CFP (KORREKTUR): Formen des Erinnerns in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zwischen Aufstörung und Stabilisierung, Gießen (31.01.2020)

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(Korrektur: Tagungstermin und -ort nachgetragen)

Formen des Erinnerns in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zwischen Aufstörung und Stabilisierung

 

(Tagung an der Justus-Liebig-Universität Gießen vom 18. bis 20. Juni 2020)

 

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Formen der Erinnerung sind im Rahmen des SFB 434 ‚Erinnerungskulturen‘ an der Justus-Liebig-Universität Gießen bis 2010 mehrfach auf Tagungen diskutiert worden. Dabei ging es auch um Literatur und Gedächtnis in den ‚geschlossenen Gesellschaften‘ des Real-Sozialismus (2006) und sodann um Aspekte einer ‚Rhetorik der Erinnerung‘ (2007). Um Formen des Erinnerns in der Literatur und die ‚Reaktionen‘ darauf in gesellschaftlichen Teilbereichen differenziert zu erfassen, hat es sich als produktiv erwiesen, in ‚Literatur als Symbolsystem’ sowie ‚Literatur als Handlungs- bzw. Sozialsystem‘ zu unterscheiden. Dies auch deshalb, weil die Frage, welchen ‚Gebrauch‘ Leserinnen und Leser von den jeweiligen Textangeboten machen und in welcher Weise mit ihnen in verschiedenen Teilsystemen ‚umgegangen‘ wird (u. a. Medien, Politik, Wissenschaft), maßgeblich von der Struktur des ‚Handlungssystems Literatur‘ mit den entsprechenden Literaturbegriffen und gesellschaftlichen ‚Vereinbarungen‘ abhängt. In diesem Zusammenhang spielen Aspekte von Kanonisierung und Dekanonisierung sowie von Aufstörung und Stabilisierung eine Rolle.

 

Grundsätzlich geht auch diese Tagung von der in der kulturwissenschaftlichen Forschung formulierten Position aus, dass Literatur erstens ein Medium ist, über das in Form von narrativen Inszenierungen individuelle und generationenspezifische Erinnerungen für das kollektive Gedächtnis bereitgestellt werden. Insofern kann die Art und Weise der narrativen Inszenierung in literarischen Texten und der ‚Umgang‘ mit ihnen etwas über die in einer Gesellschaft funktionierenden Prozesse der Gedächtnisbildung aussagen. Zum Zweiten werden in literarischen Texten individuelle, generationenspezifische wie kollektive Formen von Erinnerung gewissermaßen ‚abgebildet‘ bzw. archiviert und damit wiederum beobachtbar. Wenn dies so ist, dann besteht die Chance, mit der Untersuchung von Texten herauszufinden, welche Erinnerungen in spezifischen Gesellschaften jeweils bereitgestellt oder gegebenenfalls ausgeschlossen werden. Dies ist gerade auch im Zusammenhang mit Entwicklungen seit 1989 und dem sich seither einstellenden Memory Boom von Bedeutung, weil mit der Aufhebung der deutschen Teilung und den globalen Veränderungen ein Umbau des ‚Funktionsgedächtnisses‘ insofern stattgefunden hat, als nunmehr eine Neuaufnahme und Neubewertung von Ereignissen aus der Vergangenheit erfolgt. Es gelangten zudem auch jene Vorgänge, Themen und Spuren ins ‚lebendige Gedächtnis‘, die über einen längeren historischen Zeitraum ausgeblendet, abgewiesen, ausgemustert oder verworfen worden waren. Krieg und Holocaust – dazu gibt es inzwischen vielfältige Untersuchungen – erscheinen ebenso in einem anderen Licht wie Flucht, Vertreibung oder Bombenkrieg. Die nachwachsende Generation von Autorinnen und Autoren erinnert diese Schrecknisse mitunter anders als jene, die sie als Teilnehmer oder Augenzeugen selbst erlebt haben.

 

Mit den Ansätzen, die durch eine jüngere Generation repräsentiert werden, die über keine hinreichenden Primärerfahrungen verfügt – Marianne Hirsch spricht von Postmemory –, kann die Problematik verbunden sein, dass Stereotype, Klischees oder gar Phantombilder über literarische Texte ins kollektive Gedächtnis geraten. Hinzu kommt ein weiteres Phänomen, das in den letzten Jahren zunehmend zu Kontroversen geführt hat: eine vermeintliche „Kultur des Denunziatorischen“ (Bernhard Schlink), die sich nicht nur in der öffentlichen Verständigung zeige, sondern auch bei der Bewertung von Texten, in denen das ‚Prinzip Erinnerung‘ eine zentrale Rolle spielt. Bernhard Schlink, aber nicht nur er, nimmt eine Tendenz wahr, bei der durch Moralisieren die Vergangenheit ‚denunziert‘ und im Lichte heutiger moralischer Maßstäbe gesehen werde. Dies könne historische Persönlichkeiten betreffen, aber auch Ereignisse der Vergangenheit, die einzig Ansprüchen einer Moral der Gegenwart unterstellt würden. Ein solcher „Entlarvungs- und Demontierungsimpuls“, der zunächst auf das Vergangene ausgerichtet sei, könne sich schließlich auch auf die Bewertungen von gegenwärtigen Handlungen erstrecken.

 

Allerdings soll es auf der Tagung ausdrücklich nicht darum gehen, die in Literatur und Film nach wie vor äußerst lebhaft und kontrovers geführte Erinnerung über den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust oder Flucht und Vertreibung nach 1945 fortzuführen. Diese Fragen sind bereits wiederholt aufgearbeitet worden. Untersucht werden sollen stattdessen jene spezifischen Konfliktkonstellationen, die sich seit der Wende zum 21. Jahrhundert, insbesondere seit 2010, ergeben haben. In diesem Kontext steht die Frage, ob und in welcher Weise es zu Veränderungen des Memory-Booms gekommen ist und worauf die literarischen Inszenierungen etwa einer jüngeren Autorengeneration gerichtet sind?

 

Auf der Tagung sollen entsprechend u. a. folgende Aspekte eine Rolle spielen:

 

A) DDR, die Bundesrepublik, Wende und Nachwende, Russland, Jugoslawien usw. erinnern: In den Blick geraten einzelne Texte und Autoren, wobei die Frage besteht, welche generationsspezifischen Erfahrungen und Erinnerungen in welcher Weise in der Literatur gestaltet werden? In diesem Block geht es bevorzugt um Texte (‚fictions of memory‘), die aus der Sicht der Gegenwart die DDR, die Bundesrepublik, Wende und Nachwende erinnern. In diesen Kontext gehören auch Erfahrungen von Migration. Es geht also um Fragen nach der literarischen Inszenierung von Erinnerung und einmal mehr darum, einer ‚Rhetorik der Erinnerung‘ (vgl. Gansel 2009) auf die Spur zu kommen. Dabei ist davon auszugehen, dass es eine Vielzahl von literarischen Darstellungsweisen gibt, die in besonderer Weise dazu geeignet sind, verschiedene Modi der Erinnerung zu präsentieren.

 

B) Reflexion/Erinnerung von kriegerischen Auseinandersetzungen: Nach 1989 ist an die Stelle einer ‚binären‘ Systemopposition, wie sie für das 20. Jahrhundert noch weithin bestimmend war, eine Vielzahl neuer ‚unübersichtlicher‘ Konfliktlagen getreten, die vielfach nicht mehr nach dem alten, allzu reduktionistischen Muster des Kampfes zwischen verfeindeten Nationalstaaten sowie der Systemkonfrontation zwischen zwei feindlichen Blöcken zu interpretieren sind. Dazu gehören etwa die Herausforderung durch den – nicht nur islamistischen – Terrorismus, der Terroranschlag vom 11.9.2001 und seine Folgen, die Nachfolgekriege im zerfallenden sozialistischen Lager (u. a. Serbien, Kroatien, Georgien) sowie die militärischen Auseinandersetzungen im Nahen und Mittleren Osten oder in Afrika. Schließlich sind eine neue (Kriegs-)Technologie sowie digitale Kontroll- und Überwachungsmechanismen zu beachten, die in literarischen Texten beobachtbar werden. Starre Dichotomien – wie der Dualismus von Täter und Opfer, Beobachter und Kombattant, Militär und Zivilbevölkerung, realem und virtuellem Krieg – lösen sich in diesem Kontext zusehends auf. Unabhängig von der Struktur der Konflikte ist in Anschluss und Fortsetzung von Ergebnissen einer Tagung aus dem Jahre 2010 (vgl. Gansel/Kaulen 2011) von Folgendem auszugehen: Bei kriegerischen Auseinandersetzungen handelt es sich – ähnlich wie bei Revolutionen – um fundamentale Störungen der gesellschaftlichen Systemzustände, ja um einen sozialen ‚Ausnahmezustand‘. Dies kann zu Denormalisierungen führen, in deren Folge gesellschaftlich verbindliche Werte, Normen sowie Toleranzgrenzen eines „kollektiven Normalismus“ (Jürgen Link) außer Kraft gesetzt werden. Das Literatursystem wiederum gehört zu jenen gesellschaftlichen Teilbereichen, in denen über die entworfenen literarischen Konfigurationen bzw. Figurationen der Störung derartige Entwicklungen ‚abgebildet‘ oder/und antizipiert werden.

 

C) Zwischen Stabilisierung und Aufstörung: Während die unter A) und B) fixierten Fragestellung auf die Texte selbst, mithin auf das ‚Symbolsystem Literatur‘ ausgerichtet sind, soll der Komplex C sich von der Annahme leiten lassen, dass in Gesellschaften verschiedene Erinnerungsgemeinschaften und -kulturen existieren, die mit- und gegeneinander wirken. Es geht mithin bevorzugt um das ‚Handlungssystem Literatur‘. Konsens dürfte darüber existieren, dass das staatlich legitimierte kollektive Gedächtnis Dominanz und Hegemonie besitzt und die kollektiven Gegen-Gedächtnisse überlagert, behindert oder auch ausgrenzen kann. Zurückhaltender formuliert: Auch in ‚offenen‘ und demokratisch verfassten Gesellschaften können die Vermittlungsinstanzen (Verlage, Literaturkritik, Medien, Politik) subtile Methoden nutzen, um den „Filter von Vergessen“ (Niklas Luhmann) auf Texte wie Themen und ihre Darstellung zu legen. Es stellt sich die Frage, welche Maßstäbe bei der Auswahl und Bewertung in solchen Fällen gelten und ob und inwiefern an solchen Schnittstellen moralische Urteile zu einer „Denunziation von Geschichte(n)“ führen? Die Diskussionen um Uwe Tellkamp und Durs Grünbein, um Peter Handke und Saša Stanišić (Möbius 2018; 2019), um Günter Grass und Erwin Strittmatter (Gansel/Braun 2012) oder schließlich um eine historische Persönlichkeit wie Ernst-Moritz Arndt seien gleichermaßen exemplarisch wie verkürzend genannt.

 

Als Anknüpfungspunkte für mögliche Fragestellungen können die folgenden Impulse dienen: In welchem Verhältnis stehen die literarischen Inszenierungen zu den bislang im deutschsprachigen Raum in Literatur und Medien dominanten Praktiken literarischer Erinnerungskultur? Welche Themenbereiche werden neu erschlossen, welche etablierten Deutungsmuster, Dogmen, Tabus werden bewusst oder unbewusst überschritten und außer Kraft gesetzt? Inwiefern ist dies womöglich Folge eines literarischen Generationswechsels oder Ausdruck von Veränderungen in der jeweiligen Autorposition und den entworfenen Poetologien? Kann es sein, dass hinter den Wandlungen grundsätzliche Veränderungen im Literaturbegriff stehen? Zeichnen sich hier möglicherweise Verschiebungen im kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik und in deren offizieller Erinnerungspolitik ab? Gerät die praktizierte Form des (literarischen) Erinnerns in den Status einer Gegen-Erinnerung bzw. eines kollektiven Gegen-Gedächtnisses? Besitzt die Darstellung eine das Kollektivgedächtnis stabilisierende und legitimierende Funktion oder wirkt sie aufstörend und irritierend?

 

Die genannten Aspekte verstehen sich als Rahmen für Beitragsvorschläge. Weitere Anregungen sind ausdrücklich erwünscht.

 

Die Tagung wird veranstaltet von: Prof. Dr. Carsten Gansel (Universität Gießen) und Prof. Dr. Thomas Möbius (Universität Gießen) in Verbindung mit Prof. Dr. Maria Kulkowa (Universität Kasan/Russland) und Doz. Dr. Petra Zagar (Universtität Rijeka/Kroatien) sowie Doz. Dr. Tihomir Engler (Universität Ossiek/Kroatien).

 

Tagungstermin: 18.-20. Juni 2020 an der Justus-Liebig-Universität Gießen

 

Einreichungsfrist: 31. Januar 2020

Rückmeldung: 29. Februar 2020

 

Abstracts und CV (max. 3.000 Zeichen) für Vorträge (30 Minuten Vortrag und 15 Minuten Diskussion) bitte an folgende Anschriften:

 

Prof. Dr. Carsten Gansel

Justus-Liebig-Universität Gießen

FB 05 Sprache, Literatur, Kultur

Germanistisches Institut

Otto-Behaghel-Str. 10B

35394 Gießen

carsten.gansel@germanistik.uni-giessen.de

und

Prof. Dr. Thomas Möbius

Justus-Liebig-Universität Gießen

FB05 Sprache, Literatur, Kultur

Institut für Germanistik

Otto-Behaghel-Straße 10B

35394 Gießen

Thomas.Moebius@germanistik.uni-giessen.de


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu