CFP: Stadt – Land – Mord. Regionalkrimis im Fadenkreuz des Erzählens (31.07.2020)

Wolfgang Brylla's picture

CFP (31.07.2020/31.01.2021): Sammelband: Stadt – Land – Mord. Regionalkrimis im Fadenkreuz des Erzählens. Hrsg. von Wolfgang Brylla und Maike Schmidt

Einige werden sich noch an die Fernsehserie „Stadt, Land, Mord!“ erinnern, die in der zweiten Hälfte der Nullerjahre vom deutschen Privatsender Sat.1 mit produziert wurde und von der sich die Macher einen sehenswerten Primetime-Erfolg erhofften. Dieser blieb jedoch aus: die Zuschauerzahlen ließen zu wünschen übrig. Letztendlich entschied man sich – nach nur zwei abgedrehten Staffeln – das deutsch-österreichische TV-Regiokrimi-Projekt fallen zu lassen. Auf den ersten Blick muss dieser Misserfolg verwundern, denn 2006/2007 deutete nichts darauf hin, dass eine Krimiserie, die im ländlichen Murnau spielt, weit entfernt vom urbanen Glamour, schlichtweg zum Scheitern verurteilt ist. Denn solche Kategorien wie Provinz, Region oder Heimat erlebten doch vor ungefähr fünfzehn Jahren ihr  Comeback. Von diesem Revival profitierte auch die Gattung des Regionalkriminalromans, die bis zu diesem Zeitpunkt, so der Anschein, abgesehen von ihren Anfängen, eher ein Schattendasein fristete.

Anno 2020 gibt es kaum ein anderes Genre, das bei den Lesern oder Zuschauern so populär wäre wie der Regiokrimi. Begangene Morde, Totschläge bzw. verübte Kapitalverbrechen in der (fiktionalen) Provinz scheinen trotz der scharfen Kritik, der sich der Regionalkrimi stellen musste, eine enorme Anziehungskraft zu besitzen. Die Literaturwissenschaft beginnt gerade erst, das Potential dieses Genres zu erkennen: Sowohl methodisch als auch erzähltheoretisch sind die Regionalkrimis bisher noch nicht angemessen literatur- und kulturwissenschaftlich in den Blick genommen worden.

Im Mittelpunkt unseres wissenschaftlichen Interesses steht der Regionalkrimi, der seinen Ursprung in Nordrhein-Westfalen – genauer in Köln – hat, wo in den 1980er Jahren zwei Verlagshäuser gegründet wurden, die sich auf die Veröffentlichung von Krimiliteratur mit regionalem Schwerpunkt spezialisierten. Dass der Regionalkrimi quasi über Nacht Kultstatus erreichen und der regionalbezogene Tod und Gesetzesbruch boomen wird, daran dachten die Verleger Grafit oder Emons wohl nicht. Man könnte meinen, dass der Regionalkrimi mit seinem Hang zur Regionalität und Heimatlichkeit, mit seiner ‚Parzellierungs- und Regionalisierungstendenz‘, die identitätsstiftend wirken, ein typisch deutsches Phänomen ist. Allerdings werden Regionalkrimis auch in England, Frankreich, den USA oder auch in Polen geschrieben und verkauft. Überall kann man eine verdeckte Sehnsucht einerseits nach Geschichte und andererseits nach Regionalem ausfindig machen. Die übernationale Beliebtheit des Regionalkrimis lässt sich literaturgeschichtlich begründen, denn in der Entwicklung des Krimi-Genres lässt sich bereits eine ganze Reihe von Subgenres nennen, in denen vor allem die Krimi-Orte ein konstituierendes Merkmal darstellen und die als Vorläufer für den Regionalkrimi begriffen werden können. Exemplarisch anzuführen sind beispielsweise die schweizerischen Dorfkrimis von Friedrich Glauser, die schwedischen Sozio-Krimis des Duos Sjöwall/Wahlöö, die Florenz- und Venedig-Krimis ebenso wie die Krimis von Henning Mankell, der auf dem deutschen Krimi-Markt enorme Erfolge erzielen konnte.

Zugespitzt könnte man sagen, dass jeder Kriminalroman, der über die Ladentheke geht, ein Regiokrimi ist oder zumindest bei dessen Erzählkonventionen starke Anleihen macht(e), wenn man überhaupt von einer Konvention, einem Schema sowohl in stofflicher als auch struktureller Hinsicht sprechen kann. Der traditionelle Sonntags-„Tatort“ oder „Polizeiruf 110“ lässt sich mehr oder weniger auch als Regionalkrimi bezeichnen, weil die Handlungen nicht nur in einer konkreten und bestimmten lokalen (Verbrechens-)Topographie lokalisiert sind, sondern weil sie diese Geographie zum Gegenstand der Mise-en-scène, der Figurenkonstellation, des dargestellten Mordes erheben. Zu fragen wäre deshalb nach der Wiederholbarkeit narrativer Mechanismen – in Literatur und Film – oder nach den Kriterien bzw. gattungsspezifischen und -determinierenden Eigenschaften des Regiokrimis, der sich in weitere Subzweige unterteilen lässt. Unterscheiden könnte man beispielsweise zwischen dem 1) historischen Regiokrimi, 2) Sozio-Regiokrimi, 3) psychologischen Regiokrimi, 4) Stadt-Regiokrimi etc. pp. Ob solche Typologisierungsversuche taugen und uns in der Krimi-Diskussion weiter bringen, wollen wir mit diesem Sammelband prüfen.

Ein besonderes Augenmerk soll dabei auf folgende Themenfelder gerichtet werden:

- Regiokrimi und Kulturtransfer: auf welche Art und Weise verbindet der Regiokrimi Fremdes und Eigenes;

- Regiokrimi vs. Geschichte: welchen Beitrag leistet der Regiokrimi beispielsweise zur Aufarbeitung der NS-Zeit und zu deren Legitimierung

resp. Verharmlosung;

- Multi-Kulti-Regio: wie ist beispielsweise das Phänomen des Grenzkriminalromans (Frankreich-Deutschland, Deutschland-Österreich/Schweiz, Dänemark-Schweden usw.) zu erklären;

- Regiokrimi im Spannungsfeld der Politik: wie reagiert(e) der Regiokrimi beispielsweise auf den Rechtsruck und das Wiedererstarken der ‚nationalistischen Front‘.

Die thematische Bandbreite kann hier natürlich nur stichpunkartig angedeutet werden. Darüber hinaus geht es uns auch darum, dem Regiokrimi aus erzähltechnischer, raumtheoretischer und gender-kodierter Perspektive zu Leibe zu rücken, auf inter- wie metatextuelle Bezüge, Querverweise und über die Gattungsgrenzen hinausgehende Verbindungslinien zu sprechen zu kommen, den Regiokrimi als Hybride bzw. als eine „Krimi plus“-Variante wahrzunehmen, um vor diesem Hintergrund sein ‚Wesen‘ zu ergründen. Ziel ist es, eine übergreifende Gattungsstudie zu erstellen.

Wir bitten um Themenvorschläge bis zum 31. Juli 2020. Als Rückmeldung lassen wir Ihnen die entsprechenden Hinweise zur Manuskriptgestaltung zukommen.

Die Deadline für die Einsendung der Beiträge läuft am 31. Januar 2021 ab. Ihre Beiträge und Themenvorschläge schicken Sie bitte an Wolfgang Brylla (w.brylla@ifg.uz.zgora.pl) und Maike Schmidt (mschmidt@ndl-medien.uni-kiel.de).

 

 

________________________________________________________________________________________________________________

Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Constanze Baum] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu