CFP: „kamalatta“ lesen. Christian Geissler und sein Werk als „romantisches fragment“, Berlin (31.12.2019)

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„kamalatta“ lesen

Christian Geissler und sein Werk als „romantisches fragment“

 

Veranstalter: Christian-Geissler-Gesellschaft e.V. in Zusammenarbeit mit dem Literaturforum im Brecht-Haus

Berlin, Chausseestr. 125, 5.–7. November 2020

 

Der Hamburger Schriftsteller Christian Geissler (1928–2008) erlebte als Kind den Faschismus, wurde als Flak-Helfer in den Krieg eingezogen, desertierte und begann in den 1950er Jahren die Lehren aus diesen Erfahrungen zu ziehen. Als „junger Wilder“ betrat er 1960 mit dem Roman „Anfrage“ (übersetzt in neun Sprachen) die Bühne des Literaturbetriebs, als politischer Redner engagierte er sich in der Ostermarschbewegung und gegen die Notstandsgesetze. Er war Redakteur der Werkhefte katholischer Laien und des KPD-nahen Kürbiskern, trat der KPD bei und engagierte sich seit 1973 im Komitee gegen Folter an politischen Gefangenen in der BRD mit den inhaftierten Mitgliedern der RAF. Mit seinen hoch artifiziellen und avantgardistischen Romanen wurde er zum Begleiter des politischen Widerstands, mit seinen Dokumentarfilmen zum Chronisten der sozialen Realitäten in der Bundesrepublik. Außerdem schrieb er Fernsehspiele, Hörspiele und Gedichte. Antifaschismus ist das Fundament, auf dem sein ganzes Werk baut.

 

Mit der Neuausgabe von „kamalatta“ im Herbst 2018 ist Christian Geisslers sogenannte „Trilogie des Widerstands“ – Das Brot mit der Feile“ (1973), „Wird Zeit, dass wir leben“ (1976) und „kamalatta“ (1988) – wieder vollständig erhältlich. „kamalatta“, der oft als Hauptwerk bezeichnete Roman Geisslers, steht an der Schnittstelle zwischen Restaurationserfahrung, Politisierung und Widerstand in den 1950er- bis 1970er-Jahren auf der einen und dem Scheitern der Kämpfe, erneuter Restauration, einer beinahe trotzigem Verarbeitung der Niederlage und einem Nicht-Aufgeben-Wollen seit den 1990er-Jahren auf der anderen Seite. In den Figurenkonstellationen, den politischen Themen und literarischen Motiven enthält der Roman beinahe „den ganzen Geissler“. So wollen wir uns – nach der Tagung im Herbst 2016 und dem daraus hervorgegangenen Sammelband „Der Radikale. Christian Geisslers Literatur der Grenzüberschreitung“ – im November 2020 erneut im Literaturforum im Brecht-Haus treffen und die Auseinandersetzung mit Christian Geissler fortsetzen. Die Beschäftigung mit „kamalatta“ soll dabei im Zentrum stehen, es geht uns gleichermaßen um literarische, politische und biografische Aspekte.

 

Wir bitten um Vorschläge und Bewerbungen für Vorträge bis zum 31. Dezember 2019 an info@christian-geissler.net. Wir erwarten die Bereitstellung der nach der Tagung überarbeiteten Beiträge zur Veröffentlichung in einem Tagungsband (lfb texte im Verbrecher Verlag). Die Übernahme von Reise- und Übernachtungskosten sowie der Verpflegung während der Tagung wird beantragt. Dasselbe gilt für ein bescheidenes Honorar. Wir hoffen, dass dies wieder so gut klappt wie beim letzten Mal.

 

Thematischer Rahmen

 

Die folgende Aufstellung von Themen soll lediglich dazu anregen, eigene Fragestellungen zu entwickeln, sie ist weder zwingend, abschließend oder verbindlich.

 

  1. „kamalatta“ als romantisches Fragment
    Was bedeutet die Gattungsbezeichnung des Romans und die Bezüge zu Hölderlin und zur Romantik – literarisch ebenso wie politisch? Welche Rolle spielen das Verhältnis von Dokumentation, Zitat (Literatur, RAF-Papiere), Musikalität und Rhythmus in der Sprache, Authentizität von Figuren und Fiktion, literarische Techniken wie Innerer Monolog, stream of conciousness, zentrale Bilder wie das „Gitter“ bei Christian Geissler?

     
  2. „kamalatta“ und seine Bezüge zur literarischen Moderne
    Die Bezüge Geisslers sowohl in seinem literarischen Werk als auch in politischen Reden zu Peter Weiss sind offenkundig, „kamalatta“ und die „Ästhetik des Widerstands“ werden oft in einen Zusammenhang gesehen. Aber auch andere Autoren hinterlassen Spuren im Werk ...

     
  3. Radikalität, Militanz und die Liebe zum Leben
    „Die Liebe zum Leben“, „die Mühe ums Leben“ sind Topoi, die sich durch den Roman ziehen, dazu der Hass auf alles, was dieses Leben angreift: „Liebe greift an“. Was bedeutet ein „Leben“, das die Liebe und die Mühe lohnt? Wodurch wird das Leben angegriffen und wie rechtfertigen sich Radikalität und Militanz? Wie weit gehen einzelne Figuren, was riskieren sie, was geben sie auf? Sind die Opfer (auf welcher Seite auch immer) es Wert? Wie verhandelt Geissler diese Fragen in „kamalatta“? Lassen sich produktive Bezüge zu gegenwärtigen Kämpfen herstellen

     
  4. Antifaschismus als grundlegende Konstante im Werk von Geissler
    Bedeutung des Anschlagsziels Bad Tölz als ehem. SS-Junkerschule und Nato-Quartier, biografischer Hintergrund Proffs, Traditionslinien der bewaffneten Gruppe. Geissler als politischer Reden von den 1960er Jahren bis hin zu den 2000ern …

     
  5. „Rocker“ und die Diskussionen über ein Leben mit Behinderung in „kamalatta“
    Schon in „Anfrage“ thematisiert Geissler den Umgang mit Menschen in der Psychiatrie, in Didi Danquarts Film „Der Pannwitzblick“ (1991, Text: Chr. Geissler) steht das Thema Euthanasie und gegenwärtiger Umgang mit Menschen mit Behinderung im Zentrum. In „kamalatta“ nimmt das drohende Erblinden des Kindes Rocker einen wichtigen Raum ein. Welche Rolle spielen das Thema und Geisslers Haltung im Kontext „kamalattas“ und seiner Vorstellung eines kommunistischen Kampfes?

     
  6. Die DDR und der „real existierende Sozialismus“ als Bezugspunkt im Werk von Geissler
    Die DDR als einzig sichtbare, aber auch zweifelhafte Alternative, als das „bessere Deutschland“, spielt bei Geissler stets eine Rolle. Figuren mit DDR-Herkunft oder besonderem Verhältnis zur DDR finden sich in seinen Werken von „Anfrage“ bis „ein kind essen“, es gibt Stellungnahmen und Briefwechsel (Alfred Kurella, Aufbau-Verlag), Fernseharbeiten für den DFF und Bemerkungen zur „Wende“. In „kamalatta“ reist die Gruppe einer Arbeitsloseninitiative nach Rostock …

     
  7. Figurenzeichnung und -entwicklung in der „Trilogie des Widerstands“
    Geisslers Werk lebt davon, dass einzelne Figuren von Roman zu Roman entwickelt werde, eine Geschichte bekommen, in anderen Zusammenhängen wieder auftauchen, sich aufeinander beziehen (Tradition), sich verändern. Was sagt ihre Entwicklung dabei über die jeweilige Beziehung zur politischen Situation aus?

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

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