CFP: Klischees lesen. Zum Umgang mit Klischees in Literatur und Literaturwissenschaft, Lausanne (28. Juni 2020)

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Studientag an der Université de Lausanne, 27.-28. November 2020

 

Klischees in der Literatur sind schlecht, da sind sich Literaturkritik und -wissenschaft aus­nahmsweise einmal einig. Im schlimmsten Fall können sie sogar gefährlich sein. Dann nämlich, wenn sie zur Verstärkung aktueller gesellschaftlicher Spannungen beitragen, wie Caspar Battegay jüngst in Bezug auf die Verfilmung von Thomas Meyers Bestseller Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse (2012) kritisiert hat. Entsprechend scharf werden (soziale) Klischees in literarischen Werken getadelt: Sie zeigten eine vereinfachte Sicht auf die Dinge, transportierten Vorurteile und perpetuierten stereotype Bilder. Insbesondere dank den Gender und Postcolonial Studies werden solche Aspekte heute vermehrt – und zum Teil durchaus auch kontrovers – diskutiert.

In der Literatur können Klischees auf ganz unterschiedlichen Ebenen vorkommen: in der Darstellung von Figuren (aber auch Schauplätzen), in Narrativen (aber auch einzelnen Wendungen). Ersteres bezieht sich v.a. auf genderspezifische Stereotypen sowie auf Zuschreibungen aufgrund von Nationalität, Religion oder sozialer Zugehörigkeit und betrifft eine Vielzahl von «typischen» Figuren, von der schönen Jüdin über den edlen Wilden bis hin zum weltfremden Gelehrten und knorrigen Bergler. Letzteres meint dagegen verfestigte Erzählschemata, die den Verlauf einer Handlung bestimmen: So will beispielsweise ein Topos der Kolonialliteratur, dass die Beziehung eines weissen Eroberers mit einer Einheimischen mit seiner Rückkehr nach Europa und ihrem Tod endet. Wie langlebig solche Narrative sein können, lässt sich etwa in Lukas Bärfuss’ postkolonialem Roman Hundert Tage (2008) zeigen.

 

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Doch so berechtigt die Kritik an klischierten Figuren und stereotypen Narrativen ist, sie bringt auch Probleme mit sich: Denn erstens ist die Kritik am Klischee oft mehr moralisch oder ethisch motiviert als ästhetisch. Damit gerät man aber in ein nicht aufzulösendes Spannungsfeld zwischen moralischen Kriterien und der Kunstfreiheit, die beide eine unwiderlegbare Daseinsberechtigung haben. Und zweitens ist nicht jedes Klischee Ausdruck einer unreflektierten Haltung seines oder seiner Autor*in. Es kann sich dabei sehr wohl auch um eine bewusst gewählte Strategie handeln: So stellt Gottfried Keller etwa in seinem Novellenzyklus Die Leute von Seldwyla die Schweiz des 19. Jahrhunderts bewusst verklärt dar, mit dem pädagogischen Hinter- oder Wunschgedanken, dass sich seine Leser*innen doch den Figuren angleichen mögen. Und Karl Mays romantisierende Indianer-Romane können vor dem Hintergrund des gleichzeitig vorherrschenden kolonialen Diskurses von der Primitivität indigener Völker vielleicht doch nicht ganz pauschal verurteilt werden. Dasselbe gilt für George Eliots Roman Daniel Deronda (1876), dessen übertrieben tugendhaft gezeichnete Hauptfigur vor der Folie des sich ausbildenden modernen Antisemitismus verstanden werden muss.

 

Die Frage ist nun also, wie man als Literaturwissenschaftler*in, aber auch als Autor*in mit dieser Spannung umgehen soll: Wie kann man eine Literaturwissenschaft betreiben, die sich von Zensurgedanken fernhält, ohne dabei rassistische und sexistische Stereotypen und Schemata oder andere problematische Narrative zu verharmlosen? Wie können Autor*innen reflektiert mit der oftmals berechtigten Forderung nach politischer Korrektheit umgehen, ohne sich selbst zensieren zu müssen? Und ganz grundsätzlich gefragt: Welche besonderen Möglichkeiten und Lizenzen hat die Literatur – gemessen an anderen Diskursen wie der Politik und dem Journalismus – in der kritischen Auflösung, aber auch produktiven Nutzung und Verfestigung von Klischees?

 

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Ziel des Studientages ist es, anhand von konkreten Fallbeispielen über die hier genannten Fragen nachzudenken. Anstatt selbst Klischees in den literarischen Texten aufzuweisen, laden wir die Referent*innen dazu ein, Texte in den Fokus zu rücken, die in ihrer Rezeption als klischiert wahrgenommen und diskutiert worden sind. Die Rekonstruktion dieser Debatten soll es ermöglichen, in kleinen Schritten und anhand von historischen Fallstudien zu einem tragfähigen Klischeebegriff zu gelangen, anstatt einen solchen von Beginn weg apriori festzulegen. Die übergeordnete Fragestellung nach der Aufgabe der Literatur und der Literaturwissenschaft angesichts des Spannungsfelds zwischen (Selbst-)Zensur und berechtigter Kritik an problematischen Schemata soll dabei stets den Dreh- und Angelpunkt der Analysen bilden.

 

Der Studientag wird organisiert von Prof. Dr. Robert Leucht und M.A. Maria Magnin und findet am 27. und 28. November 2020 an der Universität Lausanne statt. Es sind Slots von 45 Minuten vorgesehen, die Inputs sollten deshalb auf max. 20-25 Minuten beschränkt werden. Wir bitten um Vorschläge mit Titel, Abstract (max. 250 Wörter) und Kurz-CV bis zum 28. Juni 2020 an robert.leucht@unil.ch und maria.magnin@unil.ch.

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu