CFP: Gegenwartslyrik. Entwürfe – Strömungen – Kontexte (31.07.2020)

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Die deutschsprachige Lyrik der Gegenwart erweist sich in thematischer und ästhetischer Hinsicht als höchst heterogenes Feld, dessen Vermessung die literaturwissenschaftliche Forschung vor spezifische Herausforderungen stellt. Denn Unübersichtlichkeit und Vielfalt der Produktionen, getragen von programmatisch sehr unterschiedlich ausgerichteten Verlagshäusern, erschwert die Bildung von Kategorien, Ein- und Zuordnungen, sodass Aussagen über das Prozessgebilde „Gegenwartsdichtung“ nur als Annäherungen verstanden werden können.

Nichtsdestotrotz haben sich im Verlauf der vergangenen beiden Dekaden mannigfaltige Strömungen und Konzeptionen entwickelt. Konstanten werden etwa in der „politischen Lyrik“ erkennbar, die sich beispielweise in Auseinandersetzungen mit dem Anthropozän, dem Klimawandel sowie Mensch-Tier-Beziehungen äußern. Auch Gender-Fragen, postkoloniale und -nationale Sichtweisen spielen im Rahmen dekonstruktivistischer bzw. diskursanalytisch forcierter Schreibverfahren eine wichtige Rolle.

Lyrik macht sich hierin als sprachkritisches Erkenntnismedium bemerkbar, mit dem es nicht nur eine zeitdiagnostische Bewandtnis auf sich hat. Zunehmend finden sich, ausgehend von oftmals ernüchternden Gesellschaftsdiagnosen der Spätmoderne, Poetiken des Utopischen, die in der polyvalenten Sprachartistik Möglichkeitsdenken praktizieren und mithin auf einschlägige Theoriebildungen bei Landauer, Mannheim, Bloch und Adorno verweisen. Diese zeigen sich auf der Ebene sprachlicher Komposition in performativen Gestaltungsansätzen. Inhaltlich werden mitunter Beschreibungen von Ökoutopien, die Heraufbeschwörung vergangener Welten innerhalb einer neuen poetischen Erinnerungskultur sowie eine Reorientierung an Religion und Spiritualität ersichtlich.

Diese bezieht, um ein weiteres Arbeitsfeld der zeitgenössischen Lyrik anzuführen, ebenso einen verstärkten Dialog mit kanonischen Dichtern ein. Neben Klassikern wie Goethe, Schiller und Hölderlin gerät allen voran der Rekurs auf Autoren des Fin de Siècle in den Blick. Poeten wie Baudellaire, Apollinaire, Rilke, George und Trakl kommt in dichterischen Zeugnissen der letzten Jahre eine ungeahnte Aktualität zu, deren Funktionsbestimmung literaturanalytische Bemühungen lohnenswert erscheinen lässt.

Der geplanten Band soll Tendenzen, Strömungen, Diskussions- und Problemfelder der Gegenwartslyrik ausloten, abbilden und kritisch kontextualisieren. Hierzu können nachfolgende Fragestellungen leitend sein:

- Lassen sich Gruppierung feststellen, die spezifische ästhetische Programme verfolgen? 

- Welche Beziehungsfelder lassen sich zwischen Gesellschaft und poetischem Schreiben ausmachen?

- Welche dichterischen Selbstverständnisse und Poetologien bestimmen den dichterischen Diskurs?

- Welche Aussagen lassen sich über Produktions- und Rezeptionsbedingungen heutigen poetischen Arbeitens generieren?

- An welche literarhistorischen Konzepte lehnen sich zeitgenössische Dichter an? Welche Kontinuitäten oder markante Traditionsbrüche lassen sich identifizieren?

- Auf welche kulturhistorischen, philosophischen bzw. theoretischen Konzepte kann Bezug genommen werden, um Facetten der Gegenwartslyrik einzuordnen und zu bestimmen?

- Welche Vorstellung von Performativität liegt aktuellen dichterischen Arbeiten zugrunde?

- Wie verhalten sich Dichter und deren Werke zu anderen Wissensdisziplinen unserer Zeit?

Geplant ist die Erscheinung des Sammelbands für das Frühjahr 2021. Dazu  können Vorschläge bis zum 31.7.2020 an hayer@uni-landau.de (Dr. Björn Hayer) eingereicht werden.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Johannes Schmidt] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu