CFP: Anthropozäne Literatur: Genres und Poetik, Vechta (23.02.2020)

Simon Probst's picture

02. - 04.09.2020, Universtität Vechta

 

Der sich seit 2000 etablierende Anthropozän-Diskurs begreift die Menschheit als geophysikalische Kraft. Wesentliche Strukturmerkmale dieses Diskurses und seiner Narrative sind das Einnehmen einer planetarischen Perspektive auf die globale Umweltkrise, eine tiefenzeitlich konstituierte Historizität (deep past und deep future), die Annahme unauflösbarer Wechselbeziehungen von Natur und Kultur und das Mahnen an die ethische Verantwortung des Menschen für das Erdsystem (Dürbeck 2018). Die literaturwissenschaftliche Forschung hat in den letzten Jahren das Anthropozän als geologisches sowie kulturelles Konzept aufgenommen (z.B. Boes/Marshall 2014; Wilke/Johnston 2017; Schaumann/Sullivan 2017) und bereits eine ganze Reihe von ‚anthropozänen‘ Genres zu beschreiben versucht. Als solche anthropozänen Genres lassen sich Mengen von Texten bestimmen, die in wiederkehrenden Mustern literarischer Form Zusammen­hänge und Formprobleme des Anthropozän verarbeiten, wie z.B. einen ‚clash of scales‘ oder Probleme von Latenz und entanglement (Horn und Bergthaller 2019, 127).

Vor diesem Hintergrund verfolgt der Workshop mehrere Fragestellungen: Zum einen möchten wir der prinzipiellen Frage nachgehen, inwiefern es sinnvoll ist, von anthropozänen Genres zu sprechen. Die Frage nach den Entwicklungen literarischer Genres im Kontext des Anthropozän wurde von der Forschung bislang in mehrerlei Hinsicht aufgeworfen. Tom Bristow etwa hat in seinem Buch Anthropocene Lyric (2017) ausgehend von einer ‚Anthropocene emotion‘ eine Neubestimmung von literarischen Genres wie Elegie und Ode gefordert. Axel Goodbody skizziert eine „Lyrik im Anthropozän“ (2016), die sich aus der Tradition von Natur- und Umweltdichtung heraus entwickelt. In Anthropocene Fictions (2015) deklariert Adam Trexler Klimawandelromane als anthropozäne Literatur. Und Christian Hummelsund Voie (2017) beobachtet im Nature Writing der Gegenwart eine „Anthropocenic awareness“, die eine Transformation dieser Schreibtradition bewirkt. Darüber hinaus ist zu fragen, welche Rolle Genre- und Gattungsdiskussionen in den vielfältigen anthropozänen Lektürepraktiken (Menely/Taylor 2017) spielen. Wie verändert sich das Konzept des Genres und die mit ihm verbundenen Erkenntnisinteressen, wenn es in den erdsystemischen Kontext gestellt wird? Welche Kontinuitäten und Umbrüche lassen sich für Gattungstraditionen aus der Perspektive des Anthropozän nachzeichnen? Und wie lassen sich anthropozäne Genres zu ‚ökologischen Genres‘ (Zemanek 2018) in Beziehung setzen? Ursula Heise etwa hat in Nach der Natur (2010) und in Imagining Extinction (2016) die Artenelegie als quer zu traditionellen Gattungsgrenzen neu entstehendes Genre eingeführt und beschreibt Biodiversitätsdatenbanken und Rote Listen vom Aussterben bedrohter Tierarten als „ökologische Epen unserer Gegenwart” (2010, 89).

Zum zweiten soll der Workshop Raum geben zu diskutieren, wie aus Perspektive des Anthropozän Besonderheiten des literarischen Feldes der Gegenwart sichtbar gemacht werden können und welche Probleme dieser Zugang aufwirft. Wie verhält sich eine als anthropozän bestimmte Literatur zu zentralen Elementen der Gegenwartsliteratur (Postmoderne, Globalisierung)? Inwiefern birgt die planetar umfassende anthropozäne Perspektive mit ihrem potenziell universellen Geltungsanspruch die Gefahr, die Vielfalt der gegenwärtigen Literaturproduktion zu verdecken? Und: Wie ließe sich eine mögliche anthropozäne Poetik inmitten der Pluralität von Gegenwartspoetiken sinnvoll verorten?

 

Willkommen sind Beiträge:

  • zu Genres, die sich im Kontext des Anthropozän-Konzepts entwickelt haben oder darauf beziehen lassen;
  • zu gattungs- und genrespezifischen Verarbeitungen des Anthropozän;
  • zu genreübergreifenden poetischen Verfahren, die auf Formprobleme von Texten antworten;
  • zu Beziehungen des Anthropozän-Konzepts zu wichtigen Elementen der Gegenwartsliteratur und deren Erforschung;
  • zu theoretischen Diskussionen des Genre-Konzepts im erdsystemischen Kontext.

 

 

Exposés in einer Länge von 300–500 Wörtern können bis zum 23.02.2020 eingereicht werden an:

gabriele.duerbeck@uni-vechta.de und simon.probst@mail.uni-vechta.de.

Kosten für Anreise und Übernachtung der Vortragenden können übernommen werden.

 

Forschungsliteratur:

Boes, Tobias/Marshall, Kate (Hrsg.): Writing the Anthropocene, Minnesota Review 83, 2014.

Bristow, Tom. The Anthropocene Lyric: An Affective Geography of Poetry, Person, Place, Basingstoke 2015.

Dürbeck, Gabriele: „Narrative des Anthropozän – Systematisierung eines interdisziplinären Diskurses. In: Kulturwisssenschaftliche Zeitschrift 2.1 (2018), S. 1-20.

Goodbody, Axel: “Naturlyrik – Umweltlyrik – Lyrik im Anthropozän: Herausforderungen, Kontinuitäten und Unterschiede.”, in: Bayer, Anja und Seel, Daniela (Hrsg.): All dies hier, Majestät, ist deins. Lyrik im Anthropozän, Berlin und München 2016, 287–305.

Goodbody, Axel/Johns-Putra, Adeline (Hrsg.):  Cli-Fi: A Companion, Oxford 2018.

Heise, Ursula K.: Nach der Natur. Das Artensterben und die moderne Kultur, Berlin 2010.

Heise, Ursula K.: Imagining Extinction: The Cultural Meanings of Endangered Species. Chicago 2016.

Horn, Eva/Bergthaller, Hannes: Anthropozän zur Einführung, Hamburg 2019.

Menely, Tobias/Taylor, Jesse Oak (Hrsg.): Anthropocene Reading: Literary History in Geologic Times, Pennsylvania 2017.

Schaumann, Caroline/Sullivan, Heather I. (Hrsg.): German Ecocriticism in the Anthropocene, Basingstoke 2017.

Trexler, Adam: Anthropocene Fictions. The Novel in a Time of Climate Change, Charlottesville 2015.

Voie, Christian Hummelsund: Nature Writing of the Anthropocene, Sundsvall 2017.

Wilke, Sabine/Johnstone, Japhet (Hrsg.): Readings in the Anthropocene. The Environmental Humanities, German Studies and Beyond, New York und London 2017.

Zemanek, Evi (Hrsg.): Ökologische Genres. Naturästhetik – Umweltethik – Wissenspoetik, Göttingen 2018.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu