CFP: Monika Rinck und die Gegenwartslyrik (15.01.2020)

Nicolas von Passavant's picture

Tagung anlässlich der Poetikvorlesung Monika Rincks, 30.06. und 01.07.2020, Goethe-Universität Frankfurt

 

Vielfach ist in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur eine Konjunktur des Lyrischen bemerkt worden: Das Gedicht ist seit der Jahrtausendwende in seiner ganzen experimentellen Vielfalt zu einer Vorzeigeform poetologischer und theoretischer Reflexion avanciert; die Poesie ist, nach dem Motto des zurzeit wichtigsten Verlags ihrer Gattung: ‚kookbooks‘, erneut zu einer „Lebensform“ geworden. Im Sommersemester 2020 hält Monika Rinck die Frankfurter Poetikvorlesungen, und damit eine Autorin, die zusammen mit einer lyrischen Avantgarde ein neues Verständnis dessen exponiert, was Lyrik heute kennzeichnet und leisten kann.

 

Die Frankfurter Poetikvorlesung ist seit jeher sowohl Resonanzraum der konzentrierten Reflexion als auch wichtiger Faktor medialer Aufmerksamkeitsökonomie und literarischer Kanonisierung. Ihr Rahmen bietet somit eine gute Gelegenheit, das Werk einer Lyrikerin zu untersuchen, das mit virtuosem Sprachwitz und hoher poetologischer Komplexität die Autonomie und Idiosynkrasie von lyrischem Denken betont, das zugleich aber auch sehr bewusst auf die medialen, diskursiven und sozialen Produktions-, Distributions- und Rezeptionszusammenhänge der Gegenwartsliteratur reagiert.

 

Rincks Texte prägen unterschiedlichste Schwellenzustände: Verwischt werden Grenzen des Dichterischen zu theoretischen und poetologischen Überlegungen (etwa in „Ah, das Love-Ding“ (2006) und „RISIKO UND IDIOTIE“ (2015)). Poetische Texte wie die „HONIGPROTOKOLLE“ (2012) inszenieren gleitende Sprecherpositionen zwischen Machtinstanzen und deren Subversion. Bei Rinck verschwimmen die Konturen von Künsten und Medien (die Zeichnungen in „Helle Verwirrung“ (2009) oder das „Begriffsstudio“ auf ihrer Webseite). Und der jüngste Gedichtband „Alle Türen“ (2019) setzt die Poetik der Transgression in der Auseinandersetzung mit der Gattung der Operette fort. Auf der Schwelle von Poesie und Essayistik, Vers und Gedanke – und im Austausch mit Zeitgenoss*innen und Vorgänger*innen über textuelle, geografische und historische Grenzen hinweg – entwerfen Rincks Texte neue Formen lyrischer Produktion und Reflexion, poetischer Subjektivität und Autorschaft.

 

Gefragt sind Beiträge, die Rincks Poesie, ihre Essayistik und andere Formen ihres Werks im Kontext der Gegenwartslyrik und des aktuellen literarischen Feldes untersuchen. Dabei können die folgenden oder ähnliche Fragen eine Rolle spielen:

 

  • Wie werden Grenzen von Gattungen und Disziplinen unterschiedlicher Art bei Rinck und in der neuen Lyrik Werk reflektiert, überschritten oder kontrolliert?
  • Welche experimentellen Verfahren oder formalen Innovationen kennzeichnen die Lyrik Rincks und der Gegenwart?
  • Welche neuen Verhältnisse zwischen Wissen und Poesie zeigen sich in Rincks Texten und der Gegenwartslyrik? Wie stehen Überlegungen zum und Modalitäten vom lyrischen Erkenntnispotential im Verhältnis zu Einsichten aus den Feldern des New Materialism, Posthumanism oder Environmental Humanities?
  • Welche idiomatischen, idiosynkratischen oder sonst ‚eigenartigen‘ Redeweisen und Selbstpositionierungen finden in Rincks Schaffen Ausdruck? Welche Rolle spielen dabei Übersetzungsarbeiten oder Mehrsprachigkeit?
  • Auf was für literarische Traditionen und schriftstellerische Vorbilder nehmen Rincks Texte Bezug? Wie inszenieren sie diese in aktuellen Diskursen?
  • Welche politischen und subjektiven Formationen werden in der Gegenwartslyrik sprachlich dekliniert, vorbereitet, hinterfragt oder verworfen?
  • In welcher Form wird Autorschaft verhandelt? Inwieweit wird diese durch kollektive Arbeitsweisen konterkariert?
  • Wie lässt sich die Gegenwartslyrik unter Vorzeichen des Digitalen begreifen?
  • Wie werden bei Rinck institutionelle und mediale Rahmenbedingungen der Produktion, Distribution und Rezeption von Literatur verhandelt?

 

Vorschläge für 20-minütige Beiträge (mit kurzen Angaben zur Person) sollten eine A4-Seite nicht überschreiten und bis zum 15. Januar 2020 an n.taylor@em.uni-frankfurt.de und nicolas.passavant@unibas.ch geschickt werden.