CFP: Workshop „Aura und Effizienz. Leistungsorientierte Materialisierung und Spiritualisierung in literarischen Texten von 1900-1939“, Basel (30.9.2020)

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Themenstellung

Das moderne Zeitalter wird traditionell vor dem Hintergrund der Aufklärung mit Rationalisierungsbestrebungen in Verbindung gebracht. Ganz im Sinne einer Kompensation für die moderne „transzendentale Obdachlosigkeit“ (Lukács) wird der gleichzeitige Aufstieg okkultistischer und spiritualistischer Denkwelten und Praktiken von der Forschung weitestgehend als Gegenreaktion zur Aufklärung und dem damit verbundenen Rationalismus erklärt. Ein solcher Zugang blendet jedoch die spezifische Dialektik von spiritualistischen Strömungen und rationalistischem Streben aus, die sich zwischen Ende des 19. Jahrhunderts und dem Zweiten Weltkrieg herausbildet. Im Zuge des Ersten Weltkrieges, der einerseits einen tiefen Bruch im Gefüge des politischen und sozialen Kollektivs, andererseits aber auch einen starken Schub an technologischer und ökonomischer Innovation (Medien, Maschinen, Fabrikation, Verkehr, Wissenschaft) bewirkt hat, verschränken sich die okkultistischen und spiritualistischen Strömungen mit der modernen Technisierung und Normierung von Produktionsprozessen zu treibenden Symbiosen. Im Vergleich mit der Geschichtsschreibung widmet besonders die Literatur der 1920-30er-Jahre dieser Produktivität weitaus mehr Aufmerksamkeit, so die Leitthese des Basler SNF-Projektes „Aura und Effizienz. Leistungsorientierte Materialisierung und Spiritualisierung in der Literatur der 1920-30er-Jahre“.

 

Die in der Moderne neuaufkommenden Optimierungs- und Normierungsdiskurse und ‑praktiken bilden entscheidende Impulse für die rasante Weiterentwicklung und Institutionalisierung der wissenschaftlich-experimentellen Physiopsychologie, das heißt der Erforschung von Interaktion und Kommunikation zwischen Körper und Geist. Dabei vollzieht sich eine Neuordnung und ‑bewertung der Grundkategorien des Lebens, von Körper, Geist und Seele. Im Workshop soll daher der Fokus nicht allein auf die viel diskutierten technisch-ökonomischen Innovationen um 1900 gerichtet werden, sondern besonders auch auf die im Zuge der Popularisierung von Leistungsidealen sich niederschlagenden Verschiebungen im Denken und Bearbeiten der Kategorien des Lebendigen. Dabei rückt die Frage in den Vordergrund, ob und wie die Diskurse und Praktiken des Leistungskörpers mit denjenigen eines Leistungsgeistes im Zeichen einer allgemeineren Leistungsmentalität funktionieren?

Die Fülle an (para‑)religiösen, esoterischen Transzendierungen des körperlichen Lebens, die in einem ganzen Spektrum von Konversionen, Messianismen und Spiritismen um 1900 aufblühen, kann man als Tendenz der Auratisierung bezeichnen. Besonders mit der kreativen methodischen Neubewertung von Walter Benjamins Aura-Begriff, wonach der Begriff der Effizienz darin bereits dialektisch angelegt ist, kann die Herausbildung der neuen Körper-Geist-Ontologie nach dem Ersten Weltkrieg mit einer diskurshistorisch fundierten Erkenntnispoetik beobachtet werden. Dass sich Benjamins Begriff der Aura in seinem Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1936/39) ganz elementar und explizit mit dem Begriff der Leistung verknüpft findet, ist bislang wenig beachtet und noch kaum begrifflich und argumentativ herausgearbeitet worden. Die filmischen Techniken der Segmentierung und Isolierung von Momenten und Abläufen, so Benjamin, verwandelt die Darstellung des Schauspielers in eine „Testleistung“. Im Unterschied zur „sportlichen Leistung“ handelt es sich um einen „mechanisierten Test“, wie der „Arbeitsprozeß, besonders seit er durch das laufende Band normiert worden sei, täglich unzählige Prüfungen“ hervorbringe (Benjamin 1989, 365).

Themenbereiche

Im Vordergrund stehen Fragestellungen zu spezifisch literarischen Reflexionen und Verfahren entlang leistungsorientierter Materialisierung und Spiritualisierung zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Dabei gilt das Interesse nicht allein den bereits gut kanonisierten, sondern insbesondere auch weniger debattierten Werken, wie beispielsweise jenen von Emmy Hennings, Friedrich Glauser, Marieluise Fleißer, Hugo Ball und Bruno Goetz, in denen mit divergierenden poetischen Verfahren die aus den Zwischenschichten und Zwischenräumen der dominanten Zeitdiskurse heraus sich entfaltenden Wechselwirkungen von Materialismus und Spiritualismus erkenntniskritisch und -produktiv erprobt werden.
 

Wir bitten um ein ca. einseitiges Exposé zu folgenden Themenschwerpunkten und Fragstellungen, die jedoch mehr der Anregung als der Einschränkung dienen sollen:

 

  • Wie thematisiert, modelliert, performiert und reflektiert Literatur eine im Zeichen der Leistung zusammenfallende Doppelregie von Materialismus und Spiritualismus?
  • Literarische Verhandlungen der Neuordnung und ‑bewertung von Körper, Geist und Seele im Zeichen der Leistung
  • Auseinandersetzungen mit dem Aura-Begriff / Auratisierung von Körper und Geist im Zeichen der Leistung
  • Gefüge von Macht-Wissen (Wissenschaft, Ökonomie, Politik) mit ihren jeweiligen Diskurspraktiken (Arbeit, Forschung, Institution) im Spannungsfeld von Materialismus und Spiritualismus
  • Charismatische Führerschaft / Autorität im Bereich von Esoterik und / oder rational-aufgeklärt markierten Wissensgebieten z.B. institutioneller Art (Gefängnis, Psychiatrie, Erziehungsanstalten etc.)
  • Literarische Verhandlung von Optimierungs- und Normierungsvisionen bei rationalistischen und esoterischen Lebens- und Welterklärungsmodellen
  • Textstrategien im Spannungsfeld von Ästhetik und historischen Leistungsdiskursen (Arbeit, Ökonomie, Sport, Technik etc.)
  • (Para)-Religiosität, Spiritualismus, Esoterik und Okkultismus als Gegenstand und Inspirationsquelle poetischer Verfahrensweisen
  • Lassen sich Brüche, Innovationen und Abweichungen zur Geschichtsschreibung in der literarischen Darstellung und Verhandlung moderner Körper-Geist-Dichotomien ausmachen?

 

Der Workshop findet vom 17. bis 19. Juni 2021 an der Universität Basel statt. Die Reise- und Übernachtungskosten können im üblichen Umfang übernommen werden. Eine Publikation der Beiträge in einem Sammelband ist geplant.

Bitte senden Sie Ihr Abstract (max. 1 Seite) für einen Vortrag (max. 30 min.) sowie eine Kurzbiografie oder einen Link auf die entsprechende Homepage bis zum 30. September an:

Jael Bollag: jael.bollag@unibas.ch

Katharina Wolf: katharina.wolf@unibas.ch

Hubert Thüring: hubert.thuering@unibas.ch

 

SNF-Forschungsprojekt Aura und Effizienz

Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
Departement Sprach- & Literaturwissenschaften 
Universität Basel | Nadelberg 4 | 4051 Basel | Schweiz

Tel. +41 61 207 34 29

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu