CFP: Workshop und Podiumsdiskussion: Die Fäden neu verknüpfen – Linke Narrative für das 21. Jahrhundert

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Am 25. und 26. Februar 2021 veranstaltet undercurrents – Forum für linke Literaturwissenschaft in Kooperation mit dem Literaturforum im Brecht-Haus Berlin einen Workshop (25.02.2021) und eine Podiumsdiskussion (26.02.2021). In beiden Formaten fragen wir nach gegenwärtigen linken literarischen und politischen Narrativen.

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Für eine solidarische Zukunft braucht es mehr als nur die Kritik an Herrschaftsverhältnissen. Ein gutes Leben für alle wird nicht allein dadurch erreicht, dass wir gesellschaftliche Missstände kritisieren. Stattdessen bedarf es einer konstruktiven Perspektive und dem Entwurf von Alternativen, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Ansätze für die imaginative Arbeit an solchen Alternativen gibt es einige: So entwickelt etwa Science-Fiction Entwürfe einer Zukunft jenseits von Sexismus und Rassismus, ökologischen und ökonomischen Katastrophen. Außerdem führen aktuell verschiedene making-of-class-Geschichten das politische Potenzial von Literatur wieder deutlich vor Augen. Die konstruktiven Möglichkeiten des Erzählens nutzen auch politische Bewegungen für ihre emanzipatorischen und transformatorischen Anliegen. Durch Narrative werden Fäden der Vergangenheit neu verknüpft und bislang inexistente oder verdrängte Vorstellungsräume einer noch unbekannten Zukunft geschaffen. Dies reicht von der Stilisierung von Carola Rackete oder Greta Thunberg zu Superheldinnen über die auch narrativ-ästhetisch bewältigte Rekapitulation von Vergangenheit und Gegenwart durch die globalen Bewegungen postkolonialer und antirassistischer Provenienz bis hin zu theoretischen Entwürfen mit deutlich fiktionalen Zügen.

Trotzdem reicht die Kraft emanzipatorischer Narrative aktuell offensichtlich noch nicht aus, um Gegenentwürfe für eine herrschaftsfreie Zukunft verallgemeinerungsfähig zu machen. Das lässt sich vielleicht auch darauf zurückführen, dass im Anschluss an Theoretiker_innen wie Jean-Francois Lyotard in den 1970er Jahren ein ‚Ende der großen Erzählungen‘ postuliert wurde und politische Heilsversprechen – nicht ganz zu Unrecht – in Verruf gerieten. Heute nutzen insbesondere neoliberale Kräfte Narrative, um die unsoziale gesamtgesellschaftliche Wirklichkeit zu plausibilisieren: Mittels ‚Storytelling‘ naturalisieren sie den Kapitalismus und privatisieren das Streben nach Glück. Zudem erzählen Rechte beispielsweise nicht ohne Erfolg die Geschichte eines Europas, das vor ‚Flüchtlingswellen‘ beschützt werden muss und im amerikanischen Wahlkampf instrumentalisiert die Republikanische Partei die Mär eines drohenden Kommunismus im Falle eines Wahlsiegs der Demokraten.

Ausgehend von diesen Beobachtungen wollen wir in Kooperation mit dem Literaturforum im Brecht-Haus am 25. Februar 2021 in einem Workshop u.a. die folgenden Fragen diskutieren:

  • Welche linken Narrative gibt es gegenwärtig und wie haben sich diese im Verlauf des 20. Jahrhunderts bis heute verändert?
  • Sind progressive, verallgemeinerungsfähige Erzählungen denkbar, ie den Raum für Differenzen offenhalten? Welche Erzählweisen (im narratologischen Sinne) braucht es dafür?
  • Gibt es literarische Genres oder Medienformate, die sich für progressive Narrative besonders anbieten?
  • Im Literarischen scheinen seit einiger Zeit gesellschaftskritische und emanzipatorische (Selbst-)Erzählungen von Individuen das Feld zu dominieren, beispielsweise die Autobiographien von Annie Erneaux, Margarete Stokowski oder Reyhan Şahin aka Dr. Bitch Ray. Wie können emanzipatorische Selbsterzählungen aussehen? Wie können diese an einem verallgemeinerbaren linken Narrativ mitwirken – oder widersprechen sie einem solchen?
  • Was leisten Narrative, die entlang von Identitätskategorien Emanzipation erzählen, z.B. Migrations- und Fluchtnarrative oder queere Coming-of-Age-Geschichten? Welche Möglichkeiten und Grenzen haben solche Erzählungen?
  • Ist neoliberales Storytelling aufgrund seines Konformismus so erfolgreich? Wäre es also auch möglich, solche Formen des Erzählens von links anzueignen?
  • Welche Anforderungen bestehen für die Literaturwissenschaft hinsichtlich des Nachdenkens über progressive Narrative? Inwiefern arbeitet sie an solchen mit oder kann sie zum Verschwinden bringen?
  • Wie können literarische Gegenerzählungen politisch schon jetzt praktisch und damit wirksam werden? Auf welche Weise können politische Akteur*innen narrative Verfahren wirkungsvoll für sich nutzen?

Wir laden ein, Beitragsvorschläge für den Workshop einzureichen. Abstracts im Umfang von maximal einer Seite können bis zum 30.11.2020 an unsere E-Mail-Adresse geschickt werden: undercurrentsforum@gmx.de.

Die Beiträge sollten eine Länge von 3000 Wörtern nicht überschreiten und sind bis Anfang Februar an die Redaktion zu übermitteln, um sie vorab allen Workshop-Teilnehmer_innen als Diskussionsgrundlage zur Verfügung zu stellen. Die Beiträge werden in der kommenden Ausgabe von undercurrents publiziert.

Die Redaktion behält sich eine Auswahl aus den eingesandten Texten vor.

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