CFP: Zagreber Germanistische Beiträge 30 (2021) "Die Gewalt und das Meer" (15.04.2020)

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CFP Zagreber Germanistische Beiträge 30 (2021)

Themenschwerpunkt:

 

Die Gewalt und das Meer

 

Hg. von Mario Grizelj (Ludwig-Maximilians-Universität München)

 

 

 

Ihn schauderte. Er sah  das Meer, er sah ein Schiff,

Das gelbe Wellen schaukelten und schoben

Und sah die Wellen, Wellen – Wellen woben

An seinem unvollendeten Begriff.

(Paul Boldt)

 

Es ist auffällig, dass das Meer in den letzten Jahren immer häufiger und mitunter systematisch zum Untersuchungsobjekt literatur-, kultur- und sozialwissenschaftlicher Forschung wird. Paradigmatisch dafür steht das Handbuch der Mediterranistik (2015), an dem sich über 30 Disziplinen von der Ägyptologie und Ethnologie über die Germanistik und Judaistik, die Klimatologie und Ozeanographie bis hin zu den Wirtschaftswissenschaften an der gemeinsamen Erforschung des Mittelmeerraums beteiligen. Eine Ausnahme bildet schon lange die Historiographie. Sie hat das Meer längst entdeckt, denn weder die Antike noch die „heutige europäische Zivilisation“ (Jürgen Elvert) lassen sich untersuchen, ohne die maßgebliche Bedeutung des Mittelmeers und der anderen Weltmeere zu berücksichtigen (vgl. hierzu die Arbeiten von Fernand Braudel, David Abulafia und Jürgen Elvert sowie die große Ausstellung Europa und das Meer, Berlin 2018).

Das neuzeitliche und moderne Europa etablierte sich als ein solches vornehmlich im wirtschaftlichen, politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Austausch mit den außereuropäischen Gebieten – und dieser Austausch lief über das Meer. Es war das Meer, das die ökonomische, machtpolitische und kulturelle Zirkulation in Gang brachte und am Laufen hielt, und wir können von großen Güter-, Wissens- und Menschenströmen sprechen, die über die Weltmeere die verschiedenen Weltteile miteinander verbanden. Das bedeutet nun aber auch – und im Zuge post- und dekolonialer Perspektiven vor allem –, dass mit dem Meer und den Meeren nicht allein die Geschichte der ‚heutigen europäischen Zivilisation‘ nachzuzeichnen wäre, sondern die Geschichte der anderen Weltteile und dementsprechend auch die Geschichte der Globalisierung mit all ihren Folgeproblemen. Denn von Globalisierung lässt sich ja erst im Zuge der Eroberung der Weltmeere sprechen. Es waren in erster Linie die Seefahrer, Forschungsreisenden, Eroberer, Walfänger und Handelsleute, die es ermöglichten, dass einzelne Personen, Gruppen, Gemeinschaften, Organisationen, Institutionen und Staaten überhaupt gemeinsame Interessen teilen, aber auch in einem großen Maßstab in Konkurrenz zueinander treten konnten. Die Zauberworte heißen Vernetzung und Verflechtung.

Es lässt sich dabei diskutieren, inwiefern die Entdeckung der ganzen Welt mithilfe des Meeres als eine fundamentale Umwälzung von Raumordnungen zu beschreiben wäre. Carl Schmitt spricht bekanntlich von „Raumrevolutionen“ (Land und Meer, 1942). Im Anschluss an die morphologische Typologie der Weltgeschichte in Form einer dreigliedrigen Abfolge von Kulturen von Ernst Knapp (Vergleichende Allgemeine Erdkunde, 1845) erörtert Schmitt den Unterschied zwischen marinen und terrestrischen Kulturen. Der Weg zur Globalisierung als genuin mariner Raumordnung verläuft von der potamischen, d.h. Flusskultur der Euphrat- und- Tigris- sowie Nilregion über die thalassale Kultur des Mittelmeerraumes als eines Binnenmeer- und Küstenraumes bis zur ozeanischen Kultur, die in Gestalt der britischen Seemacht im Zuge der Eroberung der Meere die Welt globalisiert und erobert hat. Erst England hat sich von der Küste gelöst und sich als „maritime[s] Weltreich[]“ endgültig „entwurzelt und entlandet“ und damit eine genuine netzwerkartige Ordnung etabliert, die es sich sogar (theoretisch wohlgemerkt) leisten konnte, die Hauptstadt von London nach Delhi zu verlegen, da es ja nicht mehr um Orte und Land ging, sondern nur noch um das Vernetzen selbst.

Gleichwohl man bei Carl Schmitt immer ob seiner ideologisch höchst problematischen Verstrickung in die NS-Ideologie besondere Vorsicht walten lassen muss, so dürfen wir uns mit ihm aber dennoch fragen, und das hat Hartmut Böhme in seiner Kulturgeschichte des Wassers (1988) explizit getan, ob und inwiefern „marine Kulturen andere Imagologien, religiöse und ästhetische Werthaltungen und moralische Attitüden entwickeln als terrestrische“. Böhme führt an, dass es sich literaturwissenschaftlich anböte, die russisch-terrestrischen Autoren Dostojewski und Tolstoi den maritimen Angelsachsen Melville und Conrad entgegenzusetzen. Aber wie sieht es mit deutschsprachigen Autorinnen und Autoren aus? Wie verhält sich die deutschsprachige Literatur zu den Unterscheidungen terrestrisch/maritim und thalassal/ozeanisch? Wie ist diesbezüglich mit Autor*innen aus Afrika, Lateinamerika, Asien oder Ozeanien umzugehen?

Das Meer ist ein durch und durch ambivalenter Imaginations- und Herrschaftsraum. Während es zum einen „als gewaltige Wassermasse […] fremd und düster in ihrer nicht zu erschließenden Tiefe“ beobachtet wird und „menschenverschlingende Ungeheuer“ bergen soll, ist es auf der anderen Seite ein blühendes Element voller „Fruchtbarkeit“ (Jules Michelet: La Mer, 1861), weshalb wir nicht umsonst mit Staunen und Begeisterung von „Wundern“ sprechen können (Jules Verne: Vingt mille lieues sous les mers, 1869-70). Während der eine „bis an den Rand von Gier voll […] nach dem Meer, nach unserem blauen Meer“ nach Dalmatien fährt, „um von Angst und Trübsal in Licht und Wärme zu genesen“ (Hermann Bahr: Dalmatinische Reise, 1909), beschreibt der andere, wie der gewalttätige, ja, barbarische Mensch einen „Krieg gegen die Rassen des Meeres“ führt und dabei „schreckliche Gemetzel“ anrichtet (Michelet). Das Meer bildet eine Brücke, aber zugleich auch eine Grenze zwischen den Kulturen und Regionen. Es ist eine reiche Ressource (Nahrung und Gebrauchsstoffe), aber auch Objekt von Ausbeutung und Umweltverschmutzung. Ein Touristentraum vom Mittelmeer bis zur Karibik und zugleich eine ökologische Katastrophe (Plastikmüll, Kreuzfahrtschiffe, Korallensterben, Überfischung usw.). Das Meer ist ein Sehnsuchts- und Imaginationsort und zugleich ein Massengrab für unzählige Menschen auf der Flucht. Das (Mittel-)Meer ist die ‚Wiege Europas‘ und zugleich sein trauriges Ende, wenn Europa seine Grenzen dicht macht und die Seenotrettung einstellt.

Die Entdeckung der ganzen Welt im Medium des Meeres ist immer auch eine Eroberung der Welt, d.h. ein gewalttätiges Unterfangen. Wie nicht nur die militärische Ausrüstung der euphemistisch als Handelsschiff titulierten Jane Guy in E.A. Poes fulminantem Meerroman The Narrative of Arthur Gordon Pym (1838) zeigt, sind Handelsmissionen zugleich Eroberungs- und Unterwerfungsmissionen. Das Meer als Handelsraum ist zugleich ein Herrschaftsraum, der nicht nur Warenströme (und diese keineswegs neutral), sondern auch Menschenströme fließen lässt. Während Waren und Güter von ihrer Regionen- und Ortsgebundenheit befreit werden, werden im selben Zuge Menschen gefangengenommen und in Ketten gelegt. Der Handel blüht, während, oder genauer, indem Sklaven verschifft werden. Der sogenannte Atlantische Dreieckshandel zwischen Afrika, Nord- und Südamerika sowie Europa war Waren- und Menschenhandel zugleich. Das durch Aufklärung und Französische Revolution gegangene Narrativ eines auf Vernunft, Forschung und Menschenrechte basierenden modernen Europas trägt auf der Rückseite seiner Medaille die Prägung von Ausbeutung, Gewalt und Tod.

 

Der geplante Band möchte einen Beitrag zu der gerade erst begonnenen systematischen Erforschung des Meeres leisten. Es sollen dabei vor allem Konstellationen im Fokus stehen, die verschiedene Formen von Gewalt thematisieren, da dadurch, so die Vermutung, die beschriebene Ambivalenz der verschiedenen Meeresimaginationen besonders gut sichtbar und analysierbar wird. Gewalt gegen Individuen und ihre Körper, gegen Gruppen und Gemeinschaften. Gewalt gegen soziale Einrichtungen, gegen die Natur, gegen Rechtsauffassungen u.ä.m. Dabei können Situationen in den Blick rücken, in denen die Gewalt auf dem Meer ausgeübt wird, sich gegen das Meer und seine Bewohner richtet oder in denen das Meer selbst gewalttätig agiert. Erwünscht sind vor allem literatur- und kulturwissenschaftliche Perspektiven, die historisch mit der frühen Aufklärung beginnen können und bis in unsere Gegenwart reichen dürfen. Der Band ist zwar grundsätzlich komparatistisch angelegt, aber es sind vor allem Beiträge erwünscht, die deutschsprachige Texte und den deutschsprachigen Kulturraum berücksichtigen, da dieser  – im Gegensatz zum angloamerikanischen – im Hinblick auf das Forschungsobjekt ‚Meer‘ noch sehr wenig erforscht ist.

Dabei bieten sich unter anderem folgende Perspektiven an: Raumtheoretische Untersuchungen (bspw. in Auseinandersetzung mit Carl Schmitt (s.o.), mit Gilles Deleuze und Félix Guattaris Unterscheidung von glattem und gekerbten Raum oder mit Michel de Certeaus Verbindung von bibliothekarischer Nautik, Reliquientransfer und Kartographie), freilich nicht nur, aber auch, postkolonial inspirierte Analysen zu den Gewaltkonstellationen in empirisch fundierten oder frei imaginierten Reiseberichten (bspw. Georg Forsters Reise um die Welt, 1778/80, Joseph von Eichendorffs Eine Meehrfahrt, 1836/1864, E. A. Poes The Narrative of Arthur Gordon Pym, 1838 oder die Reiseromane Willy Seidels). In diesem Kontext wären auch Untersuchungen zu Seeschlachten und der Piraterie von Interesse. Zu denken wäre auch an die vielen Facetten der Unterwasserwelt zwischen Fantastik und Science-Fiction (Jules Verne) auf der einen und Kriegsgreuel auf der anderen Seite (bspw. Wolfgang Petersen: Das Boot, 1981 oder Andreas Prochaska: Das Boot, 2018) und nicht zuletzt an die Grausamkeiten der Flüchtlingskatastrophe und die Identitätskrise Europas (bspw. die Texte von Peter Härtling: Djadi, Flüchtlingsjunge, 2016, Reinhard Kleist: Der Traum von Olympia, 2015, Kevin Rittberger: Kassandra oder Die Welt als Ende der Vorstellung, 2011 oder die Filme von Markus Imhoof: Eldorado, 2018, Wolfgang Fischer: Styx, 2018). – Das sind nur einige wenige Hinweise, die keinesfalls Ihre Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Gewalt und Meer‘ einschränken sollen. Ganz im Gegenteil sind sie als Anregungen für eigene Ideen und Ansätze zu verstehen.

 

Bitte senden Sie für diesen Themenband der »Zagreber germanistischen Beiträge« zunächst bis zum 15. April 2020 ein Exposé im Umfang von bis zu 3000 Zeichen an PD Dr. Mario Grizelj (mario.grizelj@lmu.de).

Auf der Basis des Exposés werden Herausgeber und Redaktion über eine Annahme entscheiden und ggf. um einen ausformulierten Beitrag von bis zu 45.000 Zeichen (einschließlich Leerzeichen und Fußnoten) bitten, der bis Ende Oktober 2020 bei der Redaktion der Zeitschrift (zgb@ffzg.hr) einzureichen ist. Über die letztgültige Annahme, Ablehnung oder weiteren Bearbeitungsbedarf wird anonym von zwei unabhängigen Gutachtern befunden.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu