CFP: Weibliche Perspektiven der Zukunft: Science Fiction von deutschsprachigen Autorinnen, Wetzlar (31.03.2020)

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Frauen schreiben keine Science Fiction. Dass dem nicht so ist, ist eine Binsenweisheit. Trotzdem hält sich hartnäckig die Ansicht, dass Science Fiction ‚eigentlich‘ Männersache sei. Geht es doch um Technik und Pioniere, die ins Unbekannte vorstoßen. Selbst Kenner des Genres können häufig nur eine Handvoll Autorinnen nennen: Natürlich Mary Shelley, der seit den 1970er Jahren die Erfindung der Science Fiction zugeschrieben wird; Ursula K. Le Guin, die nicht nur sehr geistreiche Science Fiction schrieb, sondern auch intelligent über das Genre nachdachte; Margaret Atwood, deren Dystopien von gespenstischer Aktualität sind, die sich aber mit der Zuordnung ihrer Texte zur Science Fiction schwertut. Eine Britin, eine US-Amerikanerin, eine Kanadierin, danach kommt lange nichts, schon gar keine deutschsprachigen Science-Fiction-Autorinnen. Natürlich gibt es auch Genre-Pionierinnen wie Judith Merril; Leigh Brackett, der wir viele der Ideen in Star Wars verdanken; Octavia Butler, die die Stimme des Schwarzen Amerikas in der Science Fiction laut werden ließ; N. K. Jemisin, die mit ihrem kühnen Science-Fiction-Genremix gleich dreimal in Folge den renommierten Hugo-Award gewann. Gerade aus der aktuellen amerikanischen Science Fiction ließen sich noch einige mehr aufzählen. Sucht man aber nach deutschsprachigen Autorinnen, muss man schon genauer hinsehen: Da gibt es Thea von Harbou, die Drehbuch und Roman zu Metropolis (1927) verfasste, einem Film, der immer noch weltweit als einer der bedeutendsten Science-Fiction-Filme gilt; die vor kurzem verstorbene Gudrun Pausewang, der es mit ihrem Jugendroman Die Wolke (1987) als bislang einziger Autorin gelang, mit dem Kurd-Laßwitz-Preis in der Kategorie „Bester Roman“ ausgezeichnet zu werden; die schreibenden DDR-Schriftstellerpaare Angela und Karlheinz Steinmüller sowie Johanna und Günter Braun.

Diese Reihe von Beispielen, die sich noch beliebig verlängern ließe, zeigt deutlich, dass es selbstverständlich Frauen gibt und auch schon immer gab, die Science-Fiction schreiben. Sie sind zwar gegenüber ihren männlichen Kollegen in der Minderzahl, aber eben nicht gar nicht vorhanden. Dass ein solches Missverhältnis sowohl bezüglich der Geschlechterverteilung als auch der Sichtbarkeit im Kulturbetrieb keine Seltenheit ist, zeigen Studien wie im Auftrag des Deutschen Kulturrats erstellte Studie „Frauen in Kultur und Medien“ von 2016 und die vom Projekt „#Frauenzählen“ durchgeführte Untersuchung „Zur Sichtbarkeit von Frauen in Medien und im Literaturbetrieb“ von 2018. Dass insbesondere die Science Fiction ein umkämpftes Genre ist, zeigte die hitzige Debatte um den Wikipedia-Eintrag „Liste deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen“ im März 2019: Sowohl einzelnen der dort gelisteten Autorinnen als auch der Liste insgesamt wurde die enzyklopädische Relevanz abgesprochen, die Bedeutung der Liste als wichtiges Instrument der Sichtbarmachung und Forschungsinitiierung negiert.

Diese Debatte und auch Forschungen für den US-amerikanischen Raum weisen darauf hin, dass im Falle der Science Fiction wahrscheinlich mehrere Faktoren zusammenkommen, die neben den allgemeinen Bedingungen des Kulturbetriebs eine Marginalisierung von Frauen begünstigen könnten: die sozial bedingte erschwerte Zugänglichkeit technisch-mathematischer Ausbildungsgänge bewirkte über lange Zeit auch einen tatsächlichen niedrigeren Bildungsstand von Frauen im Vergleich zu Männern in diesem Bereich, was sich auch auf das Schreiben von Science Fiction als ‚technischem‘ Genre niedergeschlagen haben könnte; als populäres Genre spielt bei Science Fiction die Fankultur eine nicht unbedeutende Rolle – diese könnte sich für Frauen als unzugänglicher erwiesen haben als für Männer.

Bislang beschränkt sich die Erforschung dieses Phänomens auf Mutmaßungen, Analogien aus dem US-amerikanischen Bereich oder dem Kulturbetrieb allgemein. Diesem Manko wollen die 37. Wetzlarer Tage der Phantastik abhelfen, unter dem Motto „Weibliche Perspektiven der Zukunft“ soll zum einen deutschsprachigen Science-Fiction-Autorinnen zu mehr Sichtbarkeit verholfen werden, zum anderen aber auch Fragen über die Ursachen der Unsichtbarkeit bzw. Unterrepräsentanz nachgegangen werden.

Dies soll in 20-minütigen Vorträgen vorrangig anhand von Autorinnenporträts geschehen – als Orientierung für mögliche Beiträge mag der Wikipedia-Eintrag „Liste deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen“ dienen. Möglich sind auch Beiträge, die mehrere Autorinnen gruppieren und vergleichen; darüber hinaus ist die Präsentation quantitativer Studien zum Buchmarkt oder zum Fandom denkbar.

Bitte schicken Sie Exposés Ihrer Vorträge (max. 300 Wörter) sowie die eigene Kurzbiographie (max. 150 Wörter) bis zum 31. März 2020 an registration@phantastik.eu.

Die Tagung findet in den Räumen der Phantastischen Bibliothek Wetzlar, Turmstraße 20, 35578 Wetzlar statt.

Die Phantastische Bibliothek Wetzlar übernimmt für die Referent*innen in der Regel die Fahrt- und Übernachtungskosten. Da unsere Mittel nicht unbegrenzt sind, erbitten wir bei zu erwartender kostspieliger Anreise einen kurzen Hinweis zusammen mit dem Exposé, damit wir eine unseren finanziellen Möglichkeiten entsprechende finanzielle Regelung finden können.

URL: https://phantastik.eu/veranstaltungen/wetzlarer-tage-der-phantastik-uebersicht/wetzlarer-t...

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Constanze Baum] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu