CFP: Geschlecht – Kritik – Gegenwartsliteratur, Innsbruck (15.12.2019)

Veronika Schuchter's picture

Geschlecht – Kritik – Gegenwartsliteratur

 

Internationale Fachtagung am 8. und 9. Oktober 2020 in der Stadtbibliothek Innsbruck

 

 

Ausrichter:

Institut für Germanistik der Universität Innsbruck, Innsbrucker Zeitungsarchiv zur deutsch- und fremdsprachigen Literatur

 

OrganisatorInnen:

Peter C. Pohl und Veronika Schuchter

 

 

Die Bedeutung der Kategorie Geschlecht für unterschiedliche literaturkritische Diskurse wurde bisher nur mit einem sehr eingeschränkten Fokus untersucht. Die ältere Forschung konzentrierte sich zumeist auf die feministische Literaturkritik. Sie setzte sich zwar mit Kanonisierungsprozessen auseinander, die die männliche Hegemonie festigten, dabei wurde aber die autor- und werkspezifische Seite des Spektrums stark, die andere Seite dieses Herrschaftsdiskurses, die der KritikerInnen, hingegen kaum beleuchtet. In einschlägigen Publikationen zum Thema Geschichte der Literaturkritik wird deren Entwicklung zwar minuziös nachgezeichnet, die männliche Vormachtstellung aber größtenteils stillschweigend hingenommen – und damit fortgeschrieben. Erst in den letzten Jahren wurde begonnen, eine quantitative Erhebung des Ist-Zustandes von Geschlechterverhältnissen in der Literaturkritik durchzuführen. Die Zahlen sprechen dabei eine eindeutige Sprache, insofern sie eine Asymmetrie zwischen den Geschlechtern wiedergeben – es gibt mehr männliche Kritiker –, die sich auch auf der Ebene der Positionen und Statusverhältnisse fortsetzt.

 

Eine Analyse des Verhältnisses von Geschlecht und Kritik ist demnach ein Desiderat der Literaturkritikforschung. Die projektierte Tagung will mit dem Fokus auf die Gegenwartsliteratur und -kritik beginnen dieses Desiderat zu beheben. Für den Gegenstand spricht die sich in den letzten Jahrzehnten vollziehende immense Vervielfältigung von Formen der Literaturkritik und der damit verbundene (scheinbare?) Abbau von Hierarchien sowie die Zunahme von Vernetzungsmöglichkeiten. So gibt es Literaturkritik nicht mehr nur in hochselektiven Formaten wie dem Feuilleton überregionaler Zeitungen oder dem Fernsehen, sondern auch in Blogs, auf Youtube und Rezensionsplattformen, wo die Zugangsschranken sich leichter öffnen bzw. anderen Kriterien unterliegen. Es gibt zudem feministische Kritikforen, AutorInnen-Homepages, blogs und hashtags, auf bzw. mit denen Literaturkritik und Kritik an der Literaturkritik (z.B. durch Parodien und Pastiches) geübt wird.

 

Diese mediale Diversifizierung und die neuen performativen Möglichkeiten führen zur Transformation bekannter und zur Realisierung neuer Optionen auch auf Text- und Autorschaftsebene. Gerade Autofiktion und Autorfiktion bedienen sich, teils in Reaktion auf die Literaturkritik im Speziellen oder das literarische Feld im Allgemeinen, der Geschlechterdifferenz und schaffen im Que(e)ren der Zuschreibungen Effekte, die sich feministischen und postmodern-konstruktivistischen Anliegen subsumieren lassen. Ein Beispiel sind die weiblichen oder männlichen Pseudonyme, die aus unterschiedlichen Gründen eingesetzt worden sind. Es seien an dieser Stelle nur die unter den Pseudonymen Luciana Glaser, Elena Ferrante und Aléa Torik publizierten Erzählungen und Romane und die Diskussionen erinnert, die sich diesbezüglich entwickelt haben. An ihnen lassen sich Wertungsfragen (Glaser als gefühlige Autorin eines neuen Lenz), die Kollision von feministischen Ansprüchen und marketingstrategischen Vermutungen (Ferrante) und nicht zuletzt feministische vs. klassistische Debatten (Juli Zehs Kritik an Claus Heck, Hecks Entgegnungen) ablesen. Auch das jüngere weibliche Pseudonym Nelia Fehn, das Marlene Streeruwitz gewählt hat, dient u.a. dazu, die geschlechtliche Differenzen (re-)produzierende Funktion der Literaturkritik im -betrieb zu veranschaulichen.  

 

Die Theorien, die man zur Analyse dieser Konstellationen einsetzen kann, sind vielfältig: Sie reichen von feministischen Klassikern (Simone de Beauvoir) über die Dekonstruktion und die Performativitätstheorie (Jacques Derrida, Judith Butler) sowie literatursoziologischen Zugängen (Pierre Bourdieu) bis hin zu Theorien der Autorfiktion und Autofiktion. Denn die Vermutung, der Text stamme (oder eben nicht) von einer Autorin oder einem Autor oder von jemanden, der sich als solcher ausgibt, wird in Kritiken oft ausgesprochen oder geht implizit in die Wertungen ein. Im Bereich der Autofiktion sei nur auf autobiographisch inspirierte Romanzyklen hingewiesen (Annie Ernaux, Ferrante, Peter Kurzeck, Andreas Maier, Gerhard Henschel, Jürgen Meyerhoff), bei denen auffällt, dass die von Frauen stammenden Texte stets auf ihre feministische Relevanz hin gelesen werden, nicht aber die deutschsprachigen Romane auf ihre Konstruktionen von Männlichkeiten. Dieser Aspekt öffnet weitere Untersuchungsfelder: den Vergleich zwischen nationalen Kritik-Kulturen, den Fokus auf literarisch-fiktionale und hegemoniale Männlichkeiten. Überdies kann die Kritik selbst als performativer, vergeschlechtlichender Akt betrachtet werden. So galt das Feuilleton und auch die Literaturkritik lange Zeit als ‚weibisch‘, was männliche Kritiker mitunter noch heute dazu inspiriert, die eigene Virilität hervorzukehren, jüngst etwa in der NZZ, in der Roman Bucheli sich darüber beschwert, dass Kritiker „nicht die hartgesottenen Kerle“, sondern „Weicheier“ seien. Diese Virilitätsemphase in der Kritik kann freilich auch von Schriftstellern genutzt werden, um anderen Schriftstellern und ihren Texten die Männlichkeit abzusprechen, die für gute Literatur notwendig sei (Maxim Biller, Feridun Zaimoglu).

 

Aus diesen wenigen und freilich kontingenten Beobachtungen ergeben sich bereits vielfältige Ebenen, Beispiele und Ansätze (Theorien, Methoden, Kategorien) für die Tagung Geschlecht – Kritik – Gegenwartsliteratur. Die untenstehende Aufzählung beansprucht daher keine Repräsentativität; sie ist als Orientierung und Anregung für interessierte BeiträgerInnen zu verstehen, die es zu differenzieren und zu ergänzen gilt. Vorschläge werden in Form eines maximal einseitigen Abstracts bis zum 15. Dezember 2019 gemeinsam mit einer Kurzvita erbeten, per Mail an: Peter.Pohl@uibk.ac.at und Veronika.Schuchter@uibk.ac.at. Die Vorträge sollten nicht länger als 30 Minuten dauern. Die OrganisatorInnen bemühen sich um Förderungen für die Reise- und Aufenthaltskosten; überdies ist die Publikation der Beiträge vorgesehen.

 

 

 

Untersuchungsebenen:

Literaturkritik in diversen Medien und medialen Formaten

Literaturkritik als Text

Literaturkritik im Text

Literaturkritiker/innen im Text

Literaturkritik als Praxis

 

Medien und mediale Formate von Literaturkritik

Literaturkritik im Fernsehen (Literarisches Quartett, Literaturclub, Lesen!, Druckfrisch, Lesenswert)

Literaturkritik im Feuilleton

Literaturkritik im Radio

Literaturkritik im Internet:

Plattformen: https://www.virginia-frauenbuchkritik.de

Hashtags: #dichterdran

Facebook-Seiten und Webpages

 

Literaturkritik als gegenderter Text

Ruth Klüger Frauen lesen anders

#dichterdran 

https://www.virginia-frauenbuchkritik.de

https://weiberdiwan.at

Kritik an der weiblichen Pseudoautorschaft (Juli Zeh)

Löffler-Reich-Ranicki-Kontroverse

 

Literaturkritik(er/innen) im Text

Nelia Fehn (Marlene Streeruwitz)

Elena Ferrante (Die Geschichte der getrennten Wege)

Wolf Haas (Das Wetter vor 15 Jahren)

Gerhard Henschels Schlosser-Saga

Tobias Schwarz (Der Theaterkritiker)

Martin Walser (Tod eines Kritikers)

 

Autorschaft und deren Wahrnehmung in der Kritik

Weibliche Autorschaft – ‚Fräuleinwunder’ (Alex Hennig von Lange u.a.)

Popliteratur als un/männliche Literatur

Autorfiktion

Autofiktion

Pseudonyme – Pseudoandronyme, Pseudogynonyme -, Heteronyme (Aléa Torik, Nelia Fehn alias Marlene Streeruwitz, Luciana Glaser alias Stefanie Holzer und Walter Klier, Elena Ferrante)

‚weibliches Schreiben’ / ‚männliches Schreiben’

Feministische Autoren (Thomas Meinecke)

 

Theorien, Methoden und Konzepte

Feministische Differenztheorien (Simone de Beauvoir)

Kritiken zählen, auswerten (http://www.frauenzählen.de https://www.uibk.ac.at/iza/literaturkritik-in-zahlen)

Performative Konstruktion von Geschlecht z.B. durch‚weibliches Werten’/ ‚männliches Werten’ einer ‚weiblichen’ oder ‚männlichen’ Literatur, Resignifizierung (Judith Butler)

Dekonstruktion (Jacques Derrida)

Symbolisches Kapital, Disposition, Konsekration/Häresie/Literarisches Feld (Pierre Bourdieu)

Institution Literatur/Literaturbetrieb

Écriture féminine, Parler femme (Luce Irigaray, Hélène Cixous)

Macht, Diskurs (Michel Foucault)

Hegemoniale Männlichkeiten (Raewyn Connell)

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu