TAGB: Lessing digital? Zur Bilanzierung und konzeptionellen Weiterentwicklung der Lessing-Editorik, Wolfenbüttel (10.03. – 12.03.2020)

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Tagungsbericht zu

Lessing digital? Zur Bilanzierung und konzeptionellen Weiterentwicklung der Lessing-Editorik

Wolfenbüttel 10.März-12.März 2020

 

(Franziska-Katharina Schlieker)

 

Die Wolfenbütteler Tagung Lessing digital? war als Arbeitsgespräch konzipiert. Es galt einerseits auf das Erreichte zu blicken, andererseits sollten die philologischen Desiderate im Hinblick auf die vorliegenden Lessing-Ausgaben benannt und über weitere Editionsprojekte nachgedacht werden. Seit Jahren herrscht in der Lessing-Philologie Konsens, dass die Textbasis revisionsbedürftig ist. Noch immer ist die historisch-kritische Ausgabe von Lachmann/Muncker die vollständigste Edition, die der Forschung zur Verfügung steht. Dass sie den aktuellen editorischen Standards nicht mehr genügt, ist angesichts der Entwicklung in den letzten 100 Jahren mehr als verständlich. 

Unter der Leitung von Cord-Friedrich Berghahn (Lessing-Akademie Wolfenbüttel), Kai Bremer (Universität Osnabrück/IKFN) und Peter Burschel (Herzog August Bibliothek) widmete man sich im Wolfenbütteler Lessinghaus vom 10.-12. März engagiert und kontrovers jenen Fragen, die sich im Hinblick auf künftige (digitale wie analoge) Editionen stellen. Die Vorträge waren in die Panels Aktuelle Herausforderungen an die Lessing-EditorikZum Stand der EditionsphilologieAnforderungen an eine Lessing-Edition und Aktuelle Tendenzen der Literaturwissenschaft und ihre Potentiale für die Lessing-Editorik aufgeteilt. Schon im Programm zeigte sich damit die avisierte Weite der Themen.  

Im Anschluss an die Begrüßung durch den Hausherrn Peter Burschel übernahm Kai Bremer die konzeptionelle Einführung in die Tagung. Dabei wies er auf die Probleme einer digitalen Lessing-Edition hin, wobei er schon eingangs die Frage nach der textlichen Basis aufwarf. Noch heute, so Bremer, sei die vollständigste Ausgabe die von Lachmann/Muncker. Ihr wurden gerade nach Abschluss der Ausgabe des Deutschen Klassiker-Verlags aber philologisch innovative Einzelausgaben an die Seite gestellt, deren Verhältnis zur DKV-Ausgabe wie zu Lachmann/Muncker mehr als nur supplementär sei. Das ungeklärte Verhältnis der Ausgaben zueinander könne in den kommenden Tagen, so Bremer, zum Initial weiterführender philologischer Unternehmungen werden. Berghahn schloss sich diesen Ausführungen an und hob den Arbeitscharakter der Tagung hervor.

 

Panel I – Aktuelle Herausforderungen an die Lessing-Editorik 

 

Winfried Woesler eröffnete das erste Panel mit einem Vortrag über Eine Revision der Lessing-Handschriften und Drucke als Voraussetzung einer digitalen Neuedition. Erläutert am Beispiel einer Szene von Lessings »Nathan«. Er ging in seinem Vortrag auf die Wichtigkeit der philologischen Basis für die Neuedition ein und stellte fest, dass sie nur digital sein könne. Die Digitalisierung ist, so Woesler, eine Hilfe für Editionen, da sie eine schnellere Verarbeitung von größeren Daten ermöglicht. Eine der vielen Möglichkeiten, die sich hieraus ergebe, sei die digitale Volltextrecherche, womit wörtliche Zitate leichter gefunden werden können. Ein weiterer Gewinn sei die erleichterte Darstellung bei der Textgenese. Hierbei solle man sich an der Altphilologie orientieren. Es sollte ein digital ediertes zeitliches Nacheinander entstehen, hier könnten die Handschriften den Leser*innen zur Verfügung gestellt werden. Woesler machte am Ende seiner Überlegungen darauf aufmerksam, dass der Editor sein Handwerk nach wie vor beherrschen muss, egal, ob er in einer digitalen Umgebung arbeite oder nicht. 

Dirk Niefanger schloss mit seinem Vortrag Lessings Schrifften als Herausforderung der Lessing-Editorik an Konzepte Woeslers an und problematisierte anschließend die Kategorie ‚Autorwillen‘ im Hinblick auf editorische Entscheidungen. Er plädierte für Textkorrektheit und unterstrich die Wichtigkeit der Dokumentation der Textgenese für Editionen. Wie sehr Editionen die Wahrnehmung eines Autors zu einem bestimmten Zeitpunkt zeigen oder eben verbergen können, erläuterte Niefanger am Beispiel der Lessing’schen Schrifften. Sie markieren, so Niefanger, nicht nur ein neues Autorbewusstsein in der deutschen Literatur, sondern sind auch im Hinblick auf Lessings Werkpolitik ausgesprochen interessant. Niefanger sprach sich für eine chronologische Anordnung der Schrifften innerhalb einer digitalen Edition aus, da sonst ihre Konzeption zerstört würde – was ziemlich genau dem gegenwärtigen Stand der Lessing-Editionen entspreche. 

Die von Elke Bauer geleitete Diskussion spiegelte die Unterschiedlichkeit der Meinungen wider. Im Gespräch tauchte die Idee eines Mittelwegs auf, der den Autorwillen nicht als Ultima ratio für eine Edition ansieht, ihn aber auch nicht außen vorlasse. Es gehe schließlich um die Edition von Texten und die Erschließung von Kontexten, die aber unkonturiert blieben, würde allein am Autorwillen festgehalten werden. Um die Wirkung eines Textes zu verstehen, müsse die Rezeption mitbedacht werden – was angesichts der zu erwartenden Dokumentenmasse für digitale Editionen spreche.

Das Panel wurde durch Mark-Georg Dehrmanns Vortrag über Ein[en] Manuskriptfund und seine Edition… „Von der Ähnlichkeit der Griechen und Deutschen Sprache. Zur Erleichterung der ersten und Verbesserung der letztern“ fortgesetzt. Hierbei zeigte sich, dass Editionen auch mit Hindernissen, Zufällen und Irrtümern rechnen müssen. So befand sich das von Dehrmann zusammen mit Jutta Weber (Berlin) jüngst edierte Lessing’sche Manuskript Von der Aehnlichkeit der griechischen und deutschen Sprache im Nachlass von F.A. Wolf, wo es zufällig wiederentdeckt wurde. Dieser Fund, so Dehr­­mann, lasse Lessings Arbeitsweise nachvollziehbarer werden und führe zu einer Rekonstruktion seiner Quellen. Damit liegt ein bedeutendes Gewicht auf dem Kommentar: Er muss der spezifischen Materialität und den Funktionen des jeweiligen Textes Rechnung tragen. Somit sollte kanonisches und marginales Werk miteinander verflochten und editorisch sichtbar und lesbar gemacht werden.

Die von Dehrmann angesprochene Materialität fokussierte auch Christine Vogl in ihrem Vortrag über Lessings Handschriften als Herausforderung für die Editorik. Sie verdeutlichte, dass der Stand der Textkritik gegenwärtig zumeist noch immer Lachmann/Muncker sei und dass beide Lessings Handschriften nicht immer optimal genutzt haben. Auch die neueren Lessingausgaben gingen nicht auf die Handschriften zurück. Vogl sieht gerade in der Berücksichtigung der Handschriften den qualitativen Mehrwert einer kommenden Lessing-Edition. Durch eine genaue Analyse des Materials ließen sich auch neue Schlüsse ziehen, so Vogl. Durch Papier und  Tinte lässt sich die Entstehungszeit und zum Teil auch der Ort eingrenzen oder bestimmen. Auch Lessings Handschrift könnte als Anhaltspunkt für die Entstehungszeit herangezogen werden, sie ändere sich alle 10 Jahre, wie Vogl an Beispielen belegte. Sie kam zu dem Schluss, dass alle Materialien berücksichtigt werden und „symphonisch zusammenklingen“ sollten, denn nur so seien die komplexen Textgenesen nachvollziehbar. 

Carolin Bohn sprach über Laokoon-Lektüren im Hinblick auf editorische Praktiken und ging dabei auf medienästhetische und kunsttheoretische Laokoon-Lektüren ein. Dabei machte sie klar, wie stark Interpretationen von den ihnen zugrundeliegenden Editionen abhängen. Im Hinblick auf das gegenwärtige Interesse an Schreibprozessen und an der Prozessualität von Literatur überhaupt sei der gegenwärtige Stand der Lessing-Edition, so Bohn, gerade unter Berücksichtigung neuerer literatur- und kulturwissenschaftlicher Lektürepraktiken nicht unproblematisch.

Michael Multhammer sah den Briefwechsel über das Trauerspiel als editorische Herausforderung an und zeigte, wie eine durch Philologen des 20. Jahrhunderts vorgelegte Zusammenstellung von Briefen zu einem ‚Werk‘ wurde, ohne je wirklich ein von Lessing oder seinen Freunden verfasstes ‚Werk‘ zu sein. Hier habe sich, so Multhammer, die Philologie den Wunsch nach einem poetologischen Zentrum der dramentheoretischen Debatten der Aufklärung erfüllt. Immerhin handelt es sich um eine private Korrespondenz, die einen ideengeschichtlichen Komplex, nämlich die Auseinandersetzung über die Wirkung des ersten bürgerlichen Trauerspiels, enthält. Letztendlich stellt sich hier die Frage, wie man sich diesem komplexen Konvolut nähern und gerecht werden könne. Multhammer sah in der digitalen Edition die Chance, die sich abzeichnenden Schwierigkeiten zu bewältigen. Außerdem könnte eine Vielzahl von Querverweisen aufgezeigt und im Kommentar nachgewiesen werden. 

Die sich anschließende (von Cord Berghahn geleitete) Diskussion verdeutlichte erneut die Wichtigkeit der einzelnen Quellen und betonte die Chance einer digitalen Edition, namentlich ihrer Unbegrenztheit und Offenheit, die in einer gedruckten Edition immer limitiert ist. 

Den nächsten Tagungstag eröffnete das zweite Panel, das den Stand der Editionsphilologie beleuchtete und von Rüdiger Nutt-Kofoth mit einem Vortrag über Digitale Edition – Lessing Digital eingeleitet wurde. Nutt-Kofoth gab einen konzisen Überblick über den Status quo der digitalen Editionslandschaft und verdeutlichte den Mehrwert von digitalen Editionen, die eben nicht nur Texte wiedergeben, sondern auch Plattform/Portal sein können. Gleichzeitig bieten sie die Möglichkeit der Zusammenführung von Materialien und der Einbindung von Kontextmaterialien. Sie könnten so also als ‚virtuelle Archive‘ fungieren. Trotz aller Vorteile verwies Nutt-Kofoth auch auf die Probleme, die bei einer digitalen Edition entstünden, wie die Langzeitarchivierung und Gangbarhaltung für die Nutzerinnen und Nutzer. 

Dietmar Pravida schloss mit einem Beispiel aus der Praxis an und berichtete über seine Erfahrungen bei der digitalen Faustedition (www.faustedition.net), wobei auch er die heikle Frage der Langzeitarchivierung thematisierte. Pravida zeigte, dass die Basis der Faust-Edition Handschriften sind. Gleichzeitigt prophezeite er das Ende des Goldenen Zeitalters für Editionen, was er mit dem Zeitdruck und Mangel an finanziellen Mitteln begründete.

Im zweiten Beispiel aus der digitalen Praxis berichtete Marcus Baumgarten über Lessings Übersetzungen – Projektvorstellung und Ausblick. Scheitern und Verstehen und beleuchtete einen Teil aus Lessings Werk, der keinen Eingang in die Lachmann/Muncker-Edition fand. Die Übersetzungen aus Lessing Feder entstanden zwischen 1749-1781 und lassen sich in sieben thematische Gruppen gliedern. Das DFG-geförderte Projekt wurde zwischen 2008-2011 von der Lessing-Akademie Wolfenbüttel umgesetzt und ist unter http://diglib.hab.de/edoc/ed000146/start.htm abrufbar. In seinem Rahmen wurden 159 Texteinheiten für Nutzer und Nutzerinnen zugänglich gemacht; sie können in einer synoptischen Ansicht betrachtet werden. Eine weitere Errungenschaft ist die Lessingdatenbank (http://www.lessingdatenbank.de), die sich aus Konkordanz, Titelverzeichnis und 14.000 Wirkungszeugnissen Lessings zusammensetzt. Die Wirkungszeugnisse weisen für eine Vielzahl von Lessingtiteln die bibliographischen Angaben der zeitgenössischen Quellen im Zeitraum zwischen 1750 bis 1785 nach. Baumgarten führte aus, dass die Datenbank die Grundlage für eine mögliche digitale Lessing-Edition bilden könne und verwies auf die Vielzahl der bereits bestehenden Möglichkeiten. 

In der anschließenden Diskussion, die Kai Bremer moderierte, wurden verschiedene Punkte diskutiert, diesmal auch im Hinblick auf die mögliche Kodierung, die genutzt werden solle. Hierbei wurde auf Vor- und Nachteile der Formate TEI und XML eingegangen und angemerkt, dass jede Kodierung auch gleichzeitig eine Kommentierung sei. Erneut fiel der Blick auf das Problem der Langzeitarchivierung. Vielleicht, so eine von vielen geteilte Auffassung, sollte eine neue Lessing-Edition als eine Hybrid-Lösung gedacht werden.

Am Nachmittag wurde das dritte Panel über die Anforderungen an eine Lessing-Edition von Friedrich Vollhardt mit einem Vortrag über die Potentiale einer Lessing-Edition für die Lessing-Biographik? eröffnet, in dem er über seine eigenen Erfahrungen als Lessing-Biograph sprach. Für ihn zeichnet sich hierbei für die digitalen Editionen ein klarer Auftrag ab, das Buch solle durch die digitale Komponente entlastet werden und so die Arbeit erleichtern.

Im Anschluss sprach Nikolas Immer über Komparatistische Perspektiven auf eine Lessing-Edition und rückte dabei die Beyträge zur Historie und Aufnahmen des Theaters (1750) in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Hierbei ging es ihm um ein einheitliches Umgehen mit besonderen Textgattungen (in diesem Fall um die Übersetzungen und den Umgang mit Periodika) und deren Darstellung in Editionen, wobei er für Übersetzungen auch eine synoptische Darstellung empfahl, bei der es vordergründig um das verdeutlichen der Rezeption und deren Nachvollziehbarkeit gehen solle. Gleichzeitig sollte im edierten Periodikum sichtbar werden, von wem welche Passagen stammten.

Kai Bremer führte mit seinem Beitrag die Potentiale einer Lessing-Edition für das zeitgenössische Theater einen neuen Aspekt ein, indem er das Gegenwartstheater als Rezeptionsort von Editionen benannte. Er verdeutlichte, dass auch die Regieführenden für ihre Inszenierungen auf sichere Textgrundlagen zurückgreifen würden und eine neue Edition eben auch dieses leisten sollte. Dabei ist insbesondere das Spannungsverhältnis von ‚offenen‘, prozessualen Schreibvorgängen, dokumentierenden Editionen und postdramatischem Theater reizvoll. Neuere editorische Praktiken könnten also unter Umständen auch produktives Potenzial für die zeitgenössische künstlerische Auseinandersetzungen mit älteren literarischen Texten zeitigen.  

In der anschließenden Diskussion zeigte sich, dass die Mehrheit der Teilnehmer*innen des Arbeitsgesprächs dafür votierte, Periodika editorisch als Einheit zu begreifen und den Schwerpunkt der Ausgaben nicht auf den kanonischen Autor, sondern auf Textzusammenhänge zu legen. 

Im vierten und letzten Panel widmete sich die Tagung den Aktuellen Tendenzen der Literaturwissenschaft und ihre Potentiale für die Lessing-Editorik. Eröffnet wurde das Panel durch Franziska Klemstein und Jörg Paulus, die eine Medienwissenschaftliche Perspektive auf die Lessing-Editorik skizzierten. Hierbei gingen sie zunächst auf medienwissenschaftliche Lektürepraktiken ein. Die Tagung schloss mit einer Praxeologischen Perspektive auf die Lessing-Editorik von Erika Thomalla. Sie vertrat die These, dass Theorie und Praxis im Hinblick auf künftige Lessing-Editionen neu gedacht werden müssen. In ihren Beispielen zeigte sie aber auch, dass Lachmann/Muncker bereits vieles, was praxeologisch bedeutsam ist, enthalten. Eine Chance der digitalen Edition könnte, so ihre Schlussfolgerung, die Ausweitung des Textkorpus sein, wobei allerdings stets auch die Gefahr bestünde, dass Werkzusammenhänge unsichtbar werden könnten. 

 

Der letzte Tag widmete sich Perspektiven und Strategien für die Lessing-Editorik: Statements. Auf dem Podium saßen neben der Leiterin des Freien Deutschen Hochstifts, Anne Bohnenkamp, die Veranstalter der Tagung. Bohnenkamp sprach über ihre Erfahrungen beim Faust-Projekt und zeigte auf, dass eine Finanzierung aus mehreren Ressourcen gedacht werden müsste. Sie stellte fest, dass wir uns in einer Umbruchs- und Übergangsphase befänden und dass es keine gewachsene Edition gebe. Man müsste immer vorab klären, so ihre Position, wodurch man sich abgrenzen kann und wie eine neue Edition gesehen werden kann. Hierbei sollten wir die neuen Medien mitbedenken. Es könnte auch um die Frage: Archiv vs. Edition gehen. Gleichwohl übernehmen Editionen auch immer eine Archivfunktion. Wie verhält sich das Editionskonzept zu Textkorpora? Man solle also eine Position beziehen und durch Ziele legitimieren, wobei man auch die Historie der Historisch-Kritischen Ausgabe (HKA) nicht aus dem Blick verlieren solle. Eine Aufgabe könne sein, Textbestände (historisch) sichtbar zu machen. Die Textkritik sei demnach ein wichtiger Punkt. Hier stellt sich die Frage: Will man den historischen Text oder den genauesten Text? Auch die Frage des Kommentars ist von großer Wichtigkeit. Was soll bzw. kann er liefern? Sollte er nur die Varianten aufzeigen oder darf er auch ein Sachkommentar sein?

Eine Herausforderung für eine digitale Edition sind die potenziellen Adressaten. Bei einer HKA im Printformat ist davon auszugehen, dass es sich um ein Fachpublikum handelt, das geschult mit der Ausgabe umgeht. Bei der digitalen Edition dürfte das anders sein, der Editor sollte das bedenken und Möglichkeiten aufzeigen, wie in der Edition verfahren werden kann. Generell sollten die Digital Humanities und die Editor(inn)en produktiv zusammenarbeiten. 

Peter Burschel ging zunächst auf die Ähnlichkeiten der Grundprobleme von Editionen ein, egal, ob sie analog oder digital seien. Zunächst gehe es um die Positionierung im kulturellen Feld. Darüber hinaus spielen Fragen der Editionskulturen, Schnittstellen, Anschlussfähigkeiten, Archivierung, Datenkerne und nicht zuletzt die der Kosten bedeutsame Rollen. Die Forschenden müssten sich, so Burschel, auf die Projekthaftigkeit und Prozessualität einlassen und dabei die Edition auch neu denken. Früher mussten Editionen fertiggestellt werden, eine Abgeschlossenheit wurde angestrebt. Von diesem Paradigma solle man sich lösen und Edition als eine ‚never ending story‘ sehen, die eine Eigendynamik und Eigenlogik entwickelt. 

Im sich anschließenden Statement von Cord Berghahn ging es um das sich möglicherweise verändernde Lessing-Bild, das aus einer neuen Ausgabe resultieren könnte. Hierbei verwies er auf das veränderte Hofmannsthal-Bild, das durch die historisch-kritische Edition seiner Schriften (und insbesondere der Fragmente) entstanden sei. Es bestehe analog zu dieser editorischen Konfiguration nun die Möglichkeit, Lessing in seinen einzelnen Projekten sichtbar und seinen Schreib- und Denkprozess nachvollziehbar zu machen. Gerade im Hinblick auf das Lessing-Jahr 2029 sei diese Perspektive ausgesprochen reizvoll und auch bedeutsam. 

Nach den einleitenden Statements entsponn sich eine ausgesprochen lebhafte Diskussion, in deren Rahmen Mark-Georg Dehrmann eine Verbindung zwischen modularem System und technischer Innovation empfahl. Als trigonometrischer Punkt, so Helmut Berthold, können nach wie vor die Ausgabe von Lachmann/Muncker dienen, deren Digitalisat zu den Desideraten der Lessing-Philologie gehöre. 

Auch die Fragen nach einem organisatorischen Rahmen wurden kontrovers diskutiert. Jörg Paulus brachte das Akademienprogramm ins Gespräch, was Kai Bremer aufgriff. Damit stand die Frage nach der Rolle der (wissenschaftlichen) Editionen im Raum. Dass hier kein Konsens herrschte, zeigt, wie sehr das editorische Feld derzeit im Fluss ist. Bei diesem Prozess sind auch die Rollen neu zu bedenken, die DFG, Akademien und andere Förderinstanzen spielen. Steffen Martus unterstrich die Bedeutung der Vorbereitungsphase: Zunächst gelte es, aus der Zusammenführung der Daten von Lachmann/Muncker und VD 18 eine operable Datenbasis zu schaffen; dann seien die Handschriften im Hinblick auf ihre Digitalisierung zu sichten und in einigen Fällen wohl auch zu sichern. 

Die Tagung verdeutlichte einmal mehr, dass Lessings Werk reif ist für das digitale Zeitalter und dass es mehrere Grundlagen gäbe, auf die sich eine neue Werkausgabe stützen könnte. Hinsichtlich der Kodierung und Langzeitarchivierung besteht noch Diskussionsbedarf, sodass es ratsam wäre, wenn mögliche Editoren gemeinsam mit den Digital Humanities tagen würden, damit neue Lösungswege gefunden werden können. Deutlich wurde, dass nicht nur die Forschung von einer neuen Lessingausgabe profitieren würde, sondern auch die Leser*innen und die darstellenden Künste. 

 

Redaktionelle Betreuung: Constanze Baum

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