ANK: Workshop: Volksaufklärung oder Populismus. Adressierungen des Volks um 1800, Berlin (07.02.-08.02.2020)

Roman Widder's picture

Lektüreworkshop an der Humboldt-Universität zu Berlin (Seminargebäude am Hegelplatz, Dorotheenstraße 24, Raum 3.246.) 

Organisation: Annika Hildebrandt (Universität Siegen), Roman Widder (Humboldt-Universität zu Berlin)

Bildung und Aufklärung werden gerne als Medizin gegen den Populismus empfohlen. Historisch betrachtet bildete der Anspruch auf Popularität jedoch einen wichtigen Punkt auf der Agenda der Aufklärung selbst. Die sogenannte Volksaufklärung sah ihr Anliegen erst in dem Moment erfüllt, in dem sie ausnahmslos alle Teile der Gesellschaft erfassen würde, und bemühte sich in ihren Schriften um dementsprechend breitenwirksame Darstellungsformate. Grundsätzlich begrüßte sie ein populistisch-populäres Moment, gleichzeitig sah sie sich jedoch mit materiellen Hindernissen konfrontiert oder ging von politischen Voraussetzungen aus, die das emanzipatorische Anliegen von vornherein mit bestimmten Grenzen versah: 1. Ökonomisch handelte es sich zunächst um eine Reformbewegung, deren liberales Programm dem Anspruch auf Bildung nicht zwangsläufig zuträglich war. 2. Pädagogisch stieß der Gedanke einer Volksaufklärung ‚von oben‘ an das Paradox, dass die Erziehung zur Mündigkeit performativ eine Überlegenheit reproduzieren musste, die genau diese Mündigkeit zu unterlaufen drohte. 3. Literarisch blieb die Reproduktion der Trennung von Gelehrten- und Volkskultur bzw. von Produzenten und Publikum auch und gerade unter Marktbedingungen ein Anliegen der meisten Autoren. 4. Politisch wurde es schließlich zum fragwürdigen Konsens der repräsentativen Demokratie, dass die Partizipation aller repressive Folgen zeitigen würde und deshalb durch eine vorgängige Selektion einzuschränken wäre.

Vor dem Hintergrund der Ähnlichkeit dieser Debattenkonstellation mit den Konfliktlinien der Gegenwart stellt sich von Neuem die Frage: Wer war eigentlich das Subjekt und wer das Objekt der Aufklärung? Und wenn Populismus auf Popularisierung gründet, inwiefern lässt er sich dann mit Aufklärung bekämpfen? Der Workshop verfolgt diese Fragen am Gegenstand gemeinsamer Lektüren kanonischer wie auch abseitiger Texte aus dem Kontext der Volksaufklärung, in denen sich das komplexe, vielfach widersprüchliche Verhältnis der Aufklärung zum ‚Volk‘ besonders markant darstellt. Kontakt und Reader: widderrx@hu-berlin.de

Programm

Freitag, 7. Februar 2020

13:00 Ankunft und Kennenlernen

13:30 Begrüßung und Einführung (Annika Hildebrandt und Roman Widder)

14:00 Anonym: Fragen an Kinder. Eine Einleitung zum Unterricht in der Religion, 2. Aufl. 1776 (Alfred Messerli)

15:00 Zacharias Becker: Wie kann man den gesellschaftlichen Zeitvertreib nützlich machen, ohne daß er langweilig oder pedantisch werde? 1785 (Michael Multhammer)

16:00 Kaffeepause

16:30 Christian Gotthilf Salzmann: Ameisenbüchlein oder Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Erzieher. 1806 (Erika Thomalla)

17:30 Johann Heinrich Pestalozzi: Lienhard und Gertrud. Ein Buch für das Volk. 4 Bde., 1781–1787 (Niels Penke)

18:30 Gemeinsames Abendessen

Samstag, 8. Februar 2020

9:00 Hans Caspar Hirzel: Die Wirthschaft eines philosophischen Bauers. 1761 (Joel Lande)

10:00 Johann Werner Streithorst: David Klaus. Ein Sittenbuch für gute Leute in allen Ständen. 1796 (Annika Hildebrandt)

11:00 Kaffeepause

11:30 Johann Ludwig Ambühl: Die Brieftasche aus den Alpen. 1780 (Wolfgang Göderle)

12:30 Archivmaterialien: Subalterne Lebensläufe und Bewerbungsschreiben um 1815 (Stephan Strunz)

13:30 Abschlussdiskussion