CFP: Sammelband 'Kunstszene gegen rechte Szene' (30.11.20)

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Gesucht werden Beiträge für einen interdisziplinären Sammelband mit dem vorläufigen Titel 'Kunstszene gegen rechte Szene: Cultural Responses to the Far-Right in Reunified Germany'. Es ist angedacht, das Buch in der Serie 'German Monitor' herauszubringen, zu deren Herausgeberschaft bereits Kontakt aufgenommen wurde.

Wieder einmal ist die Parole ‚Wir sind das Volk!‘ auf deutschen Straßen zu hören, wenngleich sich auch ihre Bedeutung seit den Montagsdemonstrationen in der DDR verändert hat. Was einmal ein Ruf nach Demokratie und offenen Grenzen war, wird jetzt von Pegida und der Alternative für Deutschland zwecks einer ethno-nationalistischen, migrantenfeindlichen Politik vereinnahmt (Richardson-Little und Merrill 2020, S. 59). Die vielfachen Bedeutungen und Resonanzen des Worts ‚Volk‘ lassen sich am Reichstaggebäude selbst ablesen; ein Gebäude, das Neo-Nazis kürzlich, während einer Anti-Corona-Demonstration, zu stürmen versuchten. Deshalb ist dem ‚Dem deutschen Volke‘-Schriftzug über dem Westportal ein verwuchertes Beet mit den Worten ‚Der Bevölkerung‘ in der gleichen Schriftart in einem der Lichthöfe entgegengesetzt. Das Kunstprojekt von Hans Haacke, das sich sowohl vom Inneren des Gebäudes als auch von der Aussichtsgalerie auf dem Dach erblicken lässt, trägt eine symbolische Bedeutung für Deutschland als Einwanderungsland und es dient als Beispiel dafür, wie die Kunst sich in die Politik einbringen kann. Im Vergleich zum Wort ‚Volk‘ ist die Wortwahl ‚Bevölkerung‘ neutral, so dass jeglicher Bezug auf die ethnische Herkunft beseitigt wird. Obwohl ‚Boden‘ ein Konzept mit einer stark nationalistischen Konnotation ist und Haacke selbst die Abgeordneten einlud, das Beet mit ‚Heimatboden‘ aus ihren Wahlkreisen zu füllen, überließ man es wilden, sich stetig vermehrenden Pflanzen als botanische Metapher für Deutschland als Land, in dem Einwanderer*innen sich niederlassen können. Auf diese Weise schafft die partizipatorische Natur des Kunstwerks zumindest eine Liste von Abgeordneten, die den inklusiven Geist des Projekts unterstützen, auch wenn dessen Auswirkung auf die Gesetze, die im Gebäude, vom dem es einen Teil bildet, bekannt gemacht werden, schwierig abzuschätzen und höchstwahrscheinlich eher minimal ist.

Die zum Teil aus dem rechtsextremen Milieu stammenden Demonstrierenden auf den Stufen vor dem Reichstag erzeugten Schockwellen in politischen und medialen Kreisen. Nicht zuletzt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nannte es einen Angriff auf ‚das Herz der Demokratie‘. Die türkisch-deutsche Schriftstellerin Mely Kiyak stellte indes in einer Kolumne für Die Zeit (2020) dieses Staunen in Frage und argumentiert, dass die Minderheiten Deutschlands die Rechtsradikalen nicht auf diese Weise unterschätzen. Im Gegenteil konstatiert sie, dass diese längst aufgehört haben, sich die Frage ‚wer ist wir, wer sind die?‘ zu stellen, denn es sei für sie überaus deutlich: ‚Die, das sind immer die mit den erschossenen, verbrannten, zu Tode geprügelten Angehörigen, deren Väter weinend in das Mikrofon eines ausländischen Fernsehsenders stammeln. Wir, das sind die, die sich erst mit einem Sicherheitsabstand von zehnzwanzigdreißig Jahren darüber erschrecken. Immer erst dann, wenn ihre eigenen Institutionen und ihre eigene Unversehrtheit in Gefahr sind.‘

Ebenso wie Fatima El-Tayeb von einer ‚Rassismusamnesie‘ spricht, die die Mehrheitsgesellschaft davon abhält, die historische Anwesenheit von rassifizierten Menschen in Deutschland anzuerkennen (2016, S. 15), kann von einer ähnlichen Amnesie gegenüber den Erwartungen bezüglich des Rechtsradikalismus die Rede sein, die dazu führt, dass jeder Gewaltakt der Rechtsradikalen auf staunende Erschütterung in der Mehrheitsgesellschaft stößt. Zum Beispiel war eine ähnliche Erschütterung in den Medien zu beobachten, nachdem Migrantisierte während der Ausschreitung in Chemnitz auf den Straßen ‚gejagt‘ wurden. Obwohl Ereignisse wie der 12,6% Stimmenanteil der AfD dank ihres ethno-nationalistischen Wahlprogramms (Häusler 2018) und die rassistisch motivierte Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrund (möglicherweise mit der Beteiligung dubioser V-Leute) deutlich zeigen, dass das Rechtsextremismus in Deutschland Konjunktur hat, ist es dennoch wichtig zu betonen, dass rechte Gewalt – gespeist und legitimiert durch politische Appelle an eine ethnische Vorstellung vom Deutschtum – eine Konstante im wiedervereinigten Deutschland darstellt. In der Tat wurde allein schon die Geburtsstunde des neuen Staats durch die de facto Abschiebung von Arbeiter*innen aus kommunistischen Ländern wie Mosambik und Angola gekennzeichnet (Howell 1994). Dies ist auch nicht nur eine Frage der politischen Extreme. Genauso wie Politiker*innen aus der CDU/CSU und SPD Migrant*innen und Asylbewerber*innen dämonisierten und gleichzeitig versuchten, das Grundgesetz während rassistischer Pogrome in Hoyerswerda, Rostock und Mölln zu verändern, fügte Angela Merkels große Koalition dem Innenministerium die umstrittene Bezeichnung ‚Heimat‘ hinzu als Reaktion auf die erstarkenden Plädoyers der AfD für eine völkische Vorstellung vom Deutschsein.

Dieser Sammelband befasst sich mit der Frage, wie Kunstschaffende (Schriftsteller*innen, Künstler*innen, Filmemacher*innen, Architekt*innen, usw.) sich in solche politische Debatten der Berliner Republik einmengen, um die Narrative der Ultra-Rechten zu bestreiten und auch gegen die Amnesie in Bezug auf neonazistische und rechtsextreme Gewalt zu kämpfen. Im Band wird erkundet, was die Kunst im Vergleich zu konventionellen politischen Mitteln unternehmen kann, sei es Bündnisse zu schmieden oder alternative Formen von Gemeinschaften und Zugehörigkeit zu imaginieren.

Eine Liste möglicher Themen und Kunstschaffende/Texte finden Sie im Anschluss. Andere Vorschläge und Ideen sind allerdings ebenfalls willkommen.

- Kunst und politischer Protest/Aktivismus (Zentrum für politische Schönheit)

- Kunst und praktische Initiative im Bereich Community- und Allianzbildung (Hip-Hop-Szene der 90er, Ballhaus Naunynstraße, das Desintergrationsprojekt von Max Czollek und Sasha Marianna Salzmann, literarische Zeitschriften wie Freitext, Jalta und Literarische Diverse)

- alternative Vorstellungen von Gemeinschaften und Zugehörigkeit in Kunst, Literatur, Film, etc.

- ‚Queer Culture‘ und Politik

- Neonazis in Kunst, Literatur, Film, usw. (Lola + Bilidikid von Kutluğ Ataman, NSU: Mitten in Deutschland, Wir sind jung. Wir sind stark. von Burhan Qurbani, Aus dem Nichts von Fatih Akin, German Amok von Feridun Zaimoglu, Das schweigende Mädchen von Elfriede Jelinek, Rechtsmaterial von Jan-Christoph Gockel und Konstantin Küsper)

- Satire und ihre Grenzen (Er ist wieder da! von Timur Vermes/David Wnendt)

- das Neudenken deutscher Erinnerungskultur

- das koloniale Erbe im heutigen Deutschland

- Kollektivgedächtnis und Memorialisierung rechter Gewalt (Kaltland hg. von Karsten Krampitz, Markus Liske und Manja Präkels; ‚Poesie Post-Solingen‘ (Yeşilada 2012))

- architektonische Nachbildungen/Rekonstruktionen und politische Nostalgie

 

Bitte reichen Sie Ihre Abstracts (ca. 500 Wörter) mit einer kurzen Biographie ein.

Abgabetermin: 30. November an joseph.twist@ucd.ie

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I am looking for contributions to an interdisciplinary edited volume provisionally entitled 'Kunstszene gegen rechte Szene: Cultural Responses to the Far-Right in Reunified Germany'. I am planning to submit the proposal to 'German Monitor' and have been in touch with the General Editor.

‘Wir sind das Volk!’ has been ringing out again on German streets, but its meaning has changed since the ‘Monday Demonstrations’ in the GDR. Whereas the slogan was initially a call for democracy and for open borders, it has now been co-opted by Pegida and the Alternative für Deutschland for their ethno-nationalist, anti-migrant politics (Richardson-Little and Merrill 2020, p. 59). These multiple meanings and resonances of the word ‘Volk’ are written into the very fabric of the Reichstag building, a building that neo-Nazis recently attempted to storm during a protest against Covid-19 restrictions. Whereas the message above the building’s western entrance reads ‘Dem deutschen Volke’, in one of the inner courtyards is an overgrown flowerbed containing the words ‘Der Bevölkerung’ in the exact same typeface. This art project by Hans Haacke, visible from within the building and from the rooftop viewing gallery, has symbolic meaning for Germany as a country of immigration and shows how art can intervene in politics. The choice of the word ‘Bevölkerung’, in comparison to ‘Volk’, is neutral and removes references to ethnicity. ‘Soil’ too is a concept laden with nationalist significance, and although Haacke invited members of parliament to bring ‘native soil’ from their constituencies to fill the bed, the ground was left for wild plants to self-seed in a botanical metaphor for Germany as a place where migrants can settle. Thus, although the impact of the artwork on the laws made in the building of which it is a part is difficult to assess and most likely very minimal, its participatory nature has at least created a list of politicians who support the inclusive spirit of the piece.

The recent protest on the steps of the Reichstag, which included various far-right groups, unleashed a series of shocked responses in political and media circles, with President Frank-Walter Steinmeier calling it an attack on ‘das Herz der Demokratie’. In contrast, Turkish-German writer Mely Kiyak (2020) questions this surprise in her column in Die Zeit, stating that Germany’s minorities do not underestimate the far-right in this way. She states that they have stopped wondering ‘wer ist wir, wer sind die?’, as for them it is quite clear-cut: ‘Die, das sind immer die mit den erschossenen, verbrannten, zu Tode geprügelten Angehörigen, deren Väter weinend in das Mikrofon eines ausländischen Fernsehsenders stammeln. Wir, das sind die, die sich erst mit einem Sicherheitsabstand von zehnzwanzigdreißig Jahren darüber erschrecken. Immer erst dann, wenn ihre eigenen Institutionen und ihre eigene Unversehrtheit in Gefahr sind.’

Thus, just as Fatima El-Tayeb speak of a ‘Rassismusamnesie’ that prevents mainstream society from acknowledging the historical presence of racialised people in Germany (2016, p. 15), a similar amnesia surrounds their expectations regarding the far-right, meaning that every act of violence is greeted by shock and dismay. Indeed, similar shock was expressed in the press after the riot in Chemnitz, which saw migrantised people being chased in the streets. However, although events such as the AfD reaching 12.6% of the vote on an ethno-nationalist ticket in the 2017 federal elections (Häusler 2018) and the Nationalsozialischtische Untergrund’s racially motived murders (potentially with the involvement of dubious undercover informants) certainly signal the ascendency of the far-right in Germany, it is important to note that far-right violence, fed and legitimized by political appeals to an ethnic sense of Germanness, has been a constant presence in reunified Germany. Indeed, the very birth of the reunified state was marked by the de facto expulsion of foreign workers from communist countries such as Mozambique and Angola (Howell 1994). Moreover, this is not just an issue at the extremes. Just as politicians from the CDU/CSU and SPD demonised migrants and asylum seekers, and sought to change the Grundgesetz whilst racist pogroms took place in Hoyerswerda, Rostock and Mölln, Angela Merkel’s grand coalition also founded the controversial Heimatministerium whilst the AfD were appealing to a ‘völkisch’ sense of Germanness.

This edited volume seeks to explore how cultural practitioners (writers, artists, musicians, filmmakers, architects, etc.) intervene in such political debates both to challenge far-right narratives and fight against the amnesia surrounding neo-Nazi and far-right violence in the Berlin Republic. It will explore what art can do that conventional politics cannot in terms of both galvanising alliances and imagining alternative forms of community and belonging.

Potential topics and potential artists/texts could include, but are not limited to:

- art and political protest/activism (Zentrum für politische Schönheit)

- art and practical responses to community- and alliance-building (hip-hop scene of the ‘90s, the Ballhaus Naunynstraße, Max Czollek and Sasha Marianna Salzmann’s ‘Desintegration’ project, literary magazines such as Freitext, Jalta and Literarische Diverse)

- alternative forms of community and belonging in art, literature, and film

- the politics of queer culture

- Neo-Nazis in art, literature, and film (Lola + Bilidikidby Kutluğ Ataman, NSU: Mitten in Deutschland, Wir sind jung. Wir sind stark. by Burhan Qurbani, Aus dem Nichts by Fatih Akin, German Amok by Feridun Zaimoglu, Das schweigende Mädchen by Elfriede Jelinek, Rechtsmaterial by Jan-Christoph Gockel and Konstantin Küsper)

- satire and the limits of satire (Er ist wieder da! by Timur Vermes/David Wnendt)

- rethinking German memory culture

- the legacy of colonialism in contemporary Germany

- collective memory and memorialisation of right-wing violence (Kaltland ed. by Karsten Krampitz, Markus Liske and Manja Präkels; ‘Poesie Post-Solingen’ (Yeşilada 2012))

- architectural reconstruction and political nostalgia

 

Please submit a ca. 500-word abstract and a short biography to joseph.twist@ucd.ie

Deadline for submissions: 30 November 2020

 

Bibliography:

El-Tayeb, Fatima, Undeutsch: Die Konstruktion des Anderen in der postmigrantischen Gesellschaft (Bielefeld: transcript, 2016)

Häusler, Alexander, ‘Die AfD: Partei des völkisch-autoritären Populismus’, in Völkisch-autoritärer Populismus: Der Rechtsruck in Deutschland und die AfD, ed. by Alexander Häusler (Hamburg: VSA, 2018), pp. 9-19

Howell, Jude, ‘The End of an Era: The Rise and Fall of G.D.R. Aid’, Journal of Modern African Studies, 32.2 (1994), 305-328

Kiyak, Mely, ‘Corona-Demos: Alufolie drauf und gute Nacht’, Zeit Online, 2 September 2020, https://www.zeit.de/kultur/2020-09/corona-demo-rechtsextremismus-berlin-verschwoerungstheoretiker-coronavirus

Richardson-Little, Ned and Samuel Merrill, ‘Who is the Volk?’: PEGIDA and the Contested Memory of 1989 on Social Media’, in Social Movements, Cultural Memory and Digital Media: Mobilising Mediated Remembrance, ed. by Samuel Merrill, Emily Keightley and Priska Daphi (Cham: Palgrave McMillan, 2020), pp. 59-84

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

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