CFP: DFG-Symposion "Migrationen der Lyrik um 1300, um 1800", Villa Vigoni (01.09.2020)

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DFG-Symposion

Migrationen der Lyrik um 1300, um 1800

Im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) wird vom 27.09. bis 02.10.2021 in der Villa Vigoni ein internationales literaturwissenschaftliches Symposion stattfinden. Es folgt organisatorisch dem Muster der Germanistischen Symposien der DFG, wie sie seit den 1970er Jahren durchgeführt wurden. Die Beiträge werden vorab verfasst, den Teilnehmenden zugesandt und auf der Konferenz diskutiert (precirculated paper).

 

Wird in rezenten Publikationen grundsätzlicher über Lyrik nachgedacht, so werden häufig die Analogien zwischen lyrischer und sakraler Rede betont: das Anrufen höherer Mächte, die jubilierenden Wiederholungen, die in höchstem Maße performativen Adressierungen oder die Koppelung von dunkler Rede und formal-klanglicher Wirkmacht. Solche Beobachtungen haben eine lange Tradition: Um 1800 stellt Klopstock fest, dass „Gedanken“ wie die „Allgegenwart Gottes […] beynahe nicht anders als poetisch“ auszudrücken sind. Kurz vor 1300 kommt Konrad von Würzburg zu dem Schluss, falls es einen Maria angemessenen Lobkranz gäbe, müsste dieser aus „wilder rîme kriuter“, also fremdartigen Reimkräutern bestehen. Doch der Konjunktiv Konrads und das einschränkende „beynahe“ Klopstocks deuten es schon an: Solche Analogien und Affinitäten können weder Argument für eine Genese der Lyrik aus dem sakralen Kult sein, noch sollte deshalb die längst überholte Entwicklungsgeschichte von der religiös funktionalisierten zur ästhetisch autonomen Lyrik wiederbelebt werden. Vielversprechender erscheint es dagegen, solche Aussagen als zeitspezifische Interventionen zu verstehen, mit denen die Leistungen und Geltungsansprüche von Redeformen sowie die Möglichkeiten, über Transzendentes zu sprechen, ausgehandelt werden. Ebenso sind die wechselseitigen Übertragungen und Transfers zwischen liturgischer und lyrischer Rede oder zwischen ‚religiöser‘ und ‚profaner‘ Lyrik sowie den ihnen zugehörigen Sprachformeln, Semantiken, Melodien oder Topoi zu untersuchen: Welche Wirkungen haben solche ‚Migrationen‘, welche Transformationen oder Umbesetzungen gehen damit einher und welche Wahrheitsansprüche manifestieren sich darin? Wie lässt sich die jeweilige Dynamik von Aus- und Entdifferenzierungen, von Profanisierung und Resakralisierung genauer fassen?

Heuristisch erprobt werden soll dabei der Umgang mit dem genauso schillernden wie riskanten Begriff der ‚Migration‘ in Abgrenzung von, aber auch im Zusammenspiel mit alternativen Konzepten wie ‚Transfer‘, ‚Transformation‘ oder ‚Zirkulation‘. Zu untersuchen ist, wie Melodien, Texte oder Überlieferungsträger den Ort wechseln und wie spezifisch besetzte Semantiken, Geltungsansprüche oder kanonische Texte (Psalmen, Hoheslied) aus bestimmten Kontexten gelöst und in neue eingefügt werden. Solche Prozesse der De- und Rekontextualisierung sind immer wechselseitig und plural: Sie haben Auswirkungen auf den Ausgangs- und auf den Zielkontext. Sie irritieren und verändern bestehende Gattungs- oder Klassifikationsmuster und transformieren das, was disloziert wird. Wie viele literarhistorische Prozesse werden solche Migrationen nur dank spezifischer Selektionen (von Ausgangs- und Zielkontext usf.) sichtbar. Im Umfeld der religiösen Lyrik, so der Eindruck, sind solche Migrationsprozesse besonders häufig, weil damit Traditionen des Umschreibens, Bearbeitens oder Neuvertonens einhergehen, die zu einem ganz eigenen Spannungsverhältnis von Tradition und Innovation, von kollektiven und individuellen Autorschaftsformationen, von Hervorhebung und Invisibilisierung der Medialität führen.

Um lyrische Migrationsprozesse über den Einzeltext hinaus zu untersuchen, bietet sich ein selektiv-konstellatives Vorgehen an: Ausgehend von der europäisch-kontinentalen Lyrik wurden zwei Schwellenzeiten – um 1300 und um 1800 – ausgewählt, die sich durch eine besondere Experimentierfreudigkeit im Umgang mit lyrischen Formen und Transzendenzreflexionen auszeichnen: Um 1300 begegnen spezifische Umbesetzungen zwischen religiöser, minnelyrisch-erotischer und naturphilosophischer Dichtung (Marienlyrik, Dante, Petrarca) sowie Schreibweisen im Grenzbereich zwischen Prosa und Vers (etwa in mystischen Texten). Dabei reichen die Migrationsbeziehungen bereits zu dieser Zeit über den europäischen Raum hinaus: In Toledo beispielsweise wird Maria in der metrischen Form arabischer Liebeslyrik gepriesen (Cantigas de Santa María). Um 1800 dagegen wird ‚Niederes‘ sakralisiert, fließen religiöse, politische oder erotische Einheitsphantasmen ineinander und kommt es zur Aneignung und Amalgamierung diverser religiöser Traditionen (antike und nordische Mythologie, Islam, Buddhismus usw.). In theoretisch-kommentierenden Schriften bildet sich ein bis heute wirksamer Lyrikbegriff aus, der sich jedoch nicht ohne Weiteres auf vormoderne, sangbare Verstexte oder andere Sprach- und Kulturtraditionen übertragen lässt – auch wenn, bedingt durch die Mittelalter- und Orientfaszination um 1800, genau dies getan wird. Statt von einem ahistorisch-transkulturellen Lyrikbegriff ist deshalb von Spannungen zwischen verschiedenen Lyrikbegriffen und einer Pluralität lyrischer Traditionen auszugehen.

Im geplanten Symposion sind somit lyrische Migrationsprozesse herauszuarbeiten, die um 1300, um 1800 oder die beiden Zeiträume übergreifend anzusiedeln sind. Innerlyrische Migrationen (zwischen verschiedenen Lyrikgattungen, Sprachen, Kulturen) sind genauso in den Blick zu nehmen wie Migrations- und Austauschprozesse mit anderen Gattungen und nichtliterarischen Diskursformationen. Das Symposion gliedert sich in die folgenden vier Sektionen, die (1) semantische Transformationen, (2) epistemische Migrationsprozesse im Kontext lyrischer Geltungsansprüche, (3) die Frage von Universalität oder Historizität lyrischer Formen und (4) die Materialität und Medialität lyrischer Migrationen genauer untersuchen.

 

1. Semantische Umbesetzungen zwischen geistlicher und weltlicher Lyrik

Leitung: Beate Kellner (Germanistische Mediävistik, LMU München)

 

Die Sektion fragt nach semantischen Umbesetzungen zwischen geistlicher und weltlicher Lyrik. Während man in der älteren mediävistischen Forschung betont hat, dass sich weltliche lyrische Formen in Anlehnung an religiöse Muster etablierten, gilt es nun, die Bezüge und Wechselbeziehungen nach beiden Seiten zu erforschen. So steigert nicht nur das im europäischen höfischen Kontext verbreitete mittelalterliche Liebeslied (Trobador-/Trouvèrelyrik, Minnelyrik, italienische Dichterschule) seine Geltung unter Rückgriff auf religiöse Formen der Poesie (wie die Marienlyrik und die Mystik), sondern es wandern umgekehrt auch erotische, naturphilosophische und politische Phantasmen in die religiöse Lyrik ein (sichtbar in den Leichdichtungen, der Mystik, Hymnik, im Marienlied oder im geistlichen Spruchsang).

Vor diesem Hintergrund ist zu fragen, wie sich religiöse und weltliche Semantiken in der Lyrik um 1800 zueinander verhalten: Kommt es hier zu einer verstärkten Aufladung von weltlicher Lyrik (zum Beispiel der Liebesdichtung) mit religiöser Semantik, die christlich, aber auch mythisch sein kann oder verschiedene europäische und nichteuropäische religiöse Traditionen und Mythologien synkretistisch präsentiert und amalgamiert? Welche Rolle spielen dabei Einheitsphantasmen (Einheit mit Gott, mit der Natur, Pantheismus) oder auch (erotische, religiöse, politische) Heilserwartungen? Wie konkret oder diffus ist die religiöse Semantik? Bis zu welchem Grad wird Dichtung über Transzendenzsemantik als Religion, Ersatzreligion oder Gegenreligion stilisiert und inwiefern erfolgt damit eine Distanzierung vom Christentum oder anderen großen Offenbarungsreligionen? Wie verhalten sich ästhetische Ansprüche und religiöse Semantiken zueinander? Welche Verfahren der Transformation weltlicher Lyrik in religiöse oder umgekehrt lassen sich beobachten?

In der Zeit um 1300 sind die Semantiken und Topoi von Sünde, Buße und Reue, Erweckung, Aufrüttelung und Umkehr, Verweigerung und Vereinigung, Bitte um Erhörung sowie Erlösungs- und Heilssehnsucht in geistlichen wie weltlichen Registern verwendbar. Für die Zeit um 1800 ist zu fragen, ob und inwiefern diese Semantiken in der Lyrik noch eine Rolle spielen und was gegebenenfalls an ihre Stelle tritt. Um den Migrationen und Wechselbeziehungen von lyrischen Motiven, Topoi, Melodien, Gattungen und Sprechsituationen in ihren jeweiligen Verbindungen mit religiöser Semantik auf die Spur zu kommen, ist stets auch ihr Bezug auf die heiligen Texte (wie die Psalmen und das Hohe Lied) und zu den epistemischen und institutionellen Kontexten (wie Liturgie, Ekklesiologie, Theologie, Philosophie) zu betrachten.

Ziel der Sektion ist es, die historische Semantik sowie die vielfältigen Funktionen der Verdichtung geistlicher und weltlicher Semantik um 1300 und 1800 (wie Reflexion, Meditation, Kontemplation, Erbauung, Didaxe, Kontrafaktur, Polemik und Parodie) in ihrem Wechselverhältnis zu erschließen und die literarischen und rhetorischen Strategien der Umsemantisierung, Hybridisierung, Kontrafaktur, Polemik und Parodie möglichst vollständig zu erfassen und zu durchdringen. Beispiele aus den europäischen und außereuropäischen Lyriktraditionen sind gleichermaßen erwünscht.

 

2. Geltung, Wahrheit, Ursprung. Lyrischer Diskurs und die (Be-)Deutung der Welt

Leitung: Bernhard Huß (Romanistik, FU Berlin)

 

Lyrik modelliert Welt, indem sie von außerliterarischen Denkformationen epistemische Einstellungen und Prozeduren übernimmt und ihrerseits auf soziale, religiöse, philosophische, wissenschaftliche Gefüge ausstrahlt. Dies sind Bewegungen epistemischer Migration und Transformation, die der Lyrik zu einem spezifischen Rang verhelfen (sollen): Solche Geltungsansprüche können lyrischen Texten implizit inhärieren, von ihnen in poetischer Selbstreflexion explizit gemacht werden oder ihnen von poetologischer Theoriebildung zugeschrieben werden. Solche Ansprüche verbinden sich einerseits häufig mit der Rede von Ursprung und Ursprünglichkeit: der Liebe wie der lyrischen Sprache, der menschlichen Wahrnehmung oder der Kunst. Andererseits befindet sich die Lyrik als solche in kontinuierlichen Dynamiken des Austauschs, der Trans- und Reformation: Innerliterarische Prozesse der Repetition, der Permutation, der Novation bilden komplexe Interdependenzen mit außerliterarischen Arealen.

Um 1300 konfiguriert sich lyrische Weltwahrnehmung zu einem Gutteil über die Vertextung von Affektivität, von emotional getönter Haltung zum Lebensgefüge. Dies betrifft zunächst die Liebeslyrik, in der das Rollen- und Geschlechterverhältnis sozialer Umwelten zugespitzt erscheint: Minnetexte spiegeln soziale Modelle und Hierarchien in den lyrischen Diskurs, idealisieren diese Modelle, können sie aber auch ironisch verzerren, brechen und karikieren. Die Lyrik tritt in ein Verhältnis der Wechselwirkung mit sozialer Didaxe und amorologischer Traktatistik; auch ergeben sich innerlyrische Dynamiken der Migration zwischen ‚Liebeslyrik‘ und ‚politischer Lyrik‘. Zugleich berührt sie sich mit der religiös konturierten Rede klerikal-mönchischer Dichtung, die auf biblisch-theologischen Intertexten aufbaut, was konkurrierende Geltungsansprüche auslöst. Diese manifestieren sich insbesondere im Import religiös-theologischer und metaphysischer Muster, mit denen Minnekonzepte überschrieben werden (Marienlyrik, stilnovistische Konstruktionen der donna angelicata, ‚Platonisierungen‘ der Liebe usw.). Solcher Import kennt als Gegenbewegung das Überspielen säkularer Textmuster von Emotivität auf den Bereich der Religion.

Um 1800 setzen der Abbau regelpoetischer Normen und die Fokussierung auf poetische ‚Individualität‘ Potenziale der lyrischen Rede frei, die sich in neuer Weise auf die Relation von Ich und Welt beziehen: Visionäre, orphische, spiritualistische Konzepte schreiben der Lyrik die Fähigkeit zu, metaphysische Einsichten in Ursprung und Wesen des Kosmos und des Menschen zu gewinnen. Lyrik gewinnt (wieder?) eine Dimension tiefer substanzieller Wahrheit. Somit ergeben sich verstärkt Migrationen zwischen dem lyrischen und dem philosophisch-metaphysischen Diskurs. Die ‚Nationalisierung‘ literarhistorischer Konzepte rückt mithin Lyrik und politischen Diskurs eng zusammen. Sie wird komplementiert durch epistemische Migrationen zwischen Lyrik und dem szientistischen Bereich, wobei nicht nur ein ‚naturwissenschaftlicher‘ Blick in die Lyrik einwandert, sondern umgekehrt auch von der Lyrik aus eine technisierte Zivilisation beobachtet und bewertet wird.

Die Sektion soll in kontrastiven Schnitten um 1300 und um 1800 solche epistemischen Migrationen rund um lyrische Geltungs- und Wahrheitsansprüche exemplarisch untersuchen. Die Zeiträume um 1300 und um 1800 ermöglichen eine Analyse dieser Dynamiken vor und nach der Dominanz einer klassizistischen Regelpoetik, die meist auf andere Poetologeme als die hier beleuchteten setzt.

 

3. Anrufungen: Formen, Funktionen und Effekte lyrischer Apostrophen

Leitung: Eva Geulen (Allgemeine Literaturwissenschaft, Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin)

 

Einem klassischen literarhistorischen Narrativ zufolge wird das Gedicht um 1800 zum intimen Resonanzraum der Zwiesprache des Subjekts mit sich selbst oder höchstens noch mit seinen (meistens abwesenden) Freunden. In der deutschsprachigen Lyrik ist der Übergang geselliger Formen (etwa im Rokoko) zur empfindsamen Seelenaussprache des individuellen Autorsubjekts bevorzugt an Goethe durchexerziert worden. Des Verweises auf die dauerhafte Konjunktur rhetorischer Apostrophen, also der Durchbrechung der lyrisch beschworenen Isolation durch Adressierungen im Gedicht und des Gedichts, bedarf es kaum, um diese schon länger in Zweifel gezogene Vorstellung eines Paradigmenwechsels und einer der ‚Sattelzeit‘ korrespondierenden Epochenzäsur erneut in Frage zu stellen.

Konzentration auf die Apostrophe birgt jedoch ein heuristisches Potential, mit dem sich, über die Negation hinaus, alternative ‚Migrationsgeschichten‘ der Lyrik quer zu nationalgeschichtlichen Modellierungen entwerfen lassen. Denn zwar gehört die rhetorische Universalie der Apostrophe – und wie universal diese ist, ist zu fragen – zum jeweiligen Gedicht und seiner internen Organisation, aber sie markiert auch einen Punkt, an dem etwas anderes als das Gedicht oder sein(e) Sprecher in den Blick rückt und der Text zwangsläufig über sich hinausweist: auf andere Gedichte, andere Sprecher, andere Epochen, andere Räumen und andere Zeiten.

„Selig wer sich vor der Welt / ohne Haß verschließt / einen Freund am Busen hält / und mit dem genießt“. Goethes berühmte Verse aus „An den Mond“ folgen auf eine in diesem Fall offenbar verspätet und unerwartet gewährte Erfüllung der Musen- oder Götteranrufung („Lösest endlich auch einmal / meine Seele ganz“). Die Apostrophe am Schluss entstammt jedoch dem Register der Seligpreisungen (etwa bei Matthäus); sie eröffnet abschließend (und folglich paradox) das Gedicht auf eine Gemeinschaft derjenigen hin, die sich vor der Welt verschließen. Zwei verschiedene Apostrophen organisieren das Gedicht, in dessen Verlauf sich die Sprecherposition verschiebt, mit ihr die Adresse und damit das gesamte Gefüge von Sprecher und Adressaten, privater und öffentlicher Sphäre.

Es käme in dieser Sektion auf den Versuch an, Lyrik, synchron und diachron, und vor allem: vergleichend, über die Logik ihrer Adressierungen zu erfassen und zu analysieren. Dabei ist das Augenmerk zunächst auf die bekannten Formen der Adressierung zu richten (z.B. die Tradition der Musenanrufung, der Marien-, Schöpfer- und Trinitätsapostrophen und deren Modifikationen) einschließlich ihrer institutionellen Bedingungen und ihres jeweiligen Ortes im Gedicht (etwa: Anfänge und Enden). Mithin ist zu fragen: Wie geht man mit Texten um, die auf eine Gemeinschaft ausgerichtet sind, diesen ursprünglichen Adressatenbezug in der Verschriftlichung zwar einbüßen, deren verbliebene Apostrophen aber einen neuen sozialen Raum eröffnen? Zu untersuchen sind die wechselnden Funktionen der Anrede, sowohl im Gedicht selbst wie im Blick auf die Bereiche jenseits des Gedichtes, in die es mit seinen Apostrophen weist. Formen und Funktionen sind schließlich zu beziehen auf die unter Umständen auch unbeabsichtigten Effekte lyrischer Adressierung, wie sie sich durch Aufführung, Vertonung oder andere Medienwechsel, aber auch durch Überschreibung, Übersetzung und Bearbeitung ergeben.

Im Horizont dieser Fragestellung lassen sich geläufige Annahmen – etwa über den von Habermas diagnostizierten „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ um 1800, aber auch die These von einer quasi universellen Belastbarkeit rhetorischer Figuren – auf den Prüfstand stellen. Vor allem aber käme es darauf an, das Potential lyrischer Adressierungslogiken und -praktiken um 1300 und um 1800 für ein neues Verständnis der ‚monologischen‘ Gattung und für alternative literaturgeschichtliche Verläufe im Zeichen der Migrationen von Lyrik zu entfalten und zu erproben.

 

4. Textuelle Transfers: Materielle Migrationen von Lyrik um 1300, um 1800

Leitung: Carlos Spoerhase (Germanistische Literaturwissenschaft, Bielefeld)

 

Um 1800 verspricht Herder den Lesern seiner „Volkslieder“ eine „rohe“ Fassung des „Lieds eines Lappländers“. Tatsächlich hat die Fassung, die er abdruckt, bereits eine lange Migrationsgeschichte hinter sich. Das „Lied“ wurde aus dem Lappländischen ins Schwedische übertragen und dann aus dem Schwedischen ins Lateinische und vom Lateinischen ins Deutsche übersetzt. Es zeigt sich hier eine Migrationsgeschichte des „Lieds“, die nicht nur linguistische und geographische, sondern auch gattungskulturelle und textmaterielle Sphären durchwandert. Derartige Mechanismen textueller Migration sind auch um 1300 ubiquitär. Nicht nur werden die zentralen inhaltlichen Paradoxien der Hohen Minne sowie die Strophenformen und Gattungen des Minnesangs und Sangspruchs aus dem romanischen Bereich übernommen; vielmehr entsteht das, was wir als Minnesang und Sangspruchdichtung kennen, erst durch einen Sammel- und Verschriftlichungsprozess, der Texte von pragmatischen Situationen (und zu großen Teilen auch von den Melodien) löst und in Sammelhandschriften neu kontextualisiert.

Die Sektion widmet sich konkreten Formen und Formaten textueller Migration von Lyrik um 1300 und um 1800, wobei ein besonderes Augenmerk den Transferbeziehungen gelten soll, die über einen europäischen Rahmen hinausweisen, etwa um 1300 über die iberische Halbinsel in den arabischen Raum sowie um 1800 in den transatlantischen oder osmanischen Raum.

Dabei stellen sich folgende Fragen: Auf welche Weise sind die Migration von Personen, die Mobilisierungskraft von Netzwerken und Kontaktzonen sowie der Transfer von Wissensbeständen Voraussetzungen derartiger Textmigrationen? Wie verhalten sich die Dislokationen, Relokationen und Übertragungen (Übersetzungen, Kontrafakturen) von lyrischen Texten zu literarischen Gruppenbildungen und Sammlungen in Handschriften, Lieder- und Gesangbüchern, Florilegien, Almanachen sowie in Zeitschriften oder Romanen? Ist die Reproduktion und Reformatierung von lyrischer Textualität im Bereich des Religiösen in höherem Maße gewöhnlich, legitim oder variantenreich als im Bereich des Nicht-Religiösen? In welche pragmatischen Kontexte ist sie eingebunden (z. B. liturgische Kontexte, Ablauf des Kirchenjahres, Heiligenverehrung, Praktiken der Frömmigkeit, Rituale, Zeremonien)? Und wie ist die kulturelle Arbeit zu rekonstruieren, die in die ‚Invisibilisierung‘ dieser literarischen Migrationsvorgänge, d. h. in die ‚Demediatisierung‘ von Lyrik investiert wird – und die Herder erst zu sagen erlaubt, er präsentiere das massiv mediatisierte „Lied“ in einem „rohen“ Zustand?

Der Sektion wird es anhand dieser Leitfragen darum gehen, die Migration von Lyrik sowohl im religiösen als auch nicht-religiösen Kontext als einen in hohem Maße mediatisierten Prozess verstehen zu lernen, der von den historischen Akteuren auf ganz unterschiedliche Weise reflexiv eingefangen werden konnte. Dabei soll der heuristische und explikative Wert des Konzepts der textuellen Migration in Abgrenzung zu alternativen Konzepten oder Theorien wie textueller Diffusion, Transmission, Zirkulation oder Translation erprobt werden.

 

Zum Verfahren:

Zu dem Symposion eingeladen sind Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler aller Philologien (insbesondere auch der außereuropäischen) sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus benachbarten Fächern (insbes. Theologie, Musikwissenschaft, Philosophie, Kunstgeschichte usf.). Die Zahl der Teilnehmenden ist auf 35 begrenzt. Voraussetzung für die Teilnahme sind eine schriftliche, prinzipiell druckfertige Vorlage sowie die Bereitschaft, an allen Tagen der Veranstaltung vor Ort zu sein und mitzudiskutieren. Die Konferenzsprachen sind Englisch und Deutsch. Die Reisekosten (Fahrtkosten und Tagegelder) werden von der DFG nach den Bestimmungen des Bundesreisekostengesetzes übernommen, sofern sie nicht von der Heimatinstitution getragen werden.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des In- und Auslandes, insbesondere auch jüngere (in der Regel jedoch nicht schon Promovierende) sind gebeten, ihr Interesse an einer Teilnahme sowie ihren Themenvorschlag (max. 1 Seite) bis zum 1. September 2020 der Leitung des Symposions zuzuschicken (per Email an: Julia.Roethinger@germanistik.uni-muenchen.de). Eine provisorische Benachrichtigung der Eingeladenen erfolgt bis Anfang November 2020.

Der schriftliche Beitrag (Umfang max. 25 Seiten à 2.400 Zeichen inkl. Anm.) muss bis zum 1. Juni 2021 abgegeben werden.

 

Prof. Dr. Susanne Reichlin, LMU München

susanne.reichlin@germanistik.uni-muenchen.de

 

Kuratorinnen und Kuratoren

Prof. Dr. Eva Geulen, ZfL Berlin

Prof. Dr. Bernhard Huß, FU Berlin

Prof. Dr. Beate Kellner, LMU München

Prof. Dr. Carlos Spoerhase, Universität Bielefeld


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Johannes Schmidt] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu