CFP: Zukunftsermittlungen – prognostische Gattungen in der frühen Neuzeit (01.11.2020)

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Zeit und Zeitvorstellung in der frühen Neuzeit wurden in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer wieder vor allem durch die historischen Wissenschaften in den Blick genommen. Zuletzt äußerte sich Achim Landwehr in seiner Studie „Geburt der Gegenwart. Eine Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert“ umfangreich zu einer Veränderung der Zeitwahrnehmung im Laufe des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts, wobei der Kalender als Medium des Wahrnehmungswandels die Studie gliedert. Der Titel von Landwehrs Untersuchung suggeriert, ebenso wie der von Lucian Hölschers Buch „Die Entdeckung der Zukunft“, dass unsere heutigen Zeitkategorien, wie wir sie gemeinhin als Selbstverständlichkeit annehmen, keine Naturkonstante sind, sondern einer recht späten kulturellen Entwicklungsstufe angehören und erst am Übergang in die Moderne entstehen. So umreißt auch Reinhardt Koselleck das Ergebnis seiner Untersuchungen zur historischen Zeiterfahrung in der Einleitung zu seinem Sammelband „Vergangene Zukunft“ wie folgt: „Es ist ein durchgängiger Befund der folgenden Studien, daß im Maße als die eigene Zeit als eine immer neue Zeit, als ‚Neuzeit‘ erfahren wurde, die Herausforderung der Zukunft immer größer geworden“ sei. Die Erwartung der Letztzeit und die andauernde Verzögerung des Weltenendes bestimmen laut Koselleck zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Zukunftserwartung.

In der Naherwartung der Endzeit entsteht ein wachsendes Bedürfnis der Ermittlung künftiger Ereignisse, sei es durch bekannte Formen wie die Astrologie oder die Traumdeutung, sei es durch unbekanntere Techniken wie Vorhersagen aus den vier Elementen, aus Würfeln oder Pflanzen. Die Etablierung des Buchdrucks geht eng mit diesen Formen der Zukunftsermittlung einher, so gehören Prognostiken bereits im 15. Jahrhundert zu den häufigsten Druckwerken. Das Medium des Buchs prägt zudem die Vorhersagepraktiken selbst, sowohl durch Losbücher oder Astrolabien als auch durch Techniken wie das Buchstechen. Darüber hinaus ist Buchwissen zentral für die Vorstellungen von prognostischen Techniken, so kann man etwa davon ausgehen, dass Listen über Vorhersagepraktiken, wie sie etwa in den frühneuzeitlichen Dämonologien geführt werden, ausschließlich Buchwissen darstellen. Das Spektrum dieses Wissens reicht dabei von beschreibenden und instruktiven über juristische/theologische bis hin zu satirischen Texten. Ebenso vielfältig zeigen sich die medialen Formate prognostischer Literatur und die intermedialen Beziehungen, etwa bezogen auf Illustrationen und Diagramme, die in ihnen hergestellt werden.

Ziel der Beitragssammlung in der Zeitschrift Daphnis ist ein Überblick über die Wissensbestände und Gattungen, die sich mit Beginn des Buchdrucks aus dem Bedürfnis speisen, dem Menschen Wissen über die Zukunft zugänglich zu machen. Wir hoffen auf breit gestreute Beiträge, die sich mit Vorhersagepraktiken und ihrer Überlieferung ebenso auseinandersetzen können wie mit dem Diskurs über prognostische Techniken aus Perspektive der Praktiker und Kritiker. Interdisziplinäre und interkulturelle Fragestellungen sind sehr willkommen. Wir freuen uns über Vorschläge (im Umfang von 250–300 Wörtern) bis zum 1. November 2020 an:
Joana van de Löcht (joana.van-de-loecht@gs.uni-heidelberg.de) und
Helge Perplies (helge.perplies@gs.uni-heidelberg.de).

Die Deadline für die Beiträge ist der 31. Mai 2021.

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Lukas Büsse] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu