CFP: Beiträge des wissenschaftlichen Nachwuchses (pre-doc / early post-doc) „Register der Kritik. Schreibweisen der Aufklärung zwischen Episteme und Gattung“, Greifswald (29.02.2020)

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CfP: Beiträge des wissenschaftlichen Nachwuchses (pre-doc / early post-doc) für die Tagung „Register der Kritik. Schreibweisen der Aufklärung zwischen Episteme und Gattung“, Greifswald, 9.-11. Juli 2020.

 

Vom 9. bis 11. Juli 2020 findet die Tagung „Register der Kritik. Schreibweisen der Aufklärung zwischen Episteme und Gattung“ am Alfried-Krupp-Wissenschaftskolleg in Greifswald statt. Sie wird veranstaltet von Prof. Dr. Klaus Birnstiel (Universität Greifswald), Prof. Dr. Elisabeth Décultot (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) und Prof. Dr. Boris Previšić (Universität Luzern/CH).  

 

„So viel ist gewiß: wer einmal Kritik gekostet hat, den ekelt auf immer alles dogmatische Gewäsche“, schreibt Immanuel Kant in den „Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können“ (1783).  Es gibt wohl wenige Begriffe, die auch heute noch derart starke Valenzen transportieren wie der Begriff der Kritik. Von der pädagogischen Forderung, junge Eleven zu ‚kritischen‘ Geistern zu erziehen, über die Rollenkonvention der – in Einfluss und Bedeutung im Niedergang sich befindenden – öffentlichen Intellektuellen, ‚kritisch‘ in den politischen Diskurs zu intervenieren, bis hin zur etwas in die Jahre gekommenen Selbstverpflichtung einer sich als sozialgeschichtlich verstehenden Literaturwissenschaft, Texte daraufhin abzuklopfen, inwiefern sie einer ‚kritischen‘ Mimesis gesellschaftlicher Verhältnisse verpflichtet seien – ohne die universale Notation der Kritik scheint die intellektuelle Buchführung der Moderne schlechterdings unmöglich.

Beginnt die theologische Neuzeit mit der philologischen und institutionellen Bibel-Kritik, so sind wir es zumindest im deutschsprachigen Kontext gewohnt, den Beginn der eigentlichen philosophischen Moderne mit Kants Kritiken zu markieren – ja, wenigstens die deutsche Philosophiegeschichte periodisiert explizit eine vor- und eine nachkritische Philosophie als historische und epistemische Wasserscheide. Doch auch in aestheticis und in literaricis rückt, wenn wir von ‚Kritik‘ sprechen, ebenso schnell das lange 18. Jahrhundert in den Blickpunkt des Interesses: geläufig ist die kultur- und literaturgeschichtliche Erzählung, wonach das 18. Jahrhundert eine zunehmende Kommodifizierung der ästhetischen und intellektuellen Güter erlebe, deren Marktwert unter anderem von den Einschätzungen öffentlich agierender Gutachter bestimmt werde – anders gesagt, und plastischer: die sich im 18. Jahrhundert bildende bürgerliche Öffentlichkeit ist zu ihrer Konstitution verwiesen auf die zunehmende Institutionalisierung der Kunst- und der Literaturkritik wie auch der philosophischen und politischen Kritik.  Die Kritik organisiert den Diskurs, in welchem der Austausch über die Bücher und die Werke stattfindet, die Kritik übt die Routinen der Distribution und Rezeption ein, sie bestimmt über die Schicksale von Positionen, Werken und Personen. Dabei erfüllt sie aber nicht nur dienende Funktionen: als Teil der theoretischen Anschauung ist Kritik jeder Produktion auch stets vorgängig; sie ermöglicht Wahrnehmung und Differenzierung, Urteil und Diskurs.

Wie an den bereits zitierten Ausführungen Kants deutlich wird, haben schon die Zeitgenossen die Rolle des Kritischen und der Kritik für ihr Jahrhundert erkannt. So spricht Gottsched 1752 von den „kritischen Zeiten“, in denen man lebe, Herder führt die Rede vom „kritischen Jahrhunderte“ im Mund, und wiederum Kant formuliert 1781 bündig: „Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muss“. Zum Ende des Jahrhunderts ist Kritik schließlich nicht nur als notwendiger Teil der Philosophie, sondern auch der Poesie verstanden worden: In seinem Aufsatz „Ueber die Unverständlichkeit“ spricht der Frühromantiker Friedrich Schlegel 1800 ebenfalls vom kritischen Zeitalter; immer wieder betont er die epistemische und poetologische Bedeutung der Kritik.   Für das 18. Jahrhundert meint ‚Kritik‘ dabei stets zweierlei: einerseits bezeichnet das in allen europäischen Verkehrssprachen anzutreffende Wort gewissermaßen die epistemische Geschäftsgrundlage des Projekts der Aufklärung; andererseits steht es für eine Fülle diskursiver Schreibpraktiken und kommunikativer Auseinandersetzungsformen, von der akademischen Disputation bis zur Buch-, Kunst-, Theater- oder Musikkritik in der entstehenden Monats-, Wochen- und Tagespresse. Überblickt man die überaus umfangreiche kultur-, philosophie- und literaturgeschichtliche Forschung zu Form und Rolle der Kritik im 18. Jahrhundert, so fällt auf, wie wenig es dieser bisher gelungen ist, den zweiseitigen Charakter der Kritik, einesteils allumfassende epistemische Grundfigur des Zeitalters zu sein und anderenteils hochspezifische Textsorten wie die Rezension, den Kommentar und andere hervorzubringen, als zusammenhängend zu profilieren. Während ein Teil der Forschung sich auf eine epistemologisch orientierte Fragerichtung konzentriert und Kritik darüber als Bestandteil der ‚kulturellen DNA‘ des Aufklärungsjahrhunderts aufzuweisen versucht, unternimmt es ein anderer Teil der Forschung, die Einzelheiten der Kritik in mediengeschichtlicher beziehungsweise zeitungswissenschaftlicher und gattungshistorischer Perspektive zu explorieren, ohne dass beide Forschungsperspektiven sich um einen adäquaten Einbezug der jeweils anderen Frage- und Darstellungsrichtung bemühen würden. Ist das Interesse an der Erforschung der Etablierung der Medien des Aufklärungszeitalters in den letzten Jahren und Jahrzehnten insgesamt erlahmt, so sind allerdings insbesondere in der deutschsprachigen Literaturwissenschaft Versuche hinzugetreten, einzelne und eher randständig erscheinende kritische Textsorten des 18. Jahrhunderts in ihrem kulturellen und epistemischen Kontext zu rekonstruieren. Der epistemologisch-wissensgeschichtlichen wie der medien- und gattungsorientierten Forschung ist jedoch gemeinsam, dass sie die Doppelnatur der Kritik, zugleich abstrakte epistemische Grundierung und konkret kritische Textsorte zu sein, zur einen oder anderen Seite hin zu vereindeutigen versuchen – und damit um ihr Wesentliches verkürzen. Die geplante Tagung schlägt demgegenüber eine andere Richtung ein: soll hier doch der Versuch unternommen werden, nach den spezifischen Registern der Kritik zu fragen – kritischen Stillagen und Schreibweisen also, die sich in philosophischen, theoretischen und wissenschaftlichen Stellungnahmen ebenso zeigen wie in poetologischen und literarischen Textsorten. Diese Fragerichtung liegt quer zur Philosophiegeschichtsschreibung und zur Systematik der literaturwissenschaftlichen und textsortenpragmatischen Gattungsforschung – und ermöglicht es damit, die Untersuchung der Rhetorik und Pragmatik kritischer Schreibweisen mit der Frage nach der Grundlagen und basalen Konfigurationen der Episteme der Kritik, die für das Aufklärungsjahrhundert rahmensetzend ist, zu verbinden. Indem sie die Schreibweisen der Kritik als versatile Register zu begreifen versucht, die in unterschiedlichsten diskursiven und disziplinären Kontexten aufgerufen werden können und sich in mannigfaltigen Diskursformationen und Textsorten niederschlagen, soll die Tagung also dem Versuch dienen, die Geschichte der Kritik im 18. Jahrhundert diesseits und jenseits der impliziten Teleologien von Episteme und Gattung zu begreifen: als diejenige eines intellektuellen wie ästhetischen Dispositivs, das sich aus einer Vielzahl ganz bestimmter Schreibweisen und Diskurspraktiken allererst konstituiert. Die Tagung verbindet damit philologische mit philosophischen, wissens- mit mediengeschichtlichen und diskursgeschichtliche mit disziplingeschichtlichen Fragen. Die Leitfrage nach den kritischen Registern in den diskursiven und publizistischen Welten des Aufklärungsjahrhunderts verleiht ihr thematisch wie methodisch einen philologischen, näherhin germanistischen Schwerpunkt.

Die Tagung orientiert sich an drei Leitfragen. Eine erst Leitfrage widmet sich erneut der Grundlagenreflexion auf die kritische Episteme des Aufklärungsjahrhunderts, verschiebt den Schwerpunkt jedoch weg vom philosophisch-literarischen Höhenkamm und hin zu den diskursiven Praktiken der Kritik. Gefragt wird dabei insbesondere danach, inwieweit sich die insbesondere in der Forschung verbreitete These, es sei die philologisch-literarische Kritik gewesen, aus der heraus sich die allgemeinen kritischen Dispositive der Aufklärung entwickelt hätten, mit jüngeren Erkenntnissen zur Literatur und zur gelehrten Kommunikation des Aufklärungszeitalters stützen und ergänzen lässt. Eine zweite, im engeren Sinne philologische Perspektive fragt sodann nach den kritischen Registern und protogenerischen Formen innerhalb der literarischen Diskussion des 18. Jahrhunderts; sie widmet sich dabei nicht nur den zu beobachtenden Entwicklungsprozessen des kritischen Registers, sondern fragt auch nach der poetologischen Dimension von Kritik: inwiefern sind kritische Schreibweisen nicht nur für die literarische Rezeption, sondern auch die poetische Produktion relevant? Ist Kritik tatsächlich ko-konstitutiv für die Literatur selbst? Die dritte Frage wendet sich kritischen Diskursen außerhalb des engeren literarisch-philologischen Bereichs zu: so erlebt das 18. Jahrhundert intensive kritische Debatten etwa im Bereich der Kunst (J.J. Winckelmann), der Musik und Musiktheorie (Werckmeister), des Theaters (Gottsched, Lessing), der Theologie (Haymann, Doederlein, Zachariae) und der Philosophie beziehungsweise der philosophischen Ästhetik (Wolff, Baumgarten, Kant). Auch in diesen Diskussionen gilt es die Spezifika der jeweiligen kritischen Register herauszuarbeiten und mithin zu zeigen, welche Schreibweisen sich in den kritischen Auseinandersetzungen entwickeln.

Eingeladen wurden renommierte Expertinnen und Experten aus den deutschsprachigen europäischen Philologien mit einem starken Schwerpunkt bei der Germanistik sowie Bezügen zur Kultur-, Philosophie- und Wissen(schaft)sgeschichte. Die Tagung wird eröffnet mit einem Keynote-Vortrag von Prof. em. Dr. Dr. h.c. mult. Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford/CA). Circa ein Viertel der zur Verfügung stehenden Präsentations- und Diskussionszeit soll Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern (Stufe Pre-Doc / frühe Post-Doc-Phase) zur Verfügung stehen. Hierfür bitten die Veranstalterin und die Veranstalter um einschlägige Exposés, die einen deutlich erkennbaren Bezug zu den aufgeworfenen Problemfeldern und Themenkreisen aufweisen sollen. Für die einzelnen Beiträge stehen jeweils 45 Minuten Präsentations- und Diskussionszeit zur Verfügung. Die Gewährung einer Reise- und Übernachtungskostenpauschale wird angestrebt.

Bitte senden Sie Ihre Exposés (max. 500 Wörter) zusammen mit einer kurzen biographischen Notiz bis zum 29. Februar 2020 an den Greifswalder Organisator der Tagung, Prof. Dr. Klaus Birnstiel (klaus.birnstiel@uni-greifswald.de). Die Beiträge werden bis zum 31. März 2020 ausgewählt.

 

Greifswald, Halle, Luzern, im Januar 2020: Klaus Birnstiel, Elisabeth Décultot, Boris Previšić

 

 

Prof. Dr. Klaus Birnstiel

Juniorprofessor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft

Universität Greifswald, Institut für Deutsche Philologie

Rubenowstraße 3

17489 Greifswald

Tel.: +49 (0)3834 420 3405

klaus.birnstiel@un-greifswald.de


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

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