CFP: Zeitstrukturen im Wandel: Von der Goethezeit zur Zwischenphase (21.08.2020)

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Zeitstrukturen im Wandel: Von der Goethezeit zur Zwischenphase

gepl. Ersch.: Herbst 2021, Hg.: Stephan Brössel (Münster), Stefan Tetzlaff (Göttingen)

Der projektierte Band führt Überlegungen fort, die auf dem 26. Germanistentag (Saarbrücken, 22.–25.09.2019) mit dem Panel Zeitumstellungen: Formen und Funktionen literarischer Zeitstrukturen am Übergang zwischen Romantik und Zwischenphase eröffnet wurden. Im Zentrum steht die Frage, wie Zeit im genannten Zeitraum thematisiert und erzählt wird. Dabei ist grundlegend zu beobachten, dass sich mit dem Ende der Goethezeit das literarische Feld in verschiedene Subsysteme ausdifferenziert, die experimentell ausgerichtet (Frank), kaum trennscharf und kaum einheitlich fassbar sind. Anthropologische und poetologische Modelle wie der Bildungsroman oder die Autonomieästhetik werden in Vormärz, Biedermeier und Jungem Deutschland zwar weitergeführt, dabei aber als nicht tragfähig ausgestellt. Der noch immer tendenziell provisorische, dabei aber selbstreflexive Blick des Literatursystems auf diese Gemengelage wechselt zwischen Beschreibungen als Rückbau des Vergangenen (‚Ent-Romantisierung‘ oder ‚Verkehrung der Romantik‘ [Stockinger]) und Fassungsversuchen der Gesamtsituation als Zwischenphase, die ihre eigene Vorläufigkeit thematisiert.

Der Band nimmt mit der Zeit der 1820er- und 1830er-Jahre den Ausgang der Goethezeit/Romantik und den Eintritt in die skizzierte Phase in Augenschein und fragt danach, wie sich der literarische Wandel in literarischen Repräsentationen von Zeit abbildet. Dabei wird von der Beobachtung ausgegangen, dass Zeit gerade in solchen Schreibweisen dominant auftritt, die den eigenen Umbruchszustand verhandeln. Dies wird u.a. deutlich an der Korrelation von Zeit und Psyche (Lukas), dem Umgang mit ‚Fremdräumen‘ (Tetzlaff), der Ausbildung des Zeitromans (Göttsche), der Form historischen Erzählens (Sottong) sowie der Neukonzeption von Zukunft (vor allem in Auseinandersetzung mit der Vergangenheit) (Brössel). In jedem Fall wird die Ablösung von der Goethezeit auch in Darstellungsweisen der literarischen Zeit abgehandelt.

Mögliche Fragestellungen richten sich auf:

  1. Zeitkonzepte: Welche Qualitäten und Logiken werden der Dimension der Zeit zugeschrieben? Wird Zeit mythologisch, anthropologisch oder physikalisch perspektiviert – und kollidieren entsprechende Zeitkonzepte oder werden sie erfolgreich vermittelt? Wie verhält sich der strukturelle Wandel im Literatursystem zum dominanten Zeitkonzept des ‚Modernen Zeitregimes‘ (Assmann)?

  2. Zeitstrukturen: Wie verändern sich etablierte Sujets wie der Bildungsroman, die Initiationsgeschichte und narrative Strukturen insgesamt hinsichtlich ihrer syntagmatischen Repräsentation zeitlicher Abläufe? Linearität und Digression können hier ebenso im Mittelpunkt stehen wie narratologische Fragen nach dem Erzähltempo oder Formen von Ereignishaftigkeit.

  3. Zeithorizonte: Die Entdeckung der Zukunft (Hölscher), ‚Plötzlichkeit‘ (Bohrer) und triadische Geschichtsmodelle bilden den goethezeitlichen Bezugspunkt (Oesterle), an dem sich in der Zwischenphase neue Gewichtungen eines offenen zeitlichen Kontinuums ausbilden. Die Frage nach ‚Zeithorizonten‘ kann dementsprechend Funktion und Stellenwert von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in den Blick nehmen und erschließen, wie diese Zeitstufen aneinander ausgerichtet sind. Inwiefern lässt sich in der Zwischenphase etwa eine ‚emphatische Orientierung auf die Zukunft‘ und ein ‚Auseinanderdriften von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont‘ (Koselleck 1979) beobachten?

  4. Zeitdiskurse: Welche außerliterarischen Wissensbestände von Zeit (biologische, juristische, mathematische etc.) schreiben sich als Diskurs(e) und Diskursformationen in die erzählten Weltmodelle ein? Im Blick steht hier disziplinäres Zeit-Wissen, das sich topisch, motivisch und/oder als Sprechweise im Erzählen abbildet.

Insgesamt ist der Sammelband an zwei Grundfragen orientiert:

  1. Inwiefern werden aus der Goethezeit stammende literarische Ausprägungen von Zeit und Zeitlichkeit aufgegriffen und als rückblickende Reflexion problematisiert? Und komplementär dazu:

  2. In welchen Strukturkomplexen treten ‚Zeitumstellungen‘ progressiv als Entwurf neuer Konzepte auf?

Der Band soll dementsprechend zeigen, auf welchen Ebenen ein Umgang mit Zeit manifest wird und welche Strukturen, Modelle und Semantiken von Zeit und Zeitlichkeit in welchen Bezügen verhandelt werden, kurz: welche Formen und Funktionen sie aufweist.

Abgabe der Beiträge: 28.02.2021 (40.000 Zeichen inkl. Leerz.).

Abstract: Erbeten wird ein kurzes Abstract zu einem geplanten Beitrag (max. 300 Wörter) nebst kurzer biobibliografischer Notiz (5–7 Zeilen) bis zum 21.08.2020 an s.broessel@uni-muenster.de und stefan.tetzlaff@uni-goettingen.de.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Johannes Schmidt] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

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