CFP: Literaturpop. Zur pop- und rockmusikalischen Rezeption literarischer Texte, Köln (30.03.2020)

Michael Eggers's picture

Universität zu Köln, 24.-26.2.2021

Dass sich Songtexte aus Pop‑ und Rockmusik auch als Literatur lesen lassen, ist nicht erst seit der Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan 2016 bekannt. Gerade in jüngster Zeit hat man lyrics vermehrt mit literaturwissenschaftlichem Interesse betrachtet (von Ammon/ von Petersdorff 2019; von Petersdorff 2017; Bradley 2017; LiLi H.2 (2016)). Wenig beachtet worden ist dabei allerdings ein Phänomen, das sich bei näherem Hinsehen als weit verbreitet erweist: die popmusikalische Vertonung von Literatur bzw. die Rezeption literarischer Texte in Pop‑ und Rockmusik. Die durchaus häufigen und vielgestaltigen Bezüge der Populärmusik zur Literatur sind, so ist festzustellen, bislang vernachlässigt worden ‒ dabei sind sie zu hören und nachzulesen in und mit den Medien, derer sich die Popmusik bedient (Tonträger, Albumcover, Songtitel und Texte, etc.), wo sie die Form von wörtlichen Vertonungen, von vertonten Um‑ und Nachdichtungen, Zitaten, Anspielungen, Hommagen oder Pastiches annehmen. Das Material ist reichhaltig und die sprachlichen Verarbeitungsformen der jeweiligen Textvorlagen ebenso vielfältig wie ihre musikalischen Umsetzungen. Entstanden sind weitgehend textgetreue Vertonungen (z.B. Kate Bushs „Flower of the Mountain“, dessen Text aus den letzten Zeilen von James Joyces Ulysses besteht) am einen Ende, aber auch rein instrumentale Umsetzungen am anderen Ende des Spektrums (z.B. viele der Alben von Tangerine Dream).

Die jüngere Forschung zur Popmusik argumentiert, dass diese Bedeutung auf hochkomplexe Weise herstellt, da es sich bei ihr immer um eine Kombination mehrerer Aussagesysteme handelt ‒ wobei Musik und gesungener Text nur die beiden primären Schichten sind. Weitere Faktoren können sich als relevant erweisen, wie etwa der Kleidungsstil der Interpreten oder ein Albumcover. Popsongs, die literarische Texte verarbeiten, sind deshalb nicht einfach nur deren performative und musikalische Interpretation (im Sinne einer Rezitation), sondern müssen als eine Art der Anverwandlung von Literatur erkannt werden, die das Potential hat, aus dem schriftlichen Text etwas völlig neues und anderes zu machen. Sie wären zu verstehen als polysemische Gebilde, deren Zeichen immer auf mehreren, im Einzelnen erst zu bestimmenden Ebenen entschlüsselt werden müssen (Diederichsen 2014; Tagg 2013; Petras 2010; Moore 2003; Middleton 2000). Der philologische Sachverstand muss erkennen, wie die jeweilige poetologische Gegebenheit mit ihrer musikalischen Kodifizierung kommuniziert und von dieser ggf. umgeschrieben wird. Dabei ist freilich davon auszugehen, dass der jeweils aufgegriffene literarische Text ein besonderes Gewicht in das Zusammenspiel der bedeutungstragenden Komponenten eines Popsongs einbringt: Es wird ihm verliehen durch die bewusste Auswahl der Musikerinnen und Musiker, die sich für ihn entscheiden. Wie im vergleichbaren literarischen Spiel der Intertextualität generiert sich auch hier in der Amalgamierung zweier Zeichenschichten ein neuer Sinnzusammenhang, der aber wesentlich bestimmt wird von dem heranzitierten Gegenstand.

Die Tagung legt, im Bewusstsein des enormen Facettenreichtums der Popmusik, einen deutlichen Schwerpunkt auf deren Rezeption von Literatur. Die gesamte Geschichte der Popmusik kommt in Betracht, von Jim Morrisons Ödipus-Variation The End (1967) über die Adaption mittelhochdeutscher Texte durch die Band Ougenweide bis zur Gegenwart (z.B. Julia Holters Vertonung von Euripides´ Tragödie Hippolytos oder die zahlreichen Bezüge aktueller deutscher Rockmusik zu (meist) deutschen literarischen Klassikern).

Im Zuge der Diskussionen können erste Ordnungsversuche dieses Sachgebiets angestellt werden, die sich u.a. an folgenden Fragen orientieren:

  • Wie geht die musikalische Adaption mit dem Text um? Wird dieser übernommen, verändert oder neu, anders geschrieben?
  • Wie verhält sich die Musik, wie verhalten sich alle anderen, potentiell Bedeutung generierenden Komponenten (Videoclip, Albumcover, öffentliche Performance, etc.) zum Bezugstext?
  • Gibt es historische Phasen, in denen literarische Bezüge in besonderer Dichte in die Musik eingehen?
  • Welche musikalischen Stilrichtungen zeigen sich besonders an literarischen Vorlagen interessiert und warum?
  • Gibt es von Seiten der MusikerInnen bevorzugte literarische Epochen, Genres oder AutorInnen? Was zeichnet diese aus?

Literatur:

  • 8 Lieder - Pop und Philologie. In: LiLi - Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, H. 2 (2016).
  • Ammon, Frieder von/ Petersdorff, Dirk von (Hg.): Lyrik / Lyrics. Songtexte als Gegenstand der Literaturwissenschaft. Göttingen 2019.
  • Bradley, Adam: The Poetry of Pop. New Haven/London 2017.
  • Diederichsen, Diedrich: Über Pop-Musik. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2014.
  • Middleton, Richard (Hg.): Reading Pop. Approaches to Textual Analysis in Popular Music. Oxford/New York 2000.
  • Moore, Allan F. (Hg.): Analyzing Popular Music. Cambridge 2003.
  • Petersdorff, Dirk von: In der Bar zum Krokodil. Lieder und Songs als Gedichte. Göttingen 2017.
  • Petras, Ole: Wie Popmusik bedeutet. Eine synchrone Beschreibung popmusikalischer Zeichenverwendung. Bielefeld 2011.
  • Tagg, Philip: Music's Meanings. A modern musicology for non-musos. New York 2013.

Die Tagung bietet Gelegenheit, erste exemplarische Studien des Literaturpop vorzustellen und zu diskutieren. Interessierte schicken bitte bis spätestens 30.3.2020 ein Exposé (max. 400 Wörter) an meggers@uni-koeln.de und npethes@uni-koeln.de. Eine Übernahme der Reise‑ und Übernachtungskosten wird angestrebt.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu