CFP: Text + Kritik-Band zum Werk Thomas Hürlimanns (Hg. Alexander Honold / Nicolas von Passavant) (30.10.2019)

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Im Spätherbst 2020 wird zum 70. Geburtstag des Schriftstellers Thomas Hürlimann, ausgezeichnet u. a. mit dem Thomas-Mann- und dem Gottfried-Keller-Preis, ein Sammelband erscheinen, der sowohl sein dramatisches als auch sein erzählerisches und essayistisches Werk beleuchtet. Hürlimann, 1950 im Schweizerischen Zug geboren, gab sein Debüt 1981 mit dem Erzählungsband „Die Tessinerin“, dem ersten Band des neugegründeten Zürcher Ammann-Verlags, dem Hürlimann bis zu dessen Auflösung 2010 treu blieb. Seither wird er durch S. Fischer vertreten, wo auch seine Romane und Novellen, die oft Hürlimanns eigene Familiengeschichte erzählen, in auflagestarken Taschenbuchausgaben neu erscheinen: u.a. „Der große Kater“ (1998), für den der landesweit bekannte Politikervater Portrait gestanden hat, „Fräulein Stark“ (2001), das die eigene erwachende Pubertät bei einem Sommerjob in der Klosterbibliothek Einsiedeln beleuchtet, oder „Vierzig Rosen“ (2006), dem die Lebensgeschichte der einer jüdischen Familie entstammenden Mutter zugrunde liegt. Wie in dem 2018 erschienenen verqueren Bildungsroman „Heimkehr“ ist Hürlimanns Werk jedoch, trotz auch hier deutlichen autobiografischen Anleihen, keinem dokumentarischen Gestus verpflichtet, sondern sucht über Verfahren der Wiederholung und Verfremdung die Übertreibung, das Groteske und gerne auch politisch Pointierte.

In an die 20 Arbeiten für die Bühne arbeitete Hürlimann u.a. mit Werner Düggelin, Volker Hesse und Christoph Marthaler. Das Spektrum reicht dabei von der Einsiedler Klosterbühne („De Franzos im Ybrig“, 1991, „Das Einsiedler Welttheater“, 2000) über zahlreiche Aufführungen an klassischen Schauspielhäusern bis zu den Opern mit Musik von Daniel Fueter („Stichtag“, 1998) und John Wolf Brennan („Güdelmäntig“, 2001). Ebenfalls schrieb Hürlimann zusammen mit Markus Imhoof das Drehbuch für den Film „Der Berg“ (1992). Wie in Theateradaptionen u.a. nach Calderón und Shakespeare kennt auch Hürlimanns Essayistik keine Berührungsängste mit großen Namen und Fragen, die jedoch Anfechtungen durch das Komische und Alltägliche ausgesetzt bleiben (so in der Notizen-Sammlung „Der Sprung in den Papierkorb“, 2008, oder dem Essayband „Nietzsches Regenschirm“, 2015). Nach der vom Feuilleton geschätzten kritischen Haltung der 90er-Jahre, in denen Hürlimann die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg betrachtete, sorgt der (mit solcher Kritik bei ihm weiterhin kompatible) Konservatismus des Schriftstellers seit den frühen Nullerjahren in Teilen der Presse für Irritationen. Dass Hürlimann im noch deutlich migrantisch geprägten Kreuzberg der 80er-Jahre wohnte und dessen Milieus literarisch feierte, aber auch seine differenzierte und diskursfreudige politische Publizistik widersprechen seiner Etikettierung als Reaktionär.

Beiträge sind zu allen Gattungen und Aspekten von Hürlimanns Werk erwünscht. Mögliche Themen sind:

  • Der siebzigste Geburtstag. (Gottfried Keller bei Hürlimann; Lied der Heimat; Das Holztheater)
  • Autobiographische Signaturen und autofiktionale Verfremdungen im Motiv des Katers (als Chiffre der jüdischen Familie Katz in Fräulein Stark, als Metapher im großen Kater, als autopoetische Reflexionsfigur in Heimkehr)
  • Der große Vater. Anschreiben gegen den pater familias (Der große Kater; Vierzig Rosen; Heimkehr)
  • Jahrestage, Tagesrituale. Die Figur der Wiederholung in der Prosa Thomas Hürlimanns (Fräulein Stark, Vierzig Rosen)
  • Krankheit, Trauerarbeit (Das Gartenhaus, NZZ Essay zur Odyssee durch die Spitäler, 2019)
  • See und Seele: Landschaft und Subjektivität.
  • Lob der kulturellen Unterscheidung, Lob der Migration. Hürlimanns eigensinniger Konservatismus (Essays und Interviews)
  • Von Calderón zur Innerschweizer Klosterbühne: Das Einsiedler Welttheater  / Hürlimanns Stücke für das Volkstheater
  • Der Theatermann Hürlimann. Die Zusammenarbeit mit Christoph Marthaler
  • Medienpartnerschaften. Hürlimann als Librettist und/oder Drehbuchautor (Stichtag; Aufstand der Schwingbesen; Der Berg)

Als Entscheidungsgrundlage werden Vorschläge von ca. einer A4-Seite (plus kurze Angaben zur Person) für dann ca. 12-seitige Beiträge (max. 22.000 Zeichen) bis zum 30. Oktober 2019 erbeten an nicolas.passavant@unibas.ch. Eine Rückmeldung erfolgt dann bis 15. November 2019; die Fertigstellung der Beiträge (Abgabe der Manuskripte) muss dann bis Ende Mai 2020 erfolgen.

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

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