CFP: Literarischer Antisemitismus in Zentral- und Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert, Bratislava (31.10.2019)

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Das Wissen um die Ermordung der europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg prägte seit den 1960er Jahren nicht nur die Erinnerungskultur, sondern beeinflusste allmählich auch die Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Antisemitismusforschung entwickelt sich seit ihren Anfängen als interdisziplinäres Forschungsfeld. Neben Historikern, Soziologen und Politikwissenschaftlern zählen dazu auch diejenigen Literaturwissenschaftler und -historiker, die sich mit den negativen Darstellungen (Stereotypen) von Juden und Judentum in der jeweiligen Nationalliteratur beschäftigen. Der literarische Antisemitismus wurde in den vergangen Jahrzehnten insbesondere im Rahmen der Germanistik untersucht, wobei die Schwerpunkte sowohl auf dem 19. als auch auf dem 20. Jahrhundert lagen.

Verglichen mit politischer Publizistik, Programmatik oder Propaganda zeichnet sich die Literatur dadurch aus, dass sie grundsätzlich mehrere Deutungen zulässt. Angesichts dessen fällt es nicht immer leicht zu entscheiden, ob und inwiefern ein Text antisemitische Tendenzen aufweist – ganz zu schweigen von antisemitischen Absichten des jeweiligen Autors. Die Forschung orientiert sich daher nach wie vor an einem Merkmalkatalog, den Martin Gubser für den Nachweis antisemitischer Tendenzen in literarischen Werken aufstellte: Neben stereotypisierten, negativ gezeichneten Figuren und einer sie diffamierenden Sprache handelt es sich um die Polarisierung von Juden und Nicht-Juden, verhöhnende Autorenkommentare und vor allem „eine mangelnde bzw. missverständliche Trennung zwischen dem Aufzeigen und dem Aufweisen von Antisemitismus, d. h. der Unterscheidung, ob ein Text die entsprechenden Stereotype aus- und damit bloßstellt, oder aber sie ihm selbst unterlaufen“. (Nike Thurn)

Im Einklang mit der neueren Forschung wird im Rahmen des geplanten Workshops nach Formen des literarischen Antisemitismus auch bei denjenigen SchriftstellerInnen gefragt, in deren Werk negative Stereotypisierung der Juden keineswegs zentral sind beziehungsweise alternative Deutungen zulassen. Während in Deutschland die Erforschung des literarischen Antisemitismus den literarischen Kanon (Autoren der „Pflichtlektüre“ wie Thomas Mann oder Martin Walser) nicht ausspart, ist die Situation etwa in der österreichischen Germanistik komplizierter. Hier werden antisemitische Tendenzen der „völkischen Literatur“ gleichgesetzt, die aufgrund ihres Schematismus vom literarischen Kanon  getrennt wird. Diese Differenzen werden ebenso Thema des Workshops sein wie der literarische Antisemitismus in den benachbarten Literaturen Ostmitteleuropas des 19. und 20. Jahrhunderts. Damit leistet der Workshop nicht zuletzt auch einen Beitrag zur interkulturellen Germanistik.

Themenvorschläge mit einem Abstract (1 Seite) und einem kurzen CV werden bis zum 31. Oktober 2019 erbeten. E-Mail-Adresse:miloslav.szabo@uniba.sk.

Der Workshop findet am  10. Februar 2020 an der Comenius-Universität in Bratislava statt. Reisekosten (innerhalb Europas) sowie eine bis zwei Übernachtungen können nach Absprache erstattet werden.

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

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