CFP: Reale und fiktive Inschriften in Mittelalter und Früher Neuzeit, Heidelberg (15.03.2020)

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CFP: Reale und fiktive Inschriften in Mittelalter und Früher Neuzeit

(5.–7. Oktober, Germanistisches Seminar, Universität Heidelberg)

 

Veranstalter: SFB 933 „Materiale Textkulturen“, TP C05 „Inschriftlichkeit. Reflexionen materialer Textkultur in der Literatur des 12. bis 17. Jahrhunderts“ (Prof. Dr. Ludger Lieb, Dennis Disselhoff, Laura Velte)

 

Zu den verbreitetsten Formen von Textualität in der Vormoderne gehört die Inschrift. Aus Mittelalter und Früher Neuzeit haben sich einerseits unzählige Inschriften auf Gegenständen und Gebäuden erhalten, die seit Jahrzehnten umfassend gesammelt, aufbereitet und zugänglich gemacht werden (Akademie-Projekt „Deutsche Inschriften“, z.T. ähnliche Projekte in anderen europäischen Ländern). Andererseits berichten Texte (Handschriften und Drucke) dieser Zeit ebenfalls von Inschriften. Dazu gehören insbesondere Inschriftensammlungen und Erzählungen. Von diesen referieren manche auf Artefakte, die (angeblich) tatsächlich existierten, viele sind aber auch offensichtlich fiktiv und bisweilen geradezu fantastisch, vor allem in höfischen Romanen oder Epen.

Seit über acht Jahren widmet sich das Teilprojekt C05 „Inschriftlichkeit. Reflexionen materialer Textkultur in der Literatur des 12. bis 17. Jahrhunderts“ des SFB 933 der Erforschung von erzählten fiktiven Inschriften. Dazu gehören etwa die aus Edelsteinen gefertigten Lettern auf dem Brackenseil in Wolframs ‚Titurel‘, die Grab- und Monumentinschriften in der ‚Historia Apollonii regis Tyri‘, der beschriebene Helm des Helden Roland im ‚Rolandslied‘, das sprechende Unterweltstor am Eingang zur Hölle in Dantes ‚Divina Commedia‘ oder die Gottesschrift im Sand in der Legende der Heiligen Maria von Ägypten. Über 1000 Belegstellen aus den europäischen Literaturen wurden bereits in einer Datenbank gesammelt (https://inschriftlichkeit.materiale-textkulturen.de/) und zentrale Forschungsergebnisse 2019 in einem komparatistischen Band, Writing beyond Pen and Parchment (MTK 30), vorgelegt.

Was jedoch nach wie vor fehlt, ist eine intensive Diskussion über die wechselseitigen Beziehungen, die Verbindungen und Differenzen zwischen erzählten, fiktiven, nur in Texten überlieferten Inschriften einerseits und realen, auf Artefakten überlieferten Inschriften andererseits. Eine solche Diskussion auf einer möglichst breiten Materialbasis zu führen, ist Ziel der interdisziplinären Tagung.

Erwünscht sind daher Beiträge, die aus geschichtswissenschaftlicher, archäologischer, kunsthistorischer, theologischer, sprach- oder literaturwissenschaftlicher Perspektive den Vergleich zwischen fiktiven und realen Inschriften profilieren. Eine besondere Rolle für die vergleichende Untersuchung könnten Praktiken spielen, die mit dem Ein- und Aufschreiben auf Materialien (Holz, Stein, Textil, Metall usw.), auf Gegenständen (Waffen, Schmuck, liturgisches Gerät usw.) oder auf Bauwerken (Grabmäler, Kirchen, Burgen usw.) verbunden sind, sowie die Funktionen räumlicher Anordnung von Inschriften (Topologie). Relevant dürfte auch die Frage danach sein, ob die Bedeutung von Inschriften in Abhängigkeit von diskursiven Zusammenhängen (wie mystischen, hagiographischen, höfischen, genealogischen, historiographischen, rechtlichen oder magischen Diskursen) variiert.

Willkommen sind sowohl Einzelvorträge als auch Tandemvorträge, die z. B. eine Artefaktgruppe aus historischer und literaturwissenschaftlicher Perspektive vergleichend untersuchen. Nach Möglichkeit sollten sich alle Beiträge einer der beiden folgenden Sektionen zuordnen lassen:

I. Inschriften auf Gegenständen in sakralen und säkularen Kontexten (lokomobile schrifttragende Artefakte)

Menschen verwenden Dinge, um zu handeln. Die Material Culture Studies haben die Wahrnehmung dafür geschärft, dass Dinge nicht nur benutzt werden, sondern auch selbst eine agency besitzen. Gerade schrifttragende Artefakte scheinen eine besondere Verbindung zwischen Menschen und Dingen zu erzeugen oder zu verstärken: Das betrifft sowohl Dinge, die im säkularen Kontext verwendet werden, wie Waffen mit Namensinschriften oder Schmuck mit moralischen Handlungsaufschriften, als auch Schriftzeichen auf liturgischem Gerät oder Paramenten. Im Zentrum dieser Sektion stehen eingeprägte oder eingeschriebene Schriftzeichen auf beweglichen Gegenständen, die sowohl vielfach real überliefert sind als auch immer wieder Teil poetologischer, narrativer oder außerliterarischer Beschreibung waren.

II. Räumliche Markierung durch Inschriften (lokostatische schrifttragende Artefakte)

Inschriften kommt eine raumkonstituierende Rolle zu. Auf Toren, Mauern und Türen markieren sie Raumgrenzen oder schaffen Passagen, als Bauminschriften sind sie oft Ausdruck einer kulturellen Überformung der Natur, Grabinschriften kennzeichnen die Grenze zwischen Lebenden und Toten, zwischen Diesseits und Jenseits usw. Die Beiträge dieser Sektion thematisieren also Möglichkeiten inschriftlicher Semantisierung von Räumen.

 

Die Vortragsdauer beträgt 30 Minuten. Reisespesen sowie Verpflegungs- und Übernachtungskosten der Referentinnen und Referenten werden vom SFB erstattet.

Vorschläge für Paper erbitten wir bis 15. März 2020 an laura.velte@gs.uni-heidelberg.de und d.disselhoff@gs.uni-heidelberg.de in Form einer PDF-Datei, die ein Abstract (ca. 300–500 Wörter exklusive Literaturangaben) sowie einen kurzen CV enthalten.

Mit einer Rückmeldung auf Ihren Paper-Vorschlag ist bis Ende März zu rechnen.

 

Auswahlbibliographie (siehe auch TPC05_Bibliographie)

Die Deutschen Inschriften (Reihe), siehe: Akademienprogramm und Verlag

Dingkulturen. Objekte in Literatur, Kunst und Gesellschaft der Vormoderne. Hrsg. von Anna Mühlherr, Heike Sahm, Monika Schausten und Bruno Quast. (Literatur | Theorie | Geschichte 9) Berlin/Boston 2016.

Ernst, Ulrich: Facetten mittelalterlicher Schriftkultur: Fiktion und Illustration. Wissen und Wahrnehmung. Heidelberg 2006.

Henkel, Nikolaus: Die Stellung der Inschriften des deutschen Sprachraums in der Entwicklung volkssprachiger Schriftlichkeit. In: Vom Quellenwert der Inschriften. Hrsg. von Renate Neumüllers-Klauser. Heidelberg 1992, S. 161–187.

Küsters, Urban: Marken der Gewissheit. Urkundlichkeit und Zeichenwahrnehmung in mittelalterlicher Literatur. Düsseldorf 2012.

Lieb, Ludger: Spuren materialer Textkulturen. Neun Thesen zur höfischen Textualität im Spiegel textimmanenter Inschriften. In: Höfische Textualität. Festschrift für Peter Strohschneider. Hrsg. von Beate Kellner, Ludger Lieb und Stephan Müller. Heidelberg 2015, S. 1–20.

Materiale Textkulturen. Konzepte – Materialien – Praktiken. Hrsg. von Thomas Meier, Michael R. Ott und Rebecca Sauer. (Materiale Textkulturen 1) Berlin/München/Boston 2015.

Metatexte. Erzählungen von schrifttragenden Artefakten in der alttestamentlichen und mittelalterlichen Literatur. Hrsg. von Friedrich-Emanuel Focken und Michael R. Ott. (Materiale Textkulturen 15) Berlin/Boston 2016.

Velte, Laura: Sepulkralsemiotik. Grabmal und Grabinschrift in der europäischen Literatur des Mittelalters. Diss. masch. Heidelberg 2018 [erscheint 2020].

Writing Beyond Pen and Parchment. Inscribed Objects in Medieval European Literature. Hrsg. von Ricarda Wagner, Christine Neufeld und Ludger Lieb. (Materiale Textkulturen 30) Berlin/Boston 2019.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Johannes Schmidt] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu