KONF: Triebökonomien des Abenteuers, München (24.-25.01.2020)

Manuel Mühlbacher's picture

Jahrestagung der DFG-Forschungsgruppe “Philologie des Abenteuers” an der LMU München

24. u. 25. Januar 2020, Internationales Begegnungszentrum, Amalienstr. 38, 80799 München

Das Abenteuer ist eine Art Matrix für Phantasieprozesse. Wer aufbricht, um es zu suchen, der folgt nicht allein den Gesetzen der Realität, sondern er wird auch durch – unbewusste – Wunschenergien gesteuert, durch das Begehren nach Macht und Eroberung, nach Reichtum oder sexueller Befriedigung. Die Erwartung des Unerwartbaren, die Herausforderung durch das, was man nicht kennt, durch Zufall und Kontingenz, die Bewährung im Kampf mit der fremden Welt sind Teil dieser Ökonomie, die die ›Lust am Abenteuer‹ als Form des Erlebens ausmacht.

Doch ist das Abenteuer nicht nur eine Erlebnisform, sondern auch eine Form des Erzählens: ›Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen‹. Das heißt auch, dass man im Licht von bereits Erzählten und noch zu Erzählenden ›erlebt‹. Welchen Wirklichkeitsbezug hat diese Erzählform? Ging es in Abenteuergeschichten immer schon um das, was Freud »psychische Realität« nannte? Folgt ihre Verknüpfung einer Logik des Phantasmas oder des unmittelbar wunscherfüllenden Tagtraums? Auch der eigentliche Traum als Organisationsprinzip von Handlung und Lebenserfahrung mag für die Erschließung des Phänomens in Frage kommen.

Damit verbinden sich Fragen, die auf die Formbestimmungen und -wirkungen der Abenteuererzählung zielen. Wie kann eine Erzählung mit einem mehr oder weniger garantierten guten Ende spannend sein? In welcher Weise interagieren teleologische und episodische Formvorstellungen miteinander? Wie die Abenteuerlust (auf der Ebene der ›histoire‹) und die Lust am Erzählen bzw. Lesen (auf der Ebene des ›discours‹)? Spannungsmodelle wie die Prüfung oder der Aufschub einer ersehnten Erfahrung (mit ihren psychologischen Grundlagen von Angstlust und Vorlust) scheinen dabei zentral zu sein und machen möglicherweise bestimmte Typen der Abenteuergeschichte zur geeigneten (männlichen?) Adoleszenz-Lektüre. Aber auch Formelemente wie die Episode, die Serie, die Verflechtung (entrelacement), die Wiederholung oder der Cliffhanger gehören zur Formensprache der zu untersuchenden Triebdynamiken.

Fragen nach der textlichen Verfassheit solcher Erzählstrukturen stehen im Zentrum der Tagung »Triebökonomien des Abenteuers«. Sie bewegen sich um die libidinöse Verfassung bzw. Organisation des Abenteuers, um das, was man im weitesten Sinne sein narratives Begehren nennen könnte: eine Konstellation von Erleben, Erzählen und Lesen, die sich kaum je scharf voneinander trennen lassen.

 

Programm

Freitag, 24. Januar 2020

9:30–9:45 | Eröffnung und Einführung Moderation: Inka Mülder-Bach

9:45–10:45 | Thomas Anz
Liebesabenteuer – Muster und Mechanismen literarischer Emotionalisierung

10:45–11:45 | Susanne Lüdemann
„Hallräume hinter den Konsonanzen des oberschichtigen Vokabulars“. Zu Arno Schmidts und Hans Wollschlägers Theorie der (Trivial-)Literatur

Kaffee

12:15–13:15 | Nathalie Schuler
(A)symmetrien des Begehrens im antiken Roman

Mittagspause

Moderation: Michael Waltenberger

15:00–16:00 | Susanne Reichlin
Substitutionen und Verschiebungen. Ritterliche, sexuelle und ökonomische „aubentür“ in spätmittelalterlichen Kurzerzählungen.

16:00–17:00 | Bernhard Teuber
Triebökonomien des Abenteuers im altfranzösischen und altoccitanischen Ritterroman – Figuren, Erzähler, Bilder

18:00-19:30 | Abendvortrag: Claudia Ott
1001 Nacht: Der Anfang und das glückliche Ende. Lesung und Vortrag

Moderation: Wolfram Ette

 

Samstag, 25. Januar 2020

Moderation: Riccardo Nicolosi

10:00 – 11:00 | Manuel Mühlbacher
Reflexion und Spannung. Unterbrochene Handlungsfäden in Ariosts „Orlando furioso“

11:00–12:00 | Martin von Koppenfels
Was begehrt Don Quijote?

Kaffee

Moderation: Tobias Döring

12:30 – 13:30 | Katja Barthel
Affekt und Triebökonomie als narratives Sujet und erzählerisches Problem im Romanwerk August Bohses (1661-1740)

Mittagspause

15:00 – 16:00 | Wolfram Ette
Unendliche Spannung. Zu Poes „The Murders in the Rue Morgue“

Moderation: Alexander Honold

16:00 – 17:00 | Elisabeth Hutter
Venus in Samt und Seide. Herrschaft und Erotik im deutschen Kolonialroman

Kaffee

17:30 – 18:30 | Dominic Angeloch
„And down there [...] I had a feeling of release, of adventure, which seems absurd when I look back“. George Orwell in Englands und Frankreichs sozialer Unterwelt

 

Weitere Informationen: https://www.abenteuer.fak13.uni-muenchen.de/aktuelles/termine/jahrestagung/index.html

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu