CFP: Figurenkonstellation und Gesellschaftsentwurf (04.04.2020)

Henrike Schwab's picture

Interdisziplinäre Tagung "Figurenkonstellation und Gesellschaftsentwurf", Eberhard Karls Universität Tübingen (24. bis 26. März 2021)

Die interdisziplinäre Tagung möchte die narratologische Kategorie der Figurenkonstellation als Analyseinstrument nutzbar machen und dazu die in den verschiedenen Fächern vorhandenen Ansätze zusammentragen, sichten, diskutieren und im exemplarischen close reading erproben. 

Grundlegende Überlegungen zur Figurenkonstellation sind anhand des Dramas angestellt worden (vgl. PFISTER 1977), an welche in jüngerer Zeit die Filmwissenschaft anknüpfte (vgl. EDER 2008). Als Untersuchungsgrundlage geeignet erscheinen darüber hinaus insbesondere großepische Texte, die komplexe Erzählwelten entwerfen. In Anlehnung an VON CONTZEN/TILG 2019 wird davon ausgegangen, dass die am modernen Gegenstand gewonnenen Kategorien auch einer historischen Narratologie als "Referenzpunkt für die kritische Auseinandersetzung" (S. VIII) dienen können.

Es mag überraschen, dass der Begriff der Figurenkonstellation, der wie selbstverständlich verwendet und offenbar intuitiv verstanden wird, überhaupt eingehenderer Untersuchungen bedarf. Doch stellte Ansgar NÜNNING noch 2013 im Metzler-Lexikon Literatur- und Kulturtheorie fest: "Ungeachtet des verbreiteten Gebrauchs von Begriffen wie 'Protagonist' (Hauptfigur) oder 'Antagonist' (Widersacher) sind die Gestaltung und Entwicklung von F[igurenkonstellation]en innerhalb der verschiedenen dramatischen und narrativen Gattungen trotz ihrer Bedeutung noch kaum erforscht." (S. 214) 

Eine Recherche nach neuen Entwicklungen zeigt ein weitgehend unverändertes Bild. Obwohl von Figurenkonstellationen regelmäßig die Rede ist, wird der Begriff selten systematisch entwickelt. Das mag mit einer gewissen terminologischen Unschärfe zusammenhängen: Es lässt sich feststellen, dass 'Figurenkonstellation' zumeist im Sinne spezifischer, bedeutungstragender Relationen (oftmals für Paarungen: z.B. Protagonist/Antagonist, Hauptfigur/Confident) verwendet wird, wofür dann in der Regel der Plural 'Figurenkonstellationen' steht. Dagegen ließe sich die Figurenkonstellation im Singular – das "Ensemble aller in einem Drama oder Erzähltext vorkommenden fiktiven Personen" (PLATZ-WAURY 1997, S. 591) – als übergreifendes Muster auffassen, welches sich vielleicht nicht unmittelbar in Bedeutung übersetzen lässt, aber doch etwas Gewichtiges darstellt: nämlich Welt oder im engeren Sinne Gesellschaft. 

Vorgeschlagen werden soll ein Verständnis der Figurenkonstellation, das von der jeweiligen Zusammensetzung des Personals bezüglich absoluter Merkmale ausgeht, bevor Relationen (zwischen Figuren und ihren Merkmalen) in den Blick genommen werden. Schließlich lassen sich bereits auf Basis absoluter Merkmale wertvolle Einsichten in die Gesamtstruktur der Figurenkonstellation und mithin in den zugrundeliegenden Gesellschaftsentwurf gewinnen. Eine Erprobung lässt sich versuchsweise auf Basis ausgewählter Figurenkonfigurationen (d.h. der jeweiligen Kombination des Personals in der Einzelszene/-episode) durchführen.

 

Um Beitragsvorschläge u.a. zu folgenden Fragestellungen wird gebeten:

  • Blickpunkt 'Alltagswelten': Inwiefern lassen 'typische' Figurenkonfigurationen, die oftmals wohl nur angedeutet werden müssen, den Eindruck von Alltagswelt (als Ausgangspunkt und Referenzrahmen für Handlung) entstehen?
  • Figurenkonstellation und Medium: Welche medienspezifischen Besonderheiten bei der Erzeugung komplexer Figurenkonstellationen (etwa die außersprachlichen Verfahren in Theater und Film) sind zu berücksichtigen?
  • Figurenkonstellation und Gattung: Welchen Einfluss haben Gattungskonventionen auf den jeweiligen Zuschnitt der Figurenkonstellation? Welche epochenspezifischen Eigenheiten lassen sich beobachten?
  • Perspektiven der Digital Humanities: Welche Möglichkeiten der systematischen Erfassung und Auswertung bietet die Netzwerkanalyse? Wie lassen sich die solchermaßen entstandenen Graphen interpretieren und in die Textanalyse einbeziehen?

Beiträge aus einem breiten Fächerspektrum sind ausdrücklich erwünscht. 

 

Einsendungen (max. 1.500 Zeichen inkl. Leerzeichen) sollten bis zum 4. April 2020 an henrike.schwab@uni-tuebingen.de gerichtet werden. Die Rückmeldung erfolgt noch im Mai.

 

Vorbehaltlich der Mittelzusage werden Reise- und Übernachtungskosten übernommen. Eine Publikation der Beiträge ist geplant.

 

Literaturverzeichnis

  • Eva von Contzen u. Stefan Tilg: Einleitung. Was ist historische Narratologie? In: Handbuch Historische Narratologie. Hg. v. dens. Berlin 2019, S. VII–  X.
  • Jens Eder: Die Figur im Film. Grundlagen der Figurenanalyse. Marburg 2008.
  • Jens Eder, Fotis Jannidis, Ralf Schneider: Introduction. In: Characters in Fictional Worlds. Understanding Imaginary Beings in Literature, Film, and Other Media. Hg. v. dens. Berlin/New York 2010 (= Revisionen. Grundbegriffe der Literaturtheorie 3), S. 3–64.
  • Fotis Jannidis: Figur und Person: Beitrag zu einer historischen Narratologie. Berlin u.a. 2004 (= Narratologia 3).
  • Dieter Kafitz: Figurenkonstellation als Mittel der Wirklichkeitserfassung. Dargestellt an Romanen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Freytag – Spielhagen – Fontane – Raabe). Kronberg/Ts. 1978.
  • Ansgar Nünning: Figurenkonstellation. In: Metzler-Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze, Personen, Grundbegriffe. Hg. v. dems. Stuttgart/Weimar 52013, S. 214.
  • Manfred Pfister: Das Drama. Theorie und Analyse. München 112001 (= Information und Synthese 3), S. 220–264.
  • Elke Platz-Waury: Figurenkonstellation. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Hg. v. Klaus Weimar u.a. Berlin 1997, Bd. 1, S. 591–593.