TAGB [X-Post from H-Soz-Kult]: Invektive Gattungen. Formen und Medien der Herabsetzung. Tagung des SFB 1285, TP E "Sakralität und Sakrileg. Die Herabsetzung des Heiligen im interkonfessionellen Streit des 16. Jahrhunderts", Dresden (19.02. – 21.02.2020)

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Interdisziplinäre Tagung des TP E "Sakralität und Sakrileg. Die Herabsetzung des Heiligen im interkonfessionellen Streit des 16. Jahrhunderts"

Invektive Gattungen. Formen und Medien der Herabsetzung

Bericht von Sophia Michalsky / Theresa Haugk, Institut für Germanistik, Technische Universität Dresden

 

Veranstalter: Marina Münkler, Technische Universität Dresden; SFB 1285 "Invektivität. Konstellationen und Dynamiken der Herabsetzung"

Ort, Datum: Dresden, 19.02.2020 - 21.02.2020

 

Phänomene der Schmähung und Herabwürdigung, die der SFB 1285 unter dem Begriff der Invektivität fasst, treten in medialer, politischer, sozialer und ästhetischer Hinsicht in komplexen, historisch variablen Konstellationen auf. So stellt sich immer wieder neu die Frage nach den kommunikativen Formen und Mustern, in denen Invektivität sich realisiert.

 

Im Fokus der Tagung stand deshalb einerseits die Bedeutung von rhetorischen, literarischen und kommunikativen Gattungen für die Konkretisierungen invektiver Rede und andererseits die Rolle invektiver Kommunikation für die Genese und Transformation von Gattungen. Es stellten sich darüber hinaus Fragen nach dem Verhältnis unterschiedlicher invektiver Formen, Muster und Schreibweisen zueinander sowie nach deren medialen Verfasst- und Bedingtheiten.

 

Die Tagung näherte sich diesen Fragestellungen in sechs Sektionen an, wobei sich die erste historisch-theoretischen Zugängen widmete. Eröffnet wurde sie von der Tagungsleiterin MARINA MÜNKLER (Dresden). Ihren Ausgangspunkt bildete die Überlegung, dass sich das Invektive nicht allein in spontanen Akten, sondern vielmehr auch in stabilen Mustern entfalte, wie sie Gattungen, mediale Affordanzen oder kommunikative Gebrauchsmuster bereitstellten. Normativ-taxonomische Gattungsbegriffe erfassen dabei nur einen Teil invektiver Kommunikationsformen. Als gewinnbringende Zugänge beschrieb Münkler vielmehr kommunikationsorientierte, praxeologische Konzepte, die Gattungen als diskursive Prozeduren innerhalb historisch-soziokultureller Normen bestimmen. Anhand von Satire, Parodie und Schimpfwort zeigte sie, dass invektive Muster nicht in klassischen Gattungszuweisungen aufgehen und daher Anlass bieten, neuere gattungstheoretische Ansätze wie das von Simon Meier-Vieracker im Rahmen der Tagung vorgestellte Doing Genre analytisch fruchtbar zu machen.

 

DENNIS PAUSCH (Dresden) setzte sich in seinem Beitrag mit der römischen ars invectiva auseinander. Aufgrund der rhetorischen Ausbildung in der römischen Antike liege ein geteiltes Regelwissen über die beleidigende Rede vor. Die daraus resultierende Erwartbarkeit aber konfligiere mit den Ansprüchen der Spontaneität und Unberechenbarkeit an die invektive Rede. Das für die Entwicklung der ars invectiva bedeutsame Unterlaufen der Erwartungen durch den Redner mindere nicht nur den Regelverstoß der Beleidigung, sondern mache diese besonders wirksam. Zentrales Verfahren sei die dissimulatio artis, das Verbergen der Kunstfähigkeit durch inszenierte Spontaneität, durch artifizielle Mündlichkeit, wie Pausch anhand von Ciceros oratio pro Caelio illustrierte. In der Diskussion wurde vor allem die Planbarkeit kommunikativ erfolgreicher Invektiven reflektiert und hinterfragt, ob nicht Innovation ein generelles Moment erfolgreicher Rhetorik sei.

 

In ihrem Vortrag stellte KATJA KANZLER (Leipzig) anhand von zeitgenössischen, popkulturellen, US-amerikanischen TV-Produktionen die Konzepte mode und affordance vor. modes versteht sie als fluide Abstraktionen und Selektionen von Genres, die graduell und einander überlappend auftreten können. Neben dieser Beziehung von mode und Genre wurden diese auch als theoretische Konzepte gegenübergestellt, wobei mode als „Praxis“ beziehungsweise Verfahren wesentlich offener und fluider ist. Invektivität sei dabei ein Potential, eine inhärente Affordanz bestimmter Modi. Affordance erläuterte Kanzler nicht als Objekteigenschaft, sondern vielmehr als Beziehungskonstellation zwischen Objekt und Nutzer/in, die sich in konkreten Verwendungszusammenhängen realisiert. Erst der Verbund beider Konzepte erlaube es, die verschiedenartigen Realisierungen von Invektivität in den TV-Produktionen und deren paradoxe Situierung zwischen permanenter Veränderung und Konventionalität zu erfassen. Hinterfragt wurden in der Diskussion vor allem das Verhältnis der drei theoretischen Konzepte zueinander sowie deren heuristische Potentiale, auch in Bezug zu anderen Konzepten wie beispielsweise dem der Schreibweisen.

 

KAI BREMER (Osnabrück) entwickelte in seinem Vortrag eine rhetorikgeschichtliche Strukturierung invektiver Textsorten des 16. Jahrhunderts. In Hinblick auf invektive Textsorten sei ein grundsätzliches Gattungsbewusstsein jenseits der antiken Tradition vorhanden. Die von Bremer untersuchten volkssprachlichen Streitschriften zeigen allerdings eine Diskrepanz zwischen evozierter und eingelöster pragmatischer Erwartung: Die Titelblätter rufen rhetorische Genera (genus deliberativum und genus iudicale) auf, die dann häufig im angeschlossenen Text unterlaufen werden. Das Gattungsbewusstsein werde somit nicht genutzt, um Konventionen zu erfüllen, vielmehr werde der Bruch mit ihnen invektiv fruchtbar gemacht. Diskutiert wurden im Anschluss einerseits Erweiterungsmöglichkeiten hinsichtlich der Medialität des Materials sowie weiterer Paratexte und andererseits Fragen nach dem kommunikativen Kontext der Schriften, beispielsweise nach Adressatenspezifik und Zensur.

 

Am Abend wurde die von den Teilprojekten des SFB 1285 gestaltete Ausstellung „Schmähung – Provokation – Stigma. Medien und Formen der Herabsetzung“ im Buchmuseum der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek eröffnet. Die Konzeption dazu stammt von Lea Hagedorn (Teilprojekt F), Felix Prautzsch (Teilprojekt E) und Lisa-Marie Richter (Teilprojekt E). Hagedorn und Prautzsch kuratierten zudem die Ausstellung und publizierten gemeinsam mit Marina Münkler den Online-Katalog.[1] Die Ausstellung vermittelt einen Eindruck der vielfältigen Formen und Medien, in denen sich Invektiven realisieren und schließt damit visuell an die theoretischen Reflexionen der Tagung an.

 

Die zweite Sektion, die Schreibweisen und historische Gattungen des Invektiven thematisierte, wurde von NEIL CARTLIDGE (Durham) eröffnet. Er stellte schottische Flytings und mittellateinische Streitgedichte gegenüber und fragte danach, ob diese als eigenständige Gattungen oder als Teile eines Spektrums invektiver Gattungen zu verstehen seien. Obschon beide Gattungen Formen kultivierter Invektivität darstellten, seien wesentliche funktionale Unterschiede herauszustellen: Streitgedichte zeichnen sich durch eine spielerisch-analytische Haltung aus, Flytings hingegen durch eine anlassgebundene, performative Dramatisierung persönlicher Feindseligkeit. Angemessen sei deshalb, von benachbarten Gattungen zu sprechen. In der anschließenden Diskussion wurden vorrangig das invektive Potenzial spielerisch-ritualisierter agonaler Formen und deren soziokulturelle Auswirkungen reflektiert.

 

In seinem Vortrag beschrieb GERD SCHWERHOFF (Dresden) das Pasquill zwischen legitimer Kritik und illegitimer Schmähung. Auf der einen Seite stehe das sogenannte libellus famosus als justiziable Schmähschrift in antiker Tradition, das vor allem seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts Gegenstand der obrigkeitlichen Verfolgung wurde. Die andere Seite bilde das pasquino, eine ursprünglich aus Italien stammende, satirische, humanistische Kritikpraxis. Die Ambivalenz des Pasquills entstehe aus der Verschmelzung dieser beiden Traditionen. Insgesamt erweise sich das Pasquill als nicht klar abgrenzbares Genre mit heterogener medialer Erscheinungsform. Charakteristisch sei jedoch der übergreifende invective mode (vgl. Kanzler), in dem persönliche Schmähung und anlassbezogene Kritik verschmelzen. In der Diskussion wurden vor allem Möglichkeiten einer Typologie des Pasquills thematisiert und Vorschläge für eine derartige Systematisierung abgewogen.

 

Die dritte Sektion widmete sich der invektiven Aufladung von Gattungen und den Potentialen der Gattungsüberschreitung durch invektive Verfahren. Unter Rückgriff auf Gérard Genettes Konzept der Paratextualität untersuchte ANTJE SABLOTNY (Dresden) invektive Paratexte und ihre Funktion zur Überschreitung von Gattungsgrenzen am Beispiel der protestantischen Lügende. Der Neologismus Lügende fungiere als zentrales Rezeptions- und Deutungsangebot, das sich zur Gattung verfestige, mit der die altgläubige Legende herabgesetzt werde. Es handle sich bei ihr um eine Metagattung, die reflektiere, wie über Heiligkeit erzählt werden könne. Die invektiven Paratexte sind für die Lügende gattungskonstitutiv, halten zugleich die Grenzen der Gattung zum Diskursiven offen und initiieren invektive Anschlusskommunikationen. Als Organisatoren religiöser Kommunikation übernähmen sie eine signifikante Funktion während der Phase der Ausdifferenzierung des religiösen Systems im 16. Jahrhundert. In der Diskussion verdichtete sich die Auffassung, dass es sich bei Begriffsprägungen und -umdeutungen um zentrale invektive Verfahren handle.

 

HEIKE GRESCHKE (Dresden) und YOUMNA FOUAD (Dresden) beschrieben in ihrem Vortrag mithilfe des Konzepts der kommunikativen Gattung die invektiven Strukturen des Orientierungskurses für Ausländer/innen in Deutschland. Diese Kurse seien durch eine invektiv aufgeladene Kompetenzasymmetrie geprägt, da den als fremd markierten Teilnehmenden suggeriert werde, der Sprache und Kultur des Ankunftslandes zu bedürfen. Geteilte kommunikative Gattungen als etablierte Lösungsmuster für kommunikative Probleme seien dabei im Orientierungskurs kaum vorauszusetzen. Mit der Analyse kommunikativer Muster des Lehrens und Lernens (etwa des korrektiven Feedbacks) konnten Greschke und Fouad den Orientierungskurs als „Gattungsschmiede“ plausibel machen, in der kommunikative Muster des invektiven Kulturvergleichs eingeübt und etabliert werden. In der Diskussion wurde vor allem das heuristische Potenzial des Invektivitätskonzepts in moralisch aufgeladenen Diskursen betont.

 

Wie sich die Gattungsreflexion klassischer Regelpoetiken der Satire zunächst in der englischen Tradition des 17. und 18. Jahrhunderts als ein Verhandeln von Sarkasmus, Ironie und Spott als Bestandteile einer invektiven Gattung konstituieren, referierte BURKHARD MEYER-SICKENDIEK (Berlin). Geschildert wurde der Übergang des Satirebegriffes in die deutschsprachige, zunehmend philosophische Auseinandersetzung mit ihren gattungskonstitutiven Merkmalen. Die Gattungstransformation zeichne sich durch ein Aushandeln sozialhistorischer Toleranzgrenzen von Angemessenheit, Identität und Originalität aus, welche in einer nationalgeprägten Aufwertung des Humors als kulturelles Paradigma einer gattungsübergreifenden Darstellung münde. In der anschließenden Diskussion wurden gattungsspezifische Traditionszusammenhänge sowie die Spezifik der Aushandlungsprozesse von Humor und Satire eingehender thematisiert.

 

Invektive Äußerungsformen und Sprachgebrauchsmuster waren thematische Schwerpunkte der vierten Sektion. In Anwendung der Framing-Theorie erörterte JAN MARTIN LIES (Mainz) den Gebrauch schimpflicher Bezeichnungen der innerevangelischen Kontroverstheologie zwischen 1548 und 1580 als Strategie der Herabsetzung, Falsifizierung und Stigmatisierung des jeweiligen Gegners und dessen Position. Durch die Übertragung eines Gattungskonzeptes auf die Ebene der Einzelworte gelinge der historischen Forschung die funktionale Differenzierung und Synthese von Schimpf- und Schlagworten sowie Schlüsselbegriffen. Anhand verschiedener Beispiele charakterisierte Lies einerseits die invektive Dynamik und Variation und andererseits die Polyfunktionalität von Deutungsmustern als zentrale Strategien innerkonfessionellen Streitens. Das Plenum interessierte neben der Frage nach dem Gattungsbezug auf Einzelworte insbesondere der Zusammenhang zwischen invektiver und theologisch-kritischer Pragmatik.

 

In einem Abriss einer über 2.000 Jahre langen Geschichte vom Antijudaismus bis zum Antisemitismus skizzierte ANJA LOBENSTEIN-REICHMANN (Göttingen) anhand sprachlicher Ausdrucks- und Konstruktionsformen eine weitreichende Eskalationsdynamik der Ausgrenzung und des Judenhasses. Die anhaltende Perpetuierung von semantisch festgesetzten Diskurselementen äußere sich in Form vielfältiger Legitimationsstrategien europäisch-christlicher Kultursuperiorität durch Exklusion, Stigmatisierung und Diskriminierung der Juden. Diese Tradition lasse sich in antiker und religiöser sowie in sozialer, national-kulturchauvinistischer und biologistischer Rahmung zu einem „Gebäude des Hasses“ zusammenfügen. Im Anschluss wurden unter anderem die von der Referentin vorgeschlagene Phaseneinteilung sowie Gründe für die außerordentliche Stabilität der Sprachgebrauchsmuster diskutiert.

 

Der Abendvortrag JÜRGEN MÜLLERS (Dresden) lieferte eine gattungstheoretische Charakterisierung der Bildparodie in ihren deutschen und flämischen Anfängen des 16. Jahrhunderts. Insbesondere seit der Ökonomisierung des Kunstmarktes sei es der Bildparodie inhärent, sich durch die Umkehrung von Erhabenem und Niederem gegen konventionelle Stil- und Formensprachen zu positionieren und so auf Kanonisierungsprozesse zu reagieren. Die komische Polemik der Bildparodie liege neben der Neubewertung eines imitierten Vorbildes als einerseits kritische Distanznahme und andererseits invektives Moment ebenfalls in der dem verschleierten Zitat innewohnenden Unvorhersehbarkeit, die das Publikum gegen die kritisierte Norm solidarisiere. Die Bildparodie lasse sich demzufolge als eine transitive Gattung mit komplexen sozialen und epistemischen Rahmungen verstehen.

 

Wie ein normatives Gattungsverständnis in Betrachtung seiner terminologischen Reflexionsgeschichte scheitert, verdeutlichen Brüche in der Gattungsgeschichte. Als Auftakt zur fünften und letzten Sektion mit dem Thema „(Inter-)Medialität des Invektiven“ verglich LEA HAGEDORN (Dresden) Parodie und Karikatur in Hinblick auf ihre Begriffskonstitution im 17. und 18. Jahrhundert. Anhand kunsttheoretischer Auseinandersetzungen Giovanni Antonio Massanis, William Hogarths und Johann Georg Sulzers lassen sich demnach Abhängigkeiten einer sich wandelnden Humorkultur erkennen. Skizziert wurde eine Entwicklung ausgehend von einer scherzhaft-burlesken Parodie etablierter Kunstnormen über eine bürgerlich-sozialkritische Interpretation als spottender Modus hin zu einer bildpraktischen und sozialdisziplinierenden Schmähkultur als gattungsübergreifender invektiver Modus. Während sich kein kontinuierlicher Wandel ausmachen lasse, so wurde anschließend diskutiert, verdeutlichen die Beispiele dennoch schlaglichthaft den Vorzug praxeologischer Gattungskonzepte, wobei sich insbesondere die Differenzierungen verschiedener Modi als anschlussfähig erweise.

 

ALBRECHT DRÖSE (Dresden) diskutierte in seinem Vortrag die Anwendung des Affordanzbegriffes (vgl. Kanzler) als einer sukzessiven Erschließung medialer Nutzungspotentiale zur Beobachtung invektiver Interaktionszusammenhänge. Am Beispiel der Flugschrift in der frühen Reformationszeit lasse sich eine enge Wechselwirkung zwischen Medium und invektiver Kommunikation erkennen, welche den inter- und innerkonfessionellen Diskurs, gesteuert wie ungesteuert, innerhalb einer neuen Öffentlichkeit wesentlich beeinflusst und Eskalationsdynamiken erkennbar werden lässt. Der Begriff Affordanz biete eine Heuristik an, Genese, Transformation und Funktion verschiedener Gattungen und Modi des Invektiven in ihrer Medienpraxis näher zu erforschen. Es könne so außerdem gelingen, die indefinite Publikationsform der Flugschrift praxeologisch auszulegen und als interaktive Kommunikationsform im frühneuzeitlichen Mediensystem zu begreifen. In der Diskussion wurden Möglichkeiten und Grenzen des Affordanzkonzeptes sowie Interferenzen unterschiedlicher Modi und Gattungen in den Flugschriften ausgelotet.

 

In einem Vergleich zweier Beispiele artivistischer Interventionskunst arbeitete LARS KOCH (Dresden) heraus, inwiefern sich invektive Strategien der Adressierungen von Publikum, Medien und Politik sowie die forcierte Störung der öffentlichen Wahrnehmung zur Erosion und Stabilisierung von Meinungsregimes voneinander unterscheiden. So habe sich die 2001 stattgefundene Containeraktion Christoph Schlingensiefs „Bitte liebt Österreich“ durch die Schaffung eines Dissens um die Partizipation des Publikums am politischen Diskurs bemüht. Dagegen sei die Aktion „Flüchtlinge fressen“ (2016) des „Zentrums für Politische Schönheit“ durch eine moralisch geprägte Deutungssicherheit gekennzeichnet, mit der das Bestreben einer „kollektiven Wahrheitsfindung“ nicht realisiert werden könne. Die Produktion von Dissens auf der einen und Identität auf der anderen Seite werden damit als zwei unterschiedliche Strategien des Artivismus vorgestellt, sich des invektiven Potentials massenmedialer Wirksamkeit zu bedienen. Wie sich dieses invektive Potenzial in seiner kommunikativen, kulturellen, sozialen und medialen Rahmung begreifen und unterscheiden lasse, war im Anschluss tragendes Diskussionsthema.

 

Den Abschluss der Tagung bildete SIMON MEIER-VIERACKERS (Dresden) diskurs- und rezeptionsorientierte Auseinandersetzung mit der „Wutrede“ als ein insbesondere in den digitalen und sozialen Medien der letzten Jahre entstandenes Phänomen. Als zunächst retrospektive mediale Zuschreibung invektiver Redeereignisse und Anschlusskommunikation verfestige sich die Wutrede zusehends zu einer invektiven Gattung mit eigener produktiver Kraft und Anschlussfähigkeit. Die Beobachtung einer noch so jungen Gattung eigne sich daher als Ausgangspunkt der Entwicklung eines neuen Gattungskonzeptes des Doing Genre, welches sich ganz im Sinne des Tagungsziels konsequent von formal-funktionalen Ansätzen abgrenzt und erlaubt, Diskursivität, Prozessualität und metapragmatische Rahmungen im kommunikativen Geschehen sichtbar zu machen. Die Unterscheidung des vorgestellten Theoriekonzeptes zu anderen Gattungstheorien sowie die spezifische Rolle der Affektivität in der Wutrede waren zentrale Fragestellungen in der Diskussion.

 

Wie kann es alternativen Gattungskonzeptionen in ihrer Ausrichtung auf praxeologische, kommunikative, rezeptions- und diskursorientierte Fragestellungen gelingen, heuristische, hermeneutische oder empirische Fragen und Erkenntnisse zu entwickeln, die im Bereich der normativ-taxonomischen Gattungskonzeption bisher womöglich verborgen geblieben sind? Welche Rolle spielen dabei invektive Konstellationen, Dynamiken, Sprachgebrauchsmuster, Anschlusskommunikationen und Modi – kurz: Welche Spezifika und Unterschiede lassen sich in invektiven Gattungen ausmachen? Unter diesen Leitfragen gestaltete sich die Tagung „Invektive Gattungen“ mit ihren vielfältigen Ansätzen und Untersuchungsgegenständen als eine interdisziplinäre Plattform und ein fruchtbarer Beitrag, normativen Gattungsterminologien mit offenen und multiperspektivischen Annäherungen zu entgegnen. Es offenbarten sich Perspektiven, aber auch Grenzen, spezifische Invektivgeschehen in ihrer textuell-sprachlichen und bildlichen Genese nicht innerhalb verfestigter Gattungsformationen, sondern vielmehr als in prozessuale Austauschprozesse eingehegte Artefakte zu betrachten. Die Ergebnisse der Tagung lassen sich als Sensibilisierung für die Relationalität zwischen den Möglichkeitsbedingungen invektiver Gattungen auffassen: zwischen literarischer, ästhetischer und kommunikativer Interdependenz, zwischen Medialität und Modus, zwischen Funktionalität und Affektivität, zwischen Gattungszuschreibung und -überschreitung und nicht zuletzt zwischen verschiedensten theoretischen Modellen. So rücken Relationen und Reflexionen in den Fokus, zu deren Aushandlung die weiterführende Forschung sich angeregt sehen dürfte.

 

Konferenzübersicht:

 

Sektion 1: Historisch-theoretische Zugänge

Marina Münkler (Dresden): Invektive Gattungen: Kommunikationsformen, Medien, Muster, Strategien

Dennis Pausch (Dresden): ars invectiva und artifizielle Mündlichkeit: Schmähungen in Rom zwischen Schulbuch und scheinbarer Spontaneität

Katja Kanzler (Dresden): Invective Form in Popular Media Culture: Genre – Mode – Affordance

Kai Bremer (Osnabrück): Irenische 'Berichte' und polemische 'Streitpredigten'? Zur Rhetorik invektiver Textsorten im 16. Jahrhundert

 

Abendprogramm: Eröffnung der Ausstellung „Schmähung – Provokation – Stigma. Medien und Formen der Herabsetzung“ im Buchmuseum der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden

 

Sektion 2: Schreibweisen oder historische Gattungen des Invektiven

Neil Cartlidge (Durham): Invektiven und Streitgedichte

Gerd Schwerhoff (Dresden): Das Pasquill im frühneuzeitlichen Deutschland. Ein Kommunikationsmedium zwischen Schmähung und Kritik

Sebastian Coxon (London): Shrews, ridicule and literary invective (entfallen)

 

Sektion 3: Invektive Aufladung von Gattungen und (Gattungs-)Überschreibung durch invektive Verfahren

Antje Sablotny (Dresden): Invektive Paratexte und ihre Funktion zur Überschreitung von Gattungsgrenzen am Beispiel der Lügende

Heike Greschke / Youmna Fouad (Dresden): „Wie ist das denn in Deinem Heimatland?“ – kommunikative Muster invektiver Kulturvergleiche im Orientierungskurs

Burkhard Meyer-Sickendiek (Berlin): Die Satire als invektive Gattung der Moderne

 

Sektion 4: Invektive Äußerungsformen und Sprachgebrauchsmuster

Jan Martin Lies (Mainz): Framing als Kommunikationsstrategie: Die Verwendung von schimpflichen Bezeichnungen im Kampf um Deutungshoheit in den innerevangelischen Kontroversen 1548–1580

Anja Lobenstein-Reichmann (Göttingen): Vom Antijudaismus zum Antisemitismus – Stationen eines Ausgrenzungsdiskurses

Jürgen Müller (Dresden): Die Anfänge parodistischer Bild-Verfahren in der deutschen und flämischen Kunst des 16. Jahrhunderts (öffentlicher Abendvortrag)

 

Sektion 5: (Inter-)Medialität des Invektiven

Lea Hagedorn (Dresden): Brüche in der Gattungsgeschichte. Zum Verhältnis von Parodie und Karikatur im 17. und 18. Jahrhundert

Albrecht Dröse (Dresden): Intermediale Invektivität. Aspekte der Kommunikationsform Flugschrift

Lars Koch (Dresden): Über artivistische Interventionen. Invektivität, Medien, Moral

Simon Meier-Vieracker (Dresden): Wutreden und andere invektive Gattungen zwischen Rekonstruktion und Aneignung

 

Zusammenfassung:
Antje Sablotny/Felix Prautzsch (Dresden)

 

Anmerkung:
[1]https://www.slub-dresden.de/ueber-uns/buchmuseum/ausstellungen-fuehrungen/archiv-der-ausstellungen/ausstellungen-2020/schmaehung-provokation-stigma-medien-und-formen-der-herabsetzung/ (16.04.2020).

 

Erstmals erschienen in: H-Soz-Kult, 23.04.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8733>.

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