CFP: Max Frischs Korrespondenzen, Mulhouse (15.01.2021)

Tobias Amslinger's picture

Tagung an der Université de Haute-Alsace vom 7.-9. Oktober 2021

 

"Dieser Brief ist natürlich eine wilde Schreiberei, ich habe so gar keine Lust, noch eine Reinschrift anzufertigen." Mit diesem Postskriptum endet Max Frischs Brief an Friedrich Dürrenmatt vom 27. März 1949. Das siebenseitige Typoskript ist eine nächtliche Auseinandersetzung mit Dürrenmatts Stück "Romulus der Große", die in keiner anderen Form als dem Brief hätte geführt werden können: "Natürlich wäre noch viel zu sagen, und es lag mir eigentlich vorallem daran, meinen ersten Eindruck mitzuteilen, bevor man ihn in soundsovielen Gesprächen verquatscht hat."

 

Schreiben, Senden und Empfangen von Briefen gelten als zentrale Kommunikationstechniken des 20. Jahrhunderts, die heute in der digitalen Medienkonkurrenz an Bedeutung verlieren. Schon in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stand der Brief unter Druck: Im Wettbewerb mit schnelleren Kommunikationsmedien wie dem Telefon wurde die briefliche Kommunikation einerseits zum zeitaufwändigen Austausch codiert, andererseits zum juridisch-bürokratischen Formularversand, der jede Wohnung in ein Büro transformierte.

 

Allein durch seine schriftliche Form wurde und wird der Brief theoretisch in die Nähe zur Literatur gerückt, und als papiernes Objekt besitzt er eine hohe Affinität zum Archiv. Im Fall von Schriftstellerinnen und Schriftstellern verdoppelt sich diese Perspektive: Briefschreibende Autorinnen und Autoren sind für die Literaturwissenschaft Regel- und Glücksfall in einem, verspricht man sich von den nachgelassenen Dokumenten doch besondere Erkenntnisse über Freund- und Feindschaften, Geschäftsgebaren oder nutzt briefliche Zeugnisse zur philologischen Interpretation dessen, was als das ‘eigentliche’ Werk gilt.

 

Im Max Frisch-Archiv mit Sitz an der ETH-Bibliothek in Zürich haben sich rund 15’000 Briefe von und an Max Frisch aus den Jahren 1930 bis 1991 erhalten. Hinzu kommen Frischs Briefe in anderen Nachlässen und Archiven. Darunter befinden sich Korrespondenzen mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern, Verlegerinnen und Verlegern, Lektorinnen und Lektoren, Theater- und Filmschaffenden, die einen Blick auf die Entstehung, Inszenierung und Adaption der Werke ermöglichen. Briefwechsel mit Politikern werfen ein Schlaglicht auf den engagierten Staatsbürger Frisch. Schließlich finden sich im Max Frisch-Archiv intime Briefe, die der Autor bis über seinen Tod hinaus sperren ließ – prominent: der Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann. Der Korrespondenzbestand stellt aber auch ein lebendiges Zeugnis der Rezeption dar und umfasst Leserzuschriften von der begeisterten ‘Fanpost’ bis zum hasserfüllten Schmähbrief.

 

Während einzelne Briefwechsel von Max Frisch mittlerweile vollständig oder in Teilen publiziert sind, ist die Erforschung des gesamten Korrespondenzbestandes nach wie vor Desiderat. Vom 7. bis 9. Oktober 2021 findet an der Université de Haute-Alsace eine internationale Tagung statt, die Frischs Korrespondenzen in systematischer wie historischer Perspektive zum Gegenstand hat. Im Zentrum stehen dabei die folgenden Fragen:

  • Wie verhält sich die Arbeit an der brieflichen Kommunikation zur Arbeit an den literarischen Texten? Was lässt sich über Frischs Schreibpraxis aus den Briefen erschließen?
  • Inwiefern stellen die Briefe einen genuinen Teil des Werkes dar, und in welcher Form wird die Textsorte ‘Brief’ bzw. die Briefschreibszene ins Werk integriert?
  • Welche Netzwerke von Personen und Institutionen werden anhand der Briefwechsel sichtbar?
  • Welche Kommunikation wurde wann aufgenommen, welche brach ab?

Erwünscht sind Beiträge zu den verschiedenen Rollen des Korrespondenzpartners Frisch – vom privaten bis zum offenen Brief –, zu biographischen, gesellschaftspolitischen und werkgenetischen Kontexten sowie zur Materialität und Praxis der Korrespondenz. Die Organisatoren freuen sich auf Themenvorschläge (Abstract von ca. 300 Wörtern, Kurzvita und Publikationsliste) bis zum 15. Januar 2021 per E-Mail an frisch2021@uha.fr 

 

Die Tagung wird von der Université de Haute-Alsace und dem Max Frisch-Archiv in Kooperation mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach durchgeführt. Eine Veröffentlichung der Beiträge in einem Sammelband ist geplant (vorbehaltlich der Mittelbewilligung).

 

Tobias Amslinger, Régine Battiston, Walter Schmitz, Thomas Strässle


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

 

Categories: CFP