CFP: Pandemie – ein Störfall und seine grenzüberschreitenden Folgen für Kunst und Kultur (31. August 2020)

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CFP: Pandemie – ein Störfall und seine grenzüberschreitenden Folgen für Kunst und Kultur | 12. Hans Werner Richter Literaturtage vom 12. bis 14. November 2020  im Hans Werner Richter-Haus Bansin/Usedom

 

 

Im Kontext der Arbeiten an der Universität Gießen ist vor kurzem ein Band zu „Störungen des ‚Selbst’“ erschienen, in dem es um die mediale und literarische Konfiguration von lebensweltlichen Störungen geht. Dabei stand die Auseinandersetzung mit Trauma-Erfahrungen im Zentrum (Gansel 2020). Der Band schließt an diverse Darstellungen an, die sich seit 2008 mit der ‚Kategorie Störung‘ beschäftigt haben und systemtheoretische Überlegungen von Niklas Luhmann produktiv zu machen suchten. Erste Ergebnisse waren im Rahmen einer DFG-Tagung unter dem Titel „Perturbationen – Das ‚Prinzip Störung‘ in den Geistes- und Sozialwissenschaften" diskutiert worden (vgl. Gansel/Ächtler 2013, Gansel 2014). Einen Schub erhielten die Forschungen zu Störphänomenen mit dem 11. März 2011, an dem sich die ,Dreifachkatastrophe‘ aus Erdbeben, Tsunami und Reaktorunglück am Standort Fukushima in Japan ereignete. In der Folge fanden sich weitere Projekte, die den Störfall-Begriff weiter ausarbeiteten und mit Blick auf verschiedene gesellschaftliche Teilsysteme untersuchten (vgl. insbesondere Koch/Petersen/Vogl 2011; Koch/Nanz/Pause 2016).

 

Die nunmehr ist Auge gefasste Tagung, die Workshop-Charakter hat, geht von der Annahme aus, dass gesellschaftliche Teilsysteme (Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Kultur, Medien) wie psychische Systeme sich beständig an unterschiedlichen Formen von Störungen abarbeiten. Allerdings erlangt eine Störung erst dann Relevanz, wenn sie als solche wahrgenommen wird und eine Auseinandersetzung mit ihr erfolgt. Auch in dem Fall, da sich wieder Normalität einstellt und gegebenenfalls Entstörungsmaßnahmen erfolgreich waren, können Störungen Spuren in Form von nicht kaschierbaren Brüchen, von Rissen oder aber auch irreversiblen Folgen hinterlassen. In Abhängigkeit von ihrer wahrgenommenen, wirklichen oder inszenierten Intensität werden daher Störungen im individuellen wie im kommunikativen und kulturellen Gedächtnis gespeichert. Während der Auseinandersetzung und danach können Störungen zu einer Selbstreflexion der Systeme beitragen und zur Überprüfung von gesellschaftlichen Normen oder kulturellen Mustern beitragen. Auf diese Weise geraten die Strukturen von Teilsystemen auf den Prüfstand, wobei es zu einer Neuvermessung und gegebenenfalls zu einer Umstrukturierung kommt. Anders gesagt: Eine Störung kann ein System dazu veranlassen, zu „lernen“ und seine Strukturen neu zu koppeln.

 

Grundsätzlich ist davon ausgegangen worden, dass es a) unterschiedliche Intensitätsgrade von Störung gibt, die sich b) in verschiedenen Räumen und c) in einer zeitlichen Dimension vollziehen (Gansel 2013). Fragen nach der Intensität von Störung sind in Verbindung mit den jeweiligen Systemen zu stellen und machen eine Unterscheidung hinsichtlich der Quantität wie auch der Qualität der Störung möglich (Grade, Arten und Formen der Störung).

 

Die Künste als selbstreflexive Medien haben Störungen und ihre Folgen in diachroner Perspektive durchweg zum Gegenstand von Darstellungen gemacht. Ein Beispiel aus der Literatur zu Ende des 20. Jahrhunderts, das als eine erste und direkte Reaktion auf einen eklatanten Störfall gelten kann, ist Christa Wolfs Erzählung „Störfall“, die bereits wenige Monate nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 im Aufbau Verlag erschien. Im Sinne von Niklas Luhmann führte die Wahrnehmung des Reaktorunglücks bei Christa Wolf zu einer tiefgreifenden Selbstirritation. In einem gemeinsam mit Christa Wolf herausgegebenen Band, der fast 25 Jahre später erschien, verweist Günther Uecker auf die Entstehungsgeschichte seiner Aschebilder: „Viele meiner Aschebilder entstanden nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl, als ich sprachlich nicht mehr mitteilen konnte, was mich da erschütternd berührte, ich auswich und dachte: wenn ich es versuche, mit Bildern auszudrücken, wird es mir möglich. Der ganze Zyklus der Aschemenschen ist eigentlich aus der Verzweiflung des gefährdeten Seins entstanden.“ (Wolf/Üecker 2010). 

 

Die Texte von Christa Wolf und die Bilder von Günter Üecker zeigen exemplarisch: Mit dem ‚System Kultur‘ existiert einerseits ein gesellschaftliches Teilsystem in dem über Literatur, Bildende Kunst oder Musik Störungen thematisiert werden. Andererseits können etwa Literatur, Bildende Kunst oder Musik ihrerseits zum Gegenstand von Störungen werden, weil sie gesellschaftlich gesetzte Grenzen überschreiten, existierende ‚Vereinbarungen‘ in Frage stellen und Tabus zum Gegenstand von Darstellung machen. Es ist mitzudenken, dass in der ‚Aufstörung‘ ein wesentliches Moment des „gesellschaftlichen Auftrags“ von Kunst besteht. 

 

Es steht außer Frage, dass die skizzierten Aspekte zur Kategorie Störung wie auch die Beispiele von Christa Wolf und Günther Uecker in besonderer Weise die gegenwärtige Situation seit März 2020 betreffen. Die Corona-Pandemie stellt einen Störfall mit grenzüberschreitenden Wirkungen auf gesellschaftliche Teilbereiche dar. Zudem führt COVID-19 in globaler Perspektive in allen Gesellschaften und ihren Teilsystemen zu Störungen und es besteht gesamtgesellschaftlich die Notwendigkeit, zu reagieren.

 

Kategorisiert man die Pandemie als eine Störung und betrachtet ihre Intensitätsgrade, Orte und die zeitliche Dimension, dann zeigt sich, dass insbesondere Fragen der Topizität eine Rolle spielen, mithin die Frage danach aufkommt, welche Räume von der Störung erfasst werden und in welcher Weise sich die Handlungs- und Kommunikationsmöglichkeiten in diesen Räumen verändern. Anknüpfend an die Tendenz der Kartierung globaler Räume und der Untersuchung globaler (Austausch-)Prozesse und (Handlungs-)Strukturen wie sie im Zuge des spatial turn in den letzten Jahren vorgenommen worden sind (u.a. Günzel 2009), rücken mit der Corona-Pandemie und den derzeit greifenden Quarantänemaßnahmen verstärkt lokale Strukturen und Raumkonzeptionen in den Blick. Es geht in neuer Weise um Aspekte der Wahrnehmung, um die Ermöglichung oder Verhinderung der Überschreitung von Raumgrenzen, es geraten Wegestrukturen in und Grenzziehungen von Räumen in den Fokus. Damit sind Fragen nach topologischen Strukturen und Semantisierungen aufgeworfen. Unbestreitbar stellen die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie massive Eingriffe in die gesellschaftlichen Teilsysteme und ihre systemeigenen Logiken dar. Mit Blick auf den Konnex Pandemie und Raum lässt sich aus kulturwissenschaftlicher Perspektive etwa fragen:

  • Kommt es mit COVID-19 zu einer topologischen Wende? Im Verständnis vom Raum als Ergebnis und Ausdruck sozialer Beziehungen wirkt die Pandemie als Störmoment und Auslöser für eine Neuaushandlung konventionalisierter Auffassungen von und Umgangsweisen mit Räumen
  • Mit der Störung durch COVID-19 greifen neue Regelungen zur Nutzung von Räumen, denen sich der Einzelne nicht entziehen kann, wie Ausgangssperren und Quarantänezonen, die Bestimmung von Raum-Personen-Relationen, die Ablösung physischer durch mediale, mithin virtuelle und erzählte Räume.
  • Es lassen sich neue Formen räumlicher Wahrnehmungen beobachten, etwa die Wohnung als Gefängnis, das Naherholungsgebiet als Tabu-Zone, die Virtualität als Bedingung des Sozialen. Damit ist eine Verschiebung von dynamischen zu statischen Prozessen, von Mobilität zu Immobilität und Isolation verbunden.

Grundsätzlich kommt es zu Veränderungen in der phänomenologischen Wahrnehmung lebensweltlicher Erfahrungsstrukturen (Präfiguration), die wiederum Folgen für die Konfiguration literarischer Räume und ihre Rezeption haben können.

 

Von den durch die Pandemie ausgelösten Eindämmungsmaßnahmen sind auch gesellschaftliche Kommunikationsformen in den Räumen betroffen. Es ist zu beobachten, dass mit dem sozialen Rückzug in isolated spaces (Kirchmeier 2020), also in Räume, in denen sich nur eine begrenzte Personenzahl aufhält, es zu einer Verschiebung der kommunikativen Funktionen kommt – tendenziell von persönlich zu unpersönlich, von referentiell zu phatisch. Ein Beispiel dafür sind Gruppen-Videochats (u.a. Zoom, Cisco Webex, Jitsi), in denen die Teilnehmenden Übertragungsstörungen thematisieren und die Diskussion von Inhalten durch Rückmeldesignale überlagert werden kann. 

 

Leidtragende der Isolationsmaßnahmen sind auf der einen Seite insbesondere ältere Menschen, da sie den Wegfall physischer sozialer Kontakte in den seltensten Fällen durch elektronische Verbindungs- bzw. Vernetzungsformen ersetzen können, sodass die Gefahr der Vereinsamung besteht. Auf der anderen Seite sind die Handlungsmöglichkeiten etwa von jungen Leuten, die gerade in der Phase der Adoleszenz ihre Spiel- und Möglichkeitsräume benötigen, radikal eingeschränkt. Grundsätzlich geraten Teile der Gesellschaft und unterschiedliche Berufsgruppen sowie ein nicht geringer Teil der Arbeitnehmer in zunehmend existenzielle Notlagen. Dies betrifft nicht zuletzt jene, die in besonderer Weise für das ‚System Kultur‘ stehen, unter anderem Literaturschaffende, Bildende Künstler, Musiker, Schauspieler, Eventmanager, Tontechniker. Und was sich durchweg zeigt: Die Corona-Pandemie trifft die „ohnehin benachteiligten Menschen besonders hart“. Anders gesagt: Der Virus vertieft die Spaltung der Gesellschaft (SZ, 20./21. Juni 2020).

 

Hinzu kommt: In Mikrotopoi (Kirchmeier 2020), also in kleinen Orten, deren Ein- und Ausgang zeitlich begrenzt ist – vergleichbar mit den von Michel Foucault entworfenen Heterotopoi – ist Kommunikation tendenziell von „high-risk“-Qualität: Die Kommunikation ist hier eher von Spannungen und Eskalationen geprägt als in weitläufigen, frei zugänglichen Räumen, da ein Rückzug der Sprecher kaum möglich ist. Die Kommunikationsveränderungen zeigen sich insbesondere in Ballungsräumen/Großstädten (u.a. Wohnungen, Supermärkten, ÖPNV) bei Andauern des Lock-down.

 

Neben den genannten Folgen wirkt die Corona-Pandemie als massiver Störfaktor auf sämtliche Interaktionssysteme, Organisationssysteme und funktionalen Teilsysteme der (deutschen) Gesellschaft ein. Insbesondere das System Wirtschaft ist von den drastischen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus (u.a. Produktionsstopps, Kurzarbeit, Geschäftsschließungen) betroffen. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie haben zahlreiche Verhaltensveränderungen der Konsumenten zur Folge: Dazu gehören die Einschränkung und Verzögerung von Konsum, der Wechsel zu/die Präferenz von Online-Käufen sowie die Anpassung der Konsumgüter. Mit Blick auf die Wirtschaft und den Konsum ist von einem Phasenverlauf die Rede: nach der zunächst einsetzenden Panikphase folgte der Übergang in die Anpassungsphase (Süptitz 2020)Es steht die Frage, ob und in welcher Weise sich eine Renormalisierungsphase anschließt. In aktuellen Beschreibungen ist davon die Rede, dass eine Rückkehr zum Status des ,Davor’ unwahrscheinlich erscheint: „Das neue ‚Normal‘ wird durch ein schwieriges wirtschaftliches Umfeld und knappere Verbraucherbudgets gekennzeichnet sein. Darauf werden sich Händler und Hersteller einstellen müssen“ (Süptitz 2020). Mit diesen Phasen ist ein Verlauf skizziert, der die typische (sich immer wieder aufs Neue einstellende) Prozesshaftigkeit von Störungen spiegelt. Denn grundsätzlich gilt, dass Störungen stets mit dem Bemühen von Systemen einhergehen, Normalität zu erhalten oder in dem Fall, da diese aus dem Gleichgewicht gerät, sie möglichst schnell wiederherzustellen (Gansel 2013).

 

Neben den angedeuteten negativen Folgen ist zu überlegen, ob es auch gesellschaftliche Teilsysteme gibt, die von der Pandemie ‚profitieren‘ und in welcher Weise. Umfragen belegen, dass Teile des Systems Politik verstärkt im Fokus der Aufmerksamkeit stehen, wie dies nur in offensichtlichen Krisenzeiten und Ausnahmezuständen der Fall ist und daher (zeitweise) an symbolischem Kapital gewinnen. Die Eindämmungsmaßnahmen der Pandemie sind von einer nahezu explodierenden Kommunikation über die Krise begleitet. Es sind Faktoren wie die Neuartigkeit und das Überraschungsmoment des Virus, das dramatische Ausmaß seiner Folgen (gesundheitlich, ökonomisch, gesellschaftlich) und die weltweite Betroffenheit, die die Intensität der medialen Bearbeitung – von Beginn der Krise dominiert Corona die mediale Berichterstattung – erklärt. Insofern ist das Mediensystem in gewisser Weise ‚Profiteur‘ der Störung, anderseits als wirtschaftlich agierende Unternehmen aber auch von den genannten negativen Folgen betroffen. Schließlich gewinnen Teile des ‚Systems Wissenschaft‘ in einer Weise Bedeutung, wie das unter ‚normalen‘ Verhältnissen nur selten der Fall ist.

 

Ausgehend von den skizzierten Aspekten und der Position, dass die Corona-Pandemie als Auf- bzw. Verstörung sämtliche gesellschaftliche Teilsysteme beeinflusst, ergeben sich für das Handlungs- und Symbolsystem Literatur folgende mögliche Fragestellungen:

  • Folgen für die ‚Handlungsrolle Produktion‘: (A) Die Corona-Pandemie als literarisches Motiv und Auslöser von Selbstinszenierungen. Essayistische und journalistische Formen der Auseinandersetzung mit der Pandemie sowie ihrem Störungspotential, dazu gehören auch Reflexionen und Kommentare zu Schreibprozessen von Autoren in Online-Blogs, Zeitungen und Zeitschriften; bereits nach eine Woche nachdem der Lock-down verfügt wurde, gingen in den Verlagen Manuskripte zum Thema COVID 19 ein.
  • Folgen für die ‚Handlungsrolle Produktion‘: (B) Die Pandemie als Auslöser für die Neuaushandlung etablierter erzähltheoretischer Konzepte, insbesondere von erzählten und virtuellen Räumen: (Mikro-)Topoi; Formen und Prozesse der Isolation; Aspekte der Ermöglichung bzw. Verhinderung von Räumen; neuartige Formen von Wegestrukturen und Grenzziehungen von Räumen.
  • Folgen für die ‚Handlungsrolle Distribution‘: Die Aspekte die Literaturvermittlung betreffen Formen der Wahrnehmung und Reaktion auf die Pandemie durch Akteure wie Verlage, Lektoren, Archive und die Literaturkritik.
  • Folgen für die ‚Handlungsrolle Rezeption‘: Führen die Veränderungen/Modifizierungen in den Raumstrukturen und Kommunikationsformen zu Veränderungen im Rezeptionsverhalten der ‚Konsumenten‘ und wenn ja, in welcher Weise. Möglich ist eine Verschiebung des medialen Rezeptionsverhaltens, insbesondere mit Blick auf den Film – der Virus bzw. die Pandemie als Motiv und Vermittlungsstrategie mit einer besonderen Affinität zum dystopischen Film. 
  • Untersuchungen zum ‚Symbolsystem Literatur‘ können literaturgeschichtlich ausgerichtet sein: Zu fragen ist in diachroner Perspektive, welche literarische Formen der Inszenierung von Störungen in literarischen Texten oder Filmen sich angesichts früherer Pandemien, Seuchen und Infektionskrankheiten finden und welche ‚Bewältigungsstrategien‘ angeboten werden. Angefangen bei der Pest (,Schwarzer Tod‘) über die Spanische Grippe sodann zu H1N1 bzw. ,Schweinegrippe‘ und zu HIV.

 

Die genannten Aspekte verstehen sich als Rahmen für Beitragsvorschläge. Weitere Anregungen sind ausdrücklich erwünscht. Die Veranstalter erbitten Abstract und CV (je max. 1 Seite) bis zum 31. August 2020 an folgende Anschriften:

 

 

Prof. Dr. Carsten Gansel                                         Anna Heidrich, M.A.

Justus-Liebig-Universität Gießen                           Justus-Liebig-Universität Gießen

FB 05 Sprache, Literatur, Kultur                            FB 05 Sprache, Literatur, Kultur

Germanistisches Institut                                          Germanistisches Institut

Otto-Behaghel-Str. 10B                                          Otto-Behaghel-Str. 10B

35394 Gießen                                                          35394 Gießen

Carsten.Gansel@germanistik.uni-giessen.de         Anna.Heidrich@germanistik.uni-giessen.de

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