CFP: Schreibarten im Umbruch. Stildiskurse im 18. Jahrhundert, Berlin (14.12.2020)

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Die Tagung "Schreibarten im Umbruch. Stildiskurse im 18. Jahrhundert" wird vom 6. bis 8. Oktober 2021 in Berlin stattfinden. Die Organisatorinnen Eva Axer (ZfL Berlin), Annika Hildebrandt (U Siegen) und Kathrin Wittler (FU Berlin) freuen sich über Beitragsvorschläge.

Die Neujustierung der Stilkategorie im 18. Jahrhundert war von erheblicher sozialer und kultureller Tragweite und prägt bis heute den Umgang mit dem Konzept des Stils. Auf der einen Seite eröffnete der neue Stilbegriff Raum für ästhetische Experimente und Innovationen, auf der anderen Seite schuf er die Voraussetzung für essentialisierende Zuschreibungen und normative Wertungen. Dieses Spannungsfeld zwischen Diversifizierung und Flexibilisierung einerseits und Essentialisierung und Normativierung andererseits wollen wir in komparatistischer Perspektive ausloten und dabei auch den interdisziplinären Dialog zwischen Sprach- und Literaturwissenschaft befördern.

Die geplante Tagung nimmt die historische Transformation der Stilkategorie um 1750 in den Blick. In dieser Zeit wird die Dreistillehre der Frühen Neuzeit zu einem Spektrum von Schreibarten flexibilisiert. Wo man zuvor schematisch genus humile, genus mediocre und genus grande unterschieden hatte, öffnet sich nun ein Beobachtungsraum, in dem naive, scherzhafte, launische, oder auch kräftige Schreibarten identifiziert und als Signaturen von Individuen oder Gattungen kritisch diskutiert werden. Man versucht zu bestimmen, was eine ‚natürliche‘ Schreibart ausmache, ob Schreibarten kulturell oder geschlechtlich gebunden seien und wie sich die Stilvorstellungen der Rhetorik historisch und kulturell erweitern ließen. Indem der Stil aus dem Kontext eines erlernbaren Regelwerks heraustritt, wird er zum Anhaltspunkt für die Selbst- und Fremdbeobachtung dessen, was man als eigentümlichen Zug des jeweiligen Urhebers erkennt. Zunehmend wird in Frage gestellt, ob ein Autor seinen Stil überhaupt wählen könne. Stil wird nicht länger primär durch Regeln, sondern durch Beispiele vermittelt. Der bewusste Stilbruch wird ebenso zu einer Option wie die Orientierung an überkommenen Normen. Zugleich verspricht der Begriff des Stils, nebulöse Kategorien wie Individualität und Nationalität in konkreten Texten identifizierbar machen und reflektieren zu können. In dem Maße, wie das Konzept des Stils pluralisiert, historisiert und individualisiert wird, empfiehlt es sich als sprachlicher Index für die neuen Kollektivsingulare, die sich auf dem Feld der gesellschaftstheoretischen Diskurse herausbilden. Damit in Verbindung steht ein wachsendes Bewusstsein für den Eigensinn von Sprachen. Dies schlägt sich in der Übersetzungspraxis und Übersetzungsreflexion der Zeit nieder.

Uns interessiert: Wie vollzog sich die Blickverschiebung vom Was auf das Wie des Schreibens? Welche Bedeutung hatte diese Modalisierung für den Übergang von der Regelpoetik der Frühen Neuzeit zur modernen literarischen Ordnung? Welche Rolle spielte die Stilkategorie für die Debatten um Popularität und Popularisierung, die zu dieser Zeit einsetzen? Und wie griffen literarische, politische und soziale Projekte dabei ineinander? Vier Aspekte sollen auf der Tagung vornehmlich thematisiert werden:
 
1) Individuum: Das Diktum „Le style est l’homme même“, das Georges-Louis Leclerc de Buffon im „Discours sur le style“ (1753) formulierte, diente im deutschsprachigen Kontext als Stichwort für eine Idee des Individualstils, die veränderte Erwartungen an Autorschaft zeitigte. Wie wirkte sich diese Aufwertung von individuellen Schreibarten auf traditionelle Unterscheidungen von gutem und schlechtem Stil aus? Auf welche Weise und anhand welcher Kategorien wurde dabei das Verhältnis von Text, Autor und Gesellschaft bestimmt, das zuvor durch das Kriterium der Angemessenheit (aptum) vermittelt worden war?

2) Gemeinschaft: Im Nachdenken über Kollektivstile schlugen sich Ideen von Gemeinschaftlichkeit nieder. Etienne Bonnot de Condillacs "Essai sur l’origine des connaissances humaines" (1746) und Charles Louis de Montesquieus "Esprit des Loix" (1748) lancierten das Konzept eines génie de la langue. Welche Funktion erhielten Sprach- und Stilbeobachtungen für kultur- und nationengeschichtliche Narrative? Wie wurden tradierte Kategorien an neue Leitkategorien angeschlossen, etwa der ‚mittlere Stil‘ an das Populäre, um soziale Kohäsion zu stiften?

3) Gattung: Die Stildiskurse im 18. Jahrhundert standen in Wechselbeziehung zur Umstrukturierung des Gattungssystems. Die (Neu-)Begründung liedhafter Formen wie Anakreontik, Ballade und Volkslied korrelierte mit Modellierungen einer ,natürlichen‘ oder ,naiven‘ Schreibart; den Oden Klopstocks attestierte man einen ,orientalischen‘ Stil. Die Digression wurde als Stilelement des Romans kritisch diskutiert. Wie wurden die Flexibilisierungen der Gattungs- und der Stilkategorie zueinander in Beziehung gesetzt? Welche Rolle spielte die Aufwertung von Empfindungen für das Interesse am Modalen?

4) Sprache: Grundlage für Individualisierung und Kollektivierung der Stilkategorie war eine Engführung von Schreibart und Denkart. In neuen Arten des Schreibens wurden auch alternative Arten des Denkens erprobt und die Diversität von Denkformen reflektiert. In welchem Verhältnis standen Sprachursprungstheorien und literarischer Innovationsanspruch? Wie verhielt sich das vielbeschworene ‚Eigensinnige‘ im Ausdruck einzelner Autorinnen und Autoren zur Identifizierung römischer, biblischer, französischer und englischer Stilspuren in ihren Schriften? Welche Herausforderungen bedeutete das für Übersetzungen und Übertragungen von einer Sprache in eine andere?

Diesen und weiteren Fragen werden wir vom 6. bis 8. Oktober 2021 am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin nachgehen. Die Veranstaltung wird durch Vorträge und Workshop-Einheiten strukturiert sein, in denen in komparatistischer Perspektive gemeinsam an ausgewählten Texten gearbeitet wird. Wir freuen uns über Vorschläge für einen Vortrag oder eine Workshop-Einheit von interessierten Forscher*innen aus den Sprach- und Literaturwissenschaften (Einzelphilologien und Komparatistik) sowie angrenzenden Fächern. Nachwuchswissenschaftler*innen (insbesondere fortgeschrittene Promovend*innen und Postdoktorand*innen) sind nachdrücklich zur Bewerbung eingeladen. Tagungssprache ist Deutsch, Vorträge oder Impulse für Workshop-Einheiten können in deutscher oder englischer Sprache gehalten werden. Bitte senden Sie Ihren Vorschlag (300–600 Wörter) sowie biographische Angaben zu Ihrer Person und Ihren Forschungsinteressen bis zum 14. Dezember 2020 an die drei Organisatorinnen der Tagung Eva Axer (axer@zfl-berlin.org), Annika Hildebrandt (annika.hildebrandt@uni-siegen.de) und Kathrin Wittler (kathrin.wittler@fu-berlin.de).
 

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Constanze Baum] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

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