KONF: Der Geist der Universität, Bielefeld (09.10. – 10.10.2019)

Elisa Ronzheimer's picture

Der Geist der Universität 

 

Internationale Tagung, 9.-10. Oktober 2019

Universität Bielefeld, Senatssaal C2-136

Konzeption und Organisation: Mona Körte (Bielefeld), Elisa Ronzheimer (Bielefeld)

 

2019 feiert die Reform-Universität Bielefeld ihr 50-jähriges Bestehen. Das Jubiläum soll zum Anlass genommen werden für eine kritische Befragung von theoretischen Entwürfen der Institution Universität. Was bleibt vom Geist der Reform, deren Vision des interfakultativen Austauschs sich in Bielefeld in der Architektur des Nachkriegsbaus niederschlug? Ist der sogenannte ‚Bologna-Prozess’ womöglich nichts anderes als eine Iteration desselben Reform-Geistes? Anders gefragt: Ist es ein Geist, der der Institution ihre Prägung gibt oder sind es nicht vielmehr viele Geister, die dort umgehen, sie bewohnen oder heimsuchen, indem sie sie an das Unabgegoltene ihrer Statuten, Präambeln und Motti erinnern? Handelt es sich um eine Institution des Geistes oder der Geister? Muss man dies überhaupt entscheiden oder lebt die Universität nicht vielmehr gerade durch die Koexistenz solcher Seinsweisen? Beschwören wir Gespenster oder rufen wir den Geist wach, wenn wir von der „Freiheit“ und „Einsamkeit“, der „Einheit von Forschung und Lehre“ oder von der „unbedingten Universität“ sprechen?

 

Fragen wie diese sind keineswegs rhetorische, erhalten sie ihren Wert für die Gegenwart doch gerade im Zuge der einschneidenden Umstrukturierungen durch Modularisierung, Exzellenz und Rankings. Der Geist muss sich nämlich durch diesen radikalen Umbau der deutschen Universitätslandschaft und ihrer Bildungsidee nun nicht nur anders einrichten, sondern sich zum vollzogenen Umbruch als Abschied von einer Form der Institution verhalten. Diese Zäsuren überlagern sich Zustände, Ordnungen und Orientierungen, die dazu angetan sind, den im Wort „Geist“ steckenden Doppelsinn zu aktivieren: Seine zweifache Semantik deckt nicht nur Kreativität und Esprit, Denkfähigkeit und Intellekt, sondern bekanntermaßen auch Gespenst, Spuk, Phantom und Erscheinung ab.

 

Im Zuge der Tagung sollen Gründungsentwürfe von Universität und ihre gespenstische Wiederkehr beleuchtet werden. Eine Perspektive dafür bietet die Position des Fachs Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft zum Ganzen der Universität. Zur Debatte steht, was die AVL zur Diskussion um die Universität beitragen kann. Zu bedenken wäre dabei etwa, wie sich ein Kernproblem der AVL, die Vermittlung zwischen Nationalphilologien und anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen, zu der vielbeschworenen Interdisziplinarität als einem Schlagwort des zeitgenössischen Universitätswesens verhält. Zu fragen wäre weiterhin, ob die AVL gerade für eine Reflexion der Unübersetzbarkeit verschiedener historischer und internationaler Universitäts-Konzepte in besonderem Maße geeignet ist. Barbara Cassins auf Abweichung und Bedeutungsüberschuss beruhendes philosophisches Dictionary of Untranslatables erlaubt es schließlich, die Universität, so geläufig und eindeutig sie uns als Bildungseinrichtung erscheinen mag, zu den „Untranslatables“ zu rechnen. Unübersetzbar, weil fortwährend in der Übersetzung, ist mit Samuel Weber zudem – über alle nationalen, geographischen und kulturellen Unterschiede hinweg – die innere Einheit der Universität in Frage zu stellen, für die ihr Singular, die Universität, bürgt. Sichtbar wird diese Unübersetzbarkeit freilich nur im Vergleich der Sprachen und Kulturen als einem Kerngeschäft der AVL. Die disziplinäre Selbstreflexion soll daher als Angelpunkt für die Frage nach dem „Geist der Universität“ heute dienen.

 

Programm

 

9.10.2019

 

9:00 – 9:30 

Einführung; Grußwort der Dekanin Petra Wagner

 

9:30 – 11:30

Hendrik Birus (Jacobs University Bremen): Chancen der Krise? Zur Aktualität der Berliner Hochschulreform-Diskussion vor zwei Jahrhunderten

 

Angus Nicholls (Queen Mary University London): Interdisciplinarity Before the Disciplines: Biology, Philology and Anthropology in the Early History of Comparative Literature

 

12:00 – 13:00

Cornelia Ortlieb (FU Berlin): Präsenz, Dialog und die„Selbsttätigkeit des Geistes". Johann Gottlieb Fichtes Erfindung der sokratischen Akademie

 

14:30 – 16:30

Johanna-Charlotte Horst (LMU München): Orientierungskurs. Kant und Derrida zum Grund der Universität

 

Hans-Christian Riechers (Universität Freiburg): Institutionelle Phantasie. Michael Landmanns Ideen zur "literaturwissenschaftlichen Systematik" und Peter Szondis Seminar für Literaturwissenschaft

 

10.10.2019

 

9:00 – 11:00

Regina Karl (Rutgers University): Trigger Warnings. Zur Unübersetzbarkeit pädagogischen Handelns

 

Michael Huber (Universität Bielefeld): Parasiten universitärer Entscheidungen. Wie man Professor Hackmanns Affäre in „Der Campus“ von Dietrich Schwanitz lesen kann

 

11:30 – 13:30

Helga Schwalm (Humboldt Universität zu Berlin): Die Wiederkehr der Kritik: Bildungsmisere und Literaturwissenschaft in der englischen Campus Novel

 

Heide Volkening (Universität Greifswald): Geld, Geist und Geschlecht

 


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu