CFP: Gesellschaftskritische Literatur – Texte, Autoren und Debatten: Jakob Arjouni (31.03.2020)

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»Wie besteht der Künstler in einer Welt der Bildung, der Alphabeten? […] Vielleicht am besten, indem er Kriminalromane schreibt, Kunst da tut, wo sie niemand vermutet.« - Mit diesem Aufruf beendet Friedrich Dürrenmatt im Jahre 1954 seine vielzitierte Rede Theaterprobleme. Fast 30 Jahre später veröffentlicht Jakob Arjouni seinen Debutroman Happy Birthday, Türke! und setzt genau diese Forderung des Schweizers um: Arjounis ›hardboiled detective‹-Krimi präsentiert dem Leser einen spannenden Fall im Frankfurter Bahnhofsmilieu zwischen Femmes Fatales, Betrügern, Zuhältern und Prostituierten und bietet mit Kemal Kayankaya einen in seiner Gesetzestreue ambivalenten, moralisch aber integren Ermittler. Gleichzeitig handelt es sich bei Arjounis Erstlingswerk aber auch um ein kaum verhüllt politisches Werk, das eine detaillierte Schilderung der Lebensumstände von vor allem türkischstämmigen Migrant*innen im Deutschland der 1980er Jahre formuliert. Das Frankfurter Bahnhofsmilieu wird darüberhinaus zum Abbild und Modell der gesamtdeutschen Gesellschaft: Arjouni formuliert in diesem Biotop ein tristes Bild eines Deutschlands des kalten Krieges vor der Wende, das von sadistischen Bürokraten geleitet wird, das weder Heimat noch Perspektive für ›Gastarbeiter‹ bereithält und das dem ›Fremdem‹ mindestens herablassend-skeptisch, zumeist aber offen feindlich gegenübersteht.

Nach Happy Birthday, Türke! erscheinen bei Diogenes bis zu Arjounis frühem Tod im Jahre 2013 noch vier weitere Kayankaya-Kriminalromane, die sich ebenso mit der Situation der ›Ausländer‹ in Deutschland und Themen der Multi- und Interkulturalität auseinandersetzen. Gleichzeitig üben sie System- und Gesellschaftskritik und nehmen weitere, zum Entstehenszeitpunkt jeweils virulente soziokulturelle Themen in den Blick: Mehr Bier (1987) verlagert den thematischen Fokus auf die Umweltkrisen der 1980er und den zeitgenössischen ›Ecoterrorism‹; Ein Mann, ein Mord (1991) und Kismet (2001) nehmen jeweils unterschiedliche Flüchtlingssituationen in den Blick; Bruder Kemal (2012) letztlich lässt Kayankaya im bürgerlichen Milieu seinen vermeintlichen Frieden finden, verhandelt aber u.a. über die neue Wahrnehmung und das veränderte Bild des Islams in Deutschland.

Der Fokus des geplanten Bandes soll dabei aber nicht nur auf Arjounis populären und bereits stellenweise beforschten Kriminalromanen liegen. Auch Arjounis weitere Texte sollen mit in den Blick genommen werden: Arjouni veröffentlichte mehrere Bühnenstücke, Romane, sowie eine Vielzahl von Kurzgeschichten, die einzeln und zusammen betrachtet ein großes Interpretationspotenzial bieten, bisher aber nur vereinzelt von der Literaturwissenschaft berücksichtigt worden sind. All diese Texte setzen sich zentral mit der deutschen Identität vor und nach 1989 auseinander oder erzählen von Verlierern und Betrügern, die ihre gesellschaftliche Randposition zwar oftmals freiwillig wählen, gleichzeitig aber von inneren oder äusseren Zwängen zerrieben werden. Auch die bei Arjouni omnipräsenten Künstlerfiguren werden als Betrüger vor anderen, aber auch sich selbst gezeichnet und sind nicht wirklich erfolgreicher mit ihren Projekten: sie träumen von Erfolg, zerbrechen aber an ihren Ansprüchen und lassen sich durchaus als poetologische Figurationen ihres Autors lesen. Hinter aller Ironie und allem Sprachwitz formuliert Arjouni eine Absage an die Gerechtigkeit im Deutschland der Nachkriegszeit; seine Texte offenbaren letztlich eine Ästhetik des Scheiterns an den individuellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen – oder, wie es der Protagonist von Das Innere metareflexiv formuliert: »Was ich schreibe, ist leider weder lustig noch ein Märchen.«

Es existiert bis dato vergleichsweise wenig Forschungsliteratur zu Arjounis Werk. Der geplante Sammelband soll diese Lücke nun schließen und das breite Spektrum von Arjounis Werk und seiner Rezeption abzubilden. Dem interdisziplinären Fokus des Bandes entsprechend sind nicht nur germanistische Beiträge, sondern auch Beteiligungen aus benachbarten Philologien und Fächern wie bspw. der Anglistik, den Theater-, Medien- und Kulturwissenschaften sowie der Kunstgeschichte ausdrücklich willkommen. Auch Beiträge des wissenschaftlichen Nachwuchses sind explizit erwünscht. Denkbar sind u.a. Beiträge zu

- der Einordnung von Arjounis Texten in literarische Traditionen, insbesondere dem Genre des amerikanischen hardboiled-detective-Romans, des Großstadtromans, aber auch weiteren intertextuellen Bezugspunkten und Vorbildern.
- narratologischen, räumlichen und strukturellen Kompositionsmustern einzelner Texte wie auch des Gesamtwerks.
- Aspekten der materialen Kultur (bspw. Ding- und Speisesymbolik) in Arjounis Texten.
- der Affirmation und Subversion von kulturellen Geschlechts- und Genderkonzepten sowie von Identität und Nationalität.
- der Arjounis Texte durchziehenden Künstlerthematik und den dahinterstehenden poetologischen Aussagen.
- den unterschiedlichen Phasen von Arjounis Werk sowie ihrem Verhältnis zueinander.
- den in die Texte einfließenden Diskursen und Themen, bspw. die Situation der jeweils in den Blick genommenen Migrant*innen.
- dem in den Texten formulierten Deutschland-; Amerika- oder Osteuropabild sowie (De-)Konstruktionen von ›Fremdheit‹ und ›Heimat‹.
- Reflexionen über kollektive und individuelle Schuld und Verantwortung sowie Vergangenheitsbewältigung und -verdrängung.
- den Selbstinszenierungspraktiken und ausserliterarischen Spielen mit Realität, Identität und Fiktion durch den Autor selbst.
- der literarischen und intermedialen Rezeption von Arjounis Werken, bspw. konkreten Bühneninszenierungen von Arjounis Dramen, Theateradaptionen seiner Prosastücke, sowie den diversen Hörspiel-Adaptionen seiner Kriminalromane, aber auch Doris Dörries Verfilmung von Happy Birthday, Türke! (1992), dessen durch Philipp Waechter illustrierte Fassung (2016) oder die Verfilmung von Das Innere durch Stephan Wagner unter dem Titel Am Ruder (2017).

Die Veröffentlichung des Bandes in der Reihe Gesellschaftskritische Literatur - Texte, Autoren und Debatten bei Vandenhoeck & Ruprecht, herausgegeben von Monika Wolting (Uniwersytet Wrocławski) und Paweł Piszczatowski (Uniwersytet Warszawski) ist für Mitte 2021 geplant.

Themenvorschläge in Form von Exposés im Umfang von ca. 2500 Zeichen sowie eine Kurzvita werden bis zum 31.03.2020 per Email erbeten an: Robin-M. Aust, M.A. (raust@phil.hhu.de)


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu