CFP: Workshop „Opferdramaturgie nach dem bürgerlichen Trauerspiel. Zur Viktimologie der Geschlechter in Drama, Libretto und Prosa – 19. Jh. bis zur Gegenwart“, Berlin (30.10.2020)

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Themenstellung

In ihrer Denkschrift Females (2019) deutet die US-amerikanische Autorin Andrea Long Chu den Begriff „weiblich“ (female) radikal um: Sie definiert ihn als „any psychic operation in which the self is sacrificed to make room for the desires of another.“ Diese starke Reduktion auf Opfertum kann man als die neueste Revision einer Neukonzeptualisierung von Weiblichkeit auffassen, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beginnt. Im Drama der Zeit bildet sich im Kontext neuer Geschlechteranthropologien eine Konstellation heraus, in der negativierte Männlichkeit und weibliche Opferschaft einander im Spannungsfeld zwischen Viktimisierung und Sakrifizierung gegenüberstehen.

 

Kulturanthropologischen Thesen zufolge (Benjamin 1928/1974, Burkert 1990, Girard 1992) entstand die Tragödie (altgriech. für „Bocksgesang“) aus dem Opferritual, der tragische Held könne als Kultursublimat des Sündenbocks verstanden werden. Für diese Auffassung spräche immerhin, dass die Kategorie des Opfers in der Geschichte der Tragödie und ihrer Poetik immer wieder reflektiert wird. Die kulturelle Transformation des Sacrificiums, das das Opfer ursprünglich gewesen ist, in eine Victima, oder genauer: die Adelung der unschuldigen Victima zum Sacrificium, mithin die Mobilisierung von empathischer Identifikation und kulturellem Kapital für die Opfer, wird maßgeblich vom Drama besorgt. Die Grundlagen noch für gegenwärtige Opferdiskurse, zumal in ihrer Legierung mit Genderproblematiken, werden im Zeitraum von 1760-1850 gelegt. Hier findet eine Revolutionierung dramaturgischer Prozesse, eine Neuausrichtung des Dramas statt: das Theater, seinerzeit als die wirkungsmächtigste Gattung begriffen, wird illusionistisch, und es entwickelt Strategien, die Zuschauer zur Empathie mit den dargestellten Figuren anzuleiten. Das wirkt bis in heutige Unterhaltungsformate fort. Für den engen Verbund zwischen wirkungsmächtigen ästhetischen Strategien und den im gleichen Zeitraum entstehenden neuen Geschlechteranthropologien (Honegger 1991, Kucklick 2008, Tosh 1999/2005) steht die dramatische Erfolgsgattung schlechthin nach 1760, das bürgerliche Trauerspiel. (Mönch 1993) Es ist Lessing, der insbesondere mit der Emilia Galotti die Dramaturgie des weiblichen Bühnenopfers umprägt, sie geschlechteranthropologisch überformt und wirkungspolitisch ausmünzt.

 

Genauer gesprochen geht es darum, dass die Position des tragischen Helden/der tragischen Heldin eigens im Drama selbst reflektiert, d.h. auf eine metapoetische Ebene gehoben wird. Dieses auffällige Merkmal wird noch durch ein weiteres, und für diese Zusammenhänge noch zentraleres überlagert: Die tragische Position wird geschlechtlich/genderbezogen codiert. Nicht nur, dass seit dem 18. Jahrhundert auffällig häufig das weibliche Opfer diese Position besetzt und dass komplementär männliche Täterschaft die antagonistische Position einnimmt. Zwar hat es tragische Heldinnen oder männliche Täter in der Geschichte der Gattung seit je gegeben. Neu erscheint jedoch die explizite Reflexion der Geschlechtlichkeit in Verbindung mit der tragischen Funktion. Die Dramen selbst bringen die Funktion des tragischen Helden/der tragischen Heldin mit den seinerzeit akuten Diskursen der Geschlechteranthropologie in Verbindung. Es findet eine ausdrückliche Reflexion von Weiblichkeit bzw. Männlichkeit statt.

 

Lessing prägt ein wirkmächtiges Schema, das sich in mimetischer Anknüpfung oder Konkurrenz in der kanonischen oder den Kanon flankierenden Dramatik über Lenz, Klinger, Schiller, Gotter, Goethe und Kleist bis hin zu Hebbel, Grillparzer und darüber hinaus fortschreibt. Und er wirkt auf die heute i. d. R. vergessene, seinerzeit umso populärere Dramatik des bürgerlichen Rührstücks, auf die Trivialformate à la von Gemmingen, Iffland, Kotzebue u.v.a. Über die Gattungsgrenze hinaus werden Erzählungen wie Kleists Marquise von O…., Romane wie Goethes Wahlverwandtschaften, Flauberts Madame Bovary oder Fontanes Effi Briest auf ihre Weise jene Konstellation von Opfer und Drama beobachten, wie sie sich ähnlich auch auf der Opernbühne, in Mozarts Don Giovanni bis hin zum Musikdrama Richard Wagners einstellen. Das enge Band zwischen Gender, Tragödie und Opfer zieht sich bis in die Gegenwart hinein, zu Dürrenmatt, Jelinek oder Lars von Trier. Scheinbar hat sich das weibliche Opfer als dramaturgische Konstellation und als „Narrativ“ fest etabliert, viktimologisch wie sakrifiziell, diesseits wie jenseits von Bühne und Buch.

 

Historische Forschung hat sich der Funktion der Opfersemantik in der gegenwärtigen Aufmerksamkeitsökonomie zugewandt und dabei eine Begriffsverschiebung konstatiert: die Vorstellung des passiven Opfers sei historisch und neu und unterscheide sich von vorangegangenen Auffassungen, denen zufolge „Opfer“ etwas sei, das aktiv erbracht wird. (Goltermann 2017) Es wird jedoch nicht gesehen, wieviel Anteil die Literatur, und hier inbesondere das Drama, daran besitzt.

 

Ziel des Workshops

 

Zugespitzt geht es auch darum, zu prüfen, inwiefern und in welchem Ausmaß der gesellschaftliche Wandel in der Reflexion von Geschlechterdifferenzen bis in die Gegenwart hinein auf die nachhaltige Wirksamkeit dieser spezifisch-literarischen Opferkonstruktion angewiesen ist. Dazu wollen wir zunächst die direkte Auseinandersetzung im Drama mit Lessings Emilia bis zu ihrer Erschöpfung genauer betrachten. Im Vordergrund stehen hier entsprechend Fragestellungen zwischen Gattungstheorie und historischer Geschlechterforschung.

 

Darüber hinaus wollen wir in einem weiteren Schritt anhand von stichprobenartig ausgewählten Epoche machenden Beispielen die Wiederaufnahme oder Transgression der beschriebenen Opferinnovation auch in nachfolgenden führenden Erzählmedien bis zur Gegenwart besser verstehen. Der Nachweis, dass die gattungspoetologischen Innovationen zutiefst in zeitgenössische geschlechteranthropologische Diskurse eingebettet sind, würde exemplarisch die kulturelle und geschlechterpolitische Brisanz ästhetischer, literarischer und dramatischer Praktiken und Gebilde erhellen.

 

Der Workshop findet am 08. und 09. Oktober 2021 im Regionalzentrum Berlin der Fernuniversität in Hagen statt. Die Reise- und Übernachtungskosten können im üblichen Umfang übernommen werden. Eine Publikation der Beiträge in einem Sammelband ist geplant. 

 

Für den Workshop erwarten wir von den Teilnehmer*innen zwei Wochen vor dem Workshop die ausformulierten Papers von acht bis zehn Seiten (max. 25. 000 Zeichen mit Leerzeichen), die im Workshop mittels eines Respondenz-Verfahrens von maximal 15 Minuten vorgestellt und danach diskutiert werden. Relevante Materialien (Textstellen, Abbildungen, Filmausschnitte etc.) können gerne mitverschickt werden.

 

Bitte senden Sie Ihr Abstract (max. 1 Seite) für einen Vortrag (max. 20 min.) sowie eine Kurzbiografie bis zum 30. Oktober 2020 an: 

Prof. Dr. Uwe Steiner: Uwe.Steiner@fernuni-hagen.de

Dr. Wim Peeters: Wim.Peeters@fernuni-hagen.de

 

Interne Forschungsfördermaßnahme ›Genderforschung‹ – Gleichstellungskonzept 2019-2022

 

Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Medientheorie
FernUniversität in Hagen | Universitätsstr. 33 | 58084 Hagen | Deutschland


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Johannes Schmidt] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu