Dr. Garbiñe Iztueta (Universität des Baskenlandes)

Prof. Dr. Mario Saalbach (Universität des Baskenlandes) 

cand. phil. Iraide Talavera (Universität des Baskenlandes) 


 
Wissenschaftlicher Beirat
Prof. Dr. Thomas Anz (Universität Marburg)

Prof. Dr. Mario Saalbach (Universität des Baskenlandes) 

Dr. Sabine Egger (Mary Immaculate College, Limerick) 

Dr. Withold Bonner (Universität Tampere) 

Dr. Carme Bescansa (Universität des Baskenlandes) 

Dr. Garbiñe Iztueta (Universität des Baskenlandes)

cand. phil. Iraide Talavera (Universität des Baskenlandes) 

 

Bisherige Tagungspublikationen:

 

Bescansa, Carme; Nagelschmidt, Ilse (Hg.): Heimat als Chance und Herausforderung. Repräsentationen der verlorenen Heimat. Frank&Timme 2014.

Iztueta, Garbiñe; Saalbach, Mario; Talavera, Iraide; Bescansa, Carme; Standke, Jan (Hg.): Raum-Gefühl- Heimat: Literarische Repräsentationen nach 1945. LiteraturWissenschaft.de 2017.

Bescansa, Carme; Saalbach, Mario; Talavera, Iraide; Iztueta, Garbiñe (Hg.): Unheimliche Heimaträume. Repräsentationen von Heimat in der deutschsprachigen Literatur seit 1918. Peter Lang 2020.

Iztueta, Garbiñe; Bescansa, Carme; Saalbach, Mario, Iraide Talavera (Hg.): Heimat und Gedächtnis: Literarische Repräsentationen der Heimat in der neueren Literatur. Peter Lang (im Druck).

Categories: Announcement