CFP: Sammelband Interkulturalität und Kinder- und Jugendliteratur / Interkulturelles Lernen mit Kinder- und Jugendliteratur (15.10.2020)

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Unabhängig davon, in welchem Ausmaß individuelle und/oder familiäre Biografien durch Migrationserfahrungen und Kulturkontakterfahrungen geprägt sind, nimmt der Auf- und Ausbau interkultureller Kompetenz in einer sich zunehmend globalisierenden Welt einen hohen Stellenwert besonders für Heranwachsende ein. Es überrascht daher nicht, dass interkulturelles Lernen auch in die schulischen Bildungsstandards aufgenommen wurde.

Dem Literaturunterricht kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu: Der Umgang mit literarischen Texten im Unterricht soll Kindern und Jugendlichen Gelegenheit bieten, Wissen über eigene und andere Kulturen zu erwerben, Einstellungen zu entwickeln bzw. kritisch zu reflektieren sowie die Fähigkeiten zu entwickeln, Menschen anderer Kulturen zu verstehen und mit ihnen erfolgreich zu interagieren. 

Kultur wird von uns in diesem Zusammenhang verstanden als „erlerntes Orientierungs- und Referenzsystem von Werten, Praktiken und Artefakten, das von Angehörigen einer bestimmten Gruppe oder Gesellschaften kollektiv gelebt und tradiert wird und sie von Angehörigen anderer Gruppen und Gesellschaft unterscheidet“[1]

Schließt man an diese Vorüberlegungen einen breiten Begriff der Interkulturalität an und bezieht ihn auf den Bereich der literarischen Kommunikation, so wird deutlich, dass literarische Texte oftmals nicht nur interkulturelle Erfahrungen zwischen Religionen oder vermeintlich homogenen ‚Kultur-‘ oder Sprachräumen thematisieren. Neben und in diesen Makrokulturen lassen sich stattdessen zahlreiche Mikro- und Subkulturen ausmachen, die sich überlagern, wechselseitig beeinflussen oder miteinander in Konflikt liegen können. Die Figuren in neueren Texten haben oft Anteil an mehreren Kulturen (Familie, Freundeskreis, …) und fühlen sich ihnen zugehörig, zwischen ihnen hin- und hergerissen, aber auch von der jeweiligen Umgebungskultur ausgeschlossen oder bemühen sich teils bewusst, Anschluss an eine bestimmte Kultur zu finden. 

Kinder- und jugendliterarische Texte präsentieren unterschiedlichste Szenarien, die interkulturelle Lernprozesse initiieren können: der Kontakt eines jungen Amateurdetektivs in Afrika mit Touristen (Thabo. Detektiv und Gentleman); Emmas Umzug von Irland nach Mecklenburg-Vorpommern (Elektrische Fische) oder Jameelahs Zwiespalt zwischen der Treue gegenüber ihren irakischen Wurzeln und der Verinnerlichung dessen, was sie für ‚deutsch‘ hält (Tigermilch). Daneben ermöglichen literarische Texte aufgrund der durch die Lektüre provozierten Fremdheitserfahrungen auch, ein vertieftes Wissen und Verständnis für die eigene(n) Kultur(en) und deren Wandel zu erwerben (z.B. Tommy Krappweis‘ Mara und der Feuerbringer).

 

Der geplante Band möchte didaktische Anregungen und Modelle für den Literaturunterricht der Jahrgangsstufen 5 bis 10 präsentieren, die das interkulturelle Potential neuerer kinder- und jugendliterarischer Texte ausleuchten. Auf der Basis literaturwissenschaftlicher Analyse und didaktischer Kommentierung sollen außerdem konkrete methodische Vorschläge für die Arbeit mit Lernenden vermittelt werden.  

 

 

Mögliche Texte:

 

Jahrgang 5 bis 6 

Hayfa Al Mansour: Das Mädchen Wadjda

Kirsten Boie: Thabo. Detektiv & Gentleman (Reihe)

Ayse Bosse: Pembo

Rieke Patwardhan: Forschungsgruppe Erbsensuppe

Antonia Michaelis: Der Koffer der tausend Zauber und weitere Titel

 

Jahrgang 7 +

Zoran Drvenkar: Im Regen stehen

Katharine Rundell: Zuhause redet das Gras

 

Jahrgang 8 +

Stefanie de Velasco: Tigermilch

Susan Kreller: Elektrische Fische

Julya Rabinowich: Dazwischen: Ich

 

Jahrgang 9 und 10

Wolfgang Herrndorf: Tschick

Rolf Lappert: Pampa Blues

Tahereh Mafi: Wie du mich siehst

 

Wir sind offen für weitere Vorschläge. Überblicksbeiträge zu „Klassikern“ wie Gudrun Pausewang oder Lutz van Dijk sind ebenfalls willkommen.

 

Die fertiggestellten Beiträge sollen einen Umfang von 45.000 Zeichen nicht überschreiten, sich mit einem Kinder- oder Jugendbuch auseinandersetzen und bis zum 1. Mai 2021 vorliegen. Die Gliederung der Beiträge soll einheitlich sein:

 

  • kurze Inhaltsangabe/Textvorstellung mit Ausführungen zur angezielten Jahrgangsstufe
  • knappe literaturwissenschaftliche Analyse (im Hinblick v.a. auf das interkulturelle Lernen, z.B. hinsichtlich der Erzählperspektive(n), stilistischer Besonderheiten)
  • didaktischer Kommentar I: Beschreibung des allgemeinen literaturdidaktischen Potentials
  • didaktischer Kommentar II: in Bezug auf das interkulturelle Lernen
  • didaktisch-methodische Konkretisierungen

 

Angebote für einen Beitrag erbitten wir mit einer knappen Skizze von ca. 300 Wörtern sowie einer kurzen biografischen Skizze bis zum 15. Oktober 2020, danach erfolgt eine Rückmeldung bis Anfang November zu möglichen Beiträgen. Die Vorschläge sind zu richten an:

 

Dr. Ines Heiser:  ines.heiser@uni-marburg.de

Dr. Jana Mikota: mikota@germanistik.uni-siegen.de

Andy Sudermann: andy_sudermann@web.de

 

Die Publikation des Bandes ist in der Reihe „Kinder- und Jugendliteratur. Themen – Ästhetik – Didaktik“ im Schneider Verlag Hohengehren für Herbst 2021 vorgesehen.

 

[1] Barmeyer 2012, S. 95; zitiert nach Scherer – Vach 2019, S. 20.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu