CFP: Jahrbuch Limbus, Band 14 (2021): Mord / Murder (14.02.2020)

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Ritualmord, Infantizid, Raubmord, Lustmord, Giftmord, Serienmord, Selbstmord; die Reihe der Mord-Komposita ließe sich fortsetzen. Jacob Grimm notierte vielleicht auch deshalb 1841: „[O]hne todtschlag“ wäre „kein epos denkbar“ gewesen. Ein gebildetes Zeitalter aber „verabscheue“ den Totschlag (Über die Notnunft von Frauen). Dagegen, so wird man wohl heute festhalten müssen, oder gerade deshalb wird über kaum etwas so viel und eindringlich geschrieben, wie den Mord.
Grimms Bemerkungen standen im Kontext seiner Überlegungen zum gleichursprünglichen und dunklen Zusammenhang von Poesie und Recht. Ein Zusammenhang, der verstärkt seit den 1780er Jahren zunächst besonders am Beispiel von Infantiziden den Mord und seine literarischen Verarbeitungen im Kontext strafrechtlicher und sozialpolitischer Überlegungen verortet. Und nicht erst seit Büchners Woyzeck lässt sich neben bürgerlich strafrechtlicher Rahmung parallel auch ein gesteigertes Interesse an der Täterpsychologie feststellen. Diese scheint untrennbar mit dem ‚modernen‘ Mord verbunden. 
Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert hat sich dann der Mord in der Literatur ausgebreitet wie zuvor vielleicht nur die Liebe im Minnesang. Zwar wurde auch vor dem modernen Mord als juristisch pathologischem Komplex gemordet, aber der Mord im Epos, an das Grimm erinnert, oder in der klassischen Tragödie stand dabei als Tat und Täterschaft in übergeordneten mythisch-kosmologischen oder biblischen Zusammenhängen, die sowohl die Tat als auch die Täterschaft als prädeterminierte Rollenfunktionen entfaltete. Der moderne Mord dagegen steht häufig als ‚unberechenbare’ Tat selbst im Mittelpunkt und das nicht nur zwischen Moral, Recht und Pathologisierung. Denn spätestens seit Thomas de Quinceys Satire Der Mord als schöne Kunst betrachtet (1827) wird Mord auch als ästhetisches Projekt denkbar. Und bereits in de Sades 120 Tagen von Sodom oder die Schule der Libertinage (1785) wird parallel zur sexualpathologischen Beschreibung der Mord als erzähltechnisches Element eingesetzt. Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert stehen damit die Eckpfeiler fest, zwischen denen die Literatur der Moderne dem Mord einen Ort gibt: von Cardillac in Hoffmanns Das Fräulein von Scuderi über Musils Moosbrugger zu Josef Bloch aus Handkes Die Angst des Tormanns beim Elfmeter und dem Serienmörder Grenouille aus Süskinds Das Parfum. Neben den in der deutschen Literatur kanonisch gewordenen Einzeltätern hat sich zudem eine Kriminal- und Detektivliteratur entwickelt, in der alle Facetten des Diskurses so genretypisch wie auch originell verarbeitet worden sind. Im Rahmen der zeitgenössischen Kriminalliteratur mag man hier an Andrea Maria Schenkel, Oliver Bottini, Max Annas, Friedrich Ani, Merle Kröger oder auch an Frank Schätzing denken. Hinzu kommt eine Prozessliteratur, die sich seit Theodor Lessings Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs (1925) spielerisch zwischen Dokument und Fiktion entfaltet hat.
Im 20. Jahrhundert werden neben den literarisch-diskursiven dann auch die filmischen Darstellungen zum Mord immer wichtiger: von Fritz Langs Das Testament des Dr Mabuse und M - eine Stadt sucht einen Mörder zu Wolfgang Staudtes Die Mörder sind unter uns bis zur Fernsehserie Tatort. Neben den literarisch-diskursiven Facetten wird Mord im Film zudem auch durch seine mediale Nähe stärker im Kontext einer Ökonomie der Affekte situierbar.
Eingeladen sind für diesen Band Beiträge, die Mord und MörderIn in literatur-, medien- oder kulturhistorischen Zusammenhängen analysieren und so dem weiten Feld neue Facetten oder Eckpfeiler hinzufügen können.

Beitragsvorschläge werden in deutscher oder englischer Sprache bis zum 14. Februar 2020 per Email an die Herausgeber von Limbus - Australisches Jahrbuch für germanistische Literatur- und Kulturwissenschaft / Australian Yearbook of German Literary and Cultural Studies erbeten.

Die Herausgeber/The Editors

E-Mail-Adressen:
franz-josef.deiters@monash.edu
axel.fliethmann@monash.edu
lewisa@unimelb.edu.au
cat.moir@sydney.edu.au
christiane.weller@monash.edu
 


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu