CFP: Kafkas Zeiten, Bonn (30.11.2020)

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Kafkas Zeiten

Tagung der Deutschen Kafka-Gesellschaft

Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, 30. September bis 2. Oktober 2021

Alexander Kling und Johannes F. Lehmann

 

 

In den Texten Franz Kafkas ist die Zeit regelmäßig aus den Fugen. Immer wieder verpassen die Figuren den richtigen Augenblick, wobei unklar bleibt, ob es diesen überhaupt gibt (z.B. Vor dem Gesetz); Geschehen und Handlung werden ins Absolute beschleunigt oder verlangsamt (z.B. Ein Landarzt); Briefe treffen zur Unzeit oder überhaupt nicht ein (z.B. Der Verschollene, Eine kaiserliche Botschaft); auf die Medien der Zeitmessung ist kein Verlass (z.B. Ein Kommentar); dunkel bleibende Vorgeschichten wirken sich drückend auf die Gegenwart aus (z.B. Der Prozess). Zeitliche Konzepte wie die Widerkehr (z.B. „Der Gruftwächter“), die variierende Wiederholung (z.B. „Blumfeld, ein älterer Junggeselle“), die Aufschiebung (z.B. „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“), das Zurückbleiben oder Überholtwerden („Der Nachbar“) und das Sich-Verpassen (z.B. „Eine alltägliche Verwirrung“) sind prägend für Kafkas Literatur; zudem organisieren temporale Oppositionen wie die zwischen dem Einmaligen und dem Endlosen (z.B. „Der Jäger Gracchus, Die Sorge des Hausvaters), dem Singulativen und Iterativen (z.B. „Der Bau“), dem Warten und dem plötzlichen Umschwung (z.B. Das Urteil) die narrative Struktur der Texte. Betroffen sind von diesen temporalen (Un-)Ordnungen sowohl die Ebene des Dargestellten als auch der Darstellung, histoire und discours. Ebenso werden die für Kafkas Literatur wichtigen Bereiche des Politischen und Geschichtlichen von Zeitfigurationen grundiert, so dass sich ein Zusammenhang von Zeit und Macht zu erkennen gibt:  Dem modernen Regime der rigiden Zeitorganisation stehen Vorgänge der Nichtanpassung und der Desynchronisierung gegenüber, die als Widerstand, aber vor allem als soziale Marginalisierung auftreten können (z.B. Kinder auf der Landstraße, Die Verwandlung); immer wieder vollziehen sich Brüche mit der Alltagszeit und Verstetigungen von Ausnahmezeiten (z.B. Ein altes Blatt, „Der Schlag ans Hoftor“); Geschichts- oder Arbeitsprozesse verlaufen nicht nach einem linearen Muster, sondern weisen a(na)chronische Züge auf (z.B. Beim Bau der chinesischen Mauer); Mythen werden auch in ihrer zeitlichen Ordnung reformuliert (z.B. Prometheus); revolutionäre Tendenzen und messianische Erwartungen stehen den auf Dauer gestellten Ordnungen der undurchschaubaren Tradition und der mystisch legitimierten Herrschaft gegenüber (z.B. „Die Abweisung“, Zur Frage der Gesetze, Schakale und Araber).

Die Liste ließe sich fortsetzen. Dass dabei die Beispiele vertauscht werden können, ist kein Zeichen für Beliebigkeit, sondern belegt die kardinale Bedeutung von Zeit und Zeitlichkeit für Kafkas Texte. Deutlich wird dies auch in den „Zürauer Aphorismen“, die immer wieder um den „Zeitbegriff“ und verschiedene Zeitkonzeptionen kreisen (z.B. Heilsgeschichte, Augenblick/Ewigkeit, Arbeit und Arbeitszeit, Fortschritt, Veralltäglichung des Außergewöhnlichen, etc.).  Des Weiteren finden sich in den Tagebüchern zeitliche Paradoxa wie der „stehende[] Sturmlauf“, der als Schlüssel für die Interpretation von Kafkas Zeitverständnis und seinem Werk insgesamt herangezogen wurde (vgl. Allemann 1962). Die Rede vom „stehende[n] Sturmlauf“ macht außerdem kenntlich, dass bei Kafka die Fragen nach Zeit/Zeitlichkeit eng mit den Fragen nach Raum/Räumlichkeit verknüpft sind. Basiskonzepte wie Bewegung und Stillstand sind daher stets in einer räumlichen und zeitlichen Dimension sowie mit Blick auf ihr Zusammenspiel zu denken. Auf dieser Grundlage versteht sich unsere Tagung nicht als Gegensatz zu Forschungsarbeiten, die in den vergangenen Jahren überwiegend ‚Kafkas Räume‘ fokussiert haben (vgl. exemplarisch Neumeyer 2013, Kleinwort/Vogl 2013, Müller/Weber 2013), sondern als notwendige Ergänzung zu diesen Beiträgen. Orientierung bieten mit Blick auf ‚Kafkas Zeiten‘ zum einen einige ältere und neuere Beiträge der Kafka-Forschung (vgl. exemplarisch Allemann 1962, Rolleston 1978, Fuchs 2018 und 2019), zum anderen in theoretischer Hinsicht die in den vergangenen Jahren intensiv erforschten „Ästhetischen Eigenzeiten“ (vgl. Gamper/Hühn 2014).

Für die Untersuchung von ‚Kafkas Zeiten‘ lassen sich tentativ drei Zugriffsweisen nennen, an denen sich mögliche Tagungsbeiträge orientieren können, wobei selbstverständlich Verknüpfungen und Ergänzungen erwünscht sind:

 

  • Erstens ist ein kulturwissenschaftlicher Zugriff zu nennen, der Kafkas Texte in Bezug auf ihre historischen Kontexte in den Blick nimmt. In Zeitgenossenschaft zu Kafkas Texten werden in verschiedenen Disziplinen – etwa der Philosophie (z.B. Bergson, Brentano) und der Physik (z.B. Einstein) – neue und zum Teil revolutionäre Zeitmodelle entworfen, die als solche auch für die Literatur eine Herausforderung darstellen. Dennoch liegen bisher etwa in Hinsicht auf Kafkas Begegnung mit Einsteins Relativitätstheorie eher wenige Forschungsbeiträge vor (zu nennen sind in diesem Zusammenhang u.a. Stach 2014 und Neumann 2018). Neben unmittelbaren zeittheoretischen Kontexten ist darüber hinaus an die Reflexion von Formen der Zeitorganisation zu denken, politisch, ökonomisch, technisch usw.

 

  • Zweitens bietet sich für die Erforschung von ‚Kafkas Zeiten‘ ein medientheoretischer Zugriff an. In Kafkas Werk, das zeigen auch seine Briefe an Felice Bauer und Milena Jesenská (etwa der berühmte Gespenster-Brief), sind es nicht zuletzt die medialen Formen der Kommunikation, die dem immer wieder ausgetragenen Kampf zwischen temporaler Synchronisierung und Desychronisierung zugrunde liegen; die Akten-Kommunikation im Schloss-Roman ist hierfür ein Beispiel. Neben Briefen und Telefon erzeugen auch andere Medien wie die Fotografie, der Parlograph und der Film mit ihren Darstellungs- und Speicherungsmöglichkeiten neue Formen der Zeitlichkeit, die als solche in Kafkas Texten eine wichtige Rolle spielen. Zu denken ist an die Fotografie von Klamm im Schloss-Roman, an die zeitliche Struktur der Strafkolonie, in die der Apparat auf entscheidende Weise eingebunden ist, oder an die Slapstick-Szenen im Verschollenen-Roman. 

 

  • Drittens schließlich bedarf es eines narratologischen Zugriffs, der sich etwa den Relationen von Erzählzeit und erzählter Zeit, von singulativem und iterativem Erzählen sowie von einem narrativen und einem dramatischen Darstellungsmodus (mit ihren jeweiligen Zeitlichkeiten) widmet. Wie gewinnbringend ein solcher Zugriff sein kann, zeigen die Forschungsbeiträge, die das Erzähltempus von Kafkas Texten ins Zentrum der Untersuchung gestellt haben (vgl. hierzu bereits Cohn 1968, Coetzee 1981). Besondere Berücksichtigung fanden hierbei Ein Landarzt und Der Bau, die Herangehensweise kann aber auf weitere Texte übertragen und gegebenenfalls modifiziert werden. Auch die für Kafka typischen kleinen Formen (z.B. Sage, Legende, Parabel, Mythe, Märchen, Aphorismus) können in Hinsicht auf ihre zeitlichen Relationen in den Blick genommen werden, so dass sich möglicherweise die temporale Erzählorganisation sowohl auf einer mikrologischen als auch einer makrologischen Ebene als entscheidendes Moment von Kafkas Literatur zu erkennen gibt.

 

Wir möchten ausdrücklich Nachwuchswissenschaftler*innen auffordern, sich zu bewerben. Die Publikation der überarbeiteten Tagungsbeiträge wird in der Schriftenreihe Forschungen der Deutschen Kafka-Gesellschaft erfolgen.

 

Die Tagung wird vom 30. September bis 2. Oktober 2021 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn stattfinden. Die Vorträge sollen – zugunsten der gemeinsamen Diskussion – eine Länge von 20 bis höchstens 30 Minuten haben. Exposés im Umfang von ca. 1.500 Zeichen Umfang erbritten wir bis zum 30. November 2020 an akling@uni-bonn.de und johannes.lehmann@uni-bonn.de.

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