CFP: Das U-Boot – eine motivgeschichtliche Leerstelle (15.12.2019)

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Die Genese der Moderne ist unmittelbar an die rasante Entwicklung auf den Feldern der Mobilität und des Reisens gekoppelt. Die Eisenbahn sowie das Passagierschiff erweisen sich als das Signé einer Umbruchsepoche, die sich die Überwindung von Zeit und Raum auf die Fahne geschrieben hat. Während zu den beiden erwähnten Fortbewegungsmittel bereits ein reicher Fundus an kulturgeschichtlicher Forschung vorliegt, stellt eine einschlägige und intensive Aufarbeitung des Unterseeboots (U-Boot) noch immer ein Desiderat dar. Im Gegensatz zur Lokomotive oder zum Kreuzfahrtschiff, das unter negativen Vorzeichen allen voran im Untergang der Titanic Beachtung in Literatur, Film und Geisteswissenschaften fand, vereinen sich in ihm der Fortschritt auf dem Sektor der Seefahrt mit jenem der Militärtechnik. Daraus erklärt sich, warum das U-Boot seinen Platz vor allem im Militär- und Spionagefilm gefunden hat. Unterseeboote sind eng an die deutsche Geschichte gebunden. Bedeutung erhält es in dabei vornehmlich in filmischen Auseinandersetzungen mit dem Zweiten Weltkrieg sowie dem bis 1990 schwelenden Ost-West-Konflikt. Dass U-Boot-Filme nicht ausschließlich seriösen Themen verhaftet sind, beweist Wes Andersons Komödie „Die Tiefseetaucher“ (2004), die das Genre bewusst karikiert.

Literarische und filmische Werke mit dem Sujet des U-Boots haben zumeist eine politische Aussage inne. Es geht häufig um Kriegsführung, Intrigen und die Darstellung einer umstrittenen Vergangenheit. ‚Graue Wölfe‘ – so wurden die 57 im Zweiten Weltkrieg durch Rudeltaktik eingesetzten U-Boote bezeichnet. Der Begriff des U-Boots selbst weist eine Ambiguität aus: Meist ist das typische Unterseeboot gemeint, ein U-Boot kann jedoch auch ein Agent/einen Maulwurf bezeichnen. An das Motiv des U-Boots ist zudem eine gewisse Stimmung geknüpft. Ein klaustrophobisches Setting, Beklemmung und Dunkelheit gehen mit vielen Werken einher.

Mit der Fokussierung auf U-Boot-Filmen werden literarische Werke mit dem Motiv des Unterwasserboots meist ausgeklammert. Doch das Vorkommen des Unterseeboots reicht über Kriegs- und Actionfilmen hinaus. Man denke ferner an kanonische Texte der Sci-Fi-, Fantasy- und Abenteuer-Literatur wie Jules Vernes Roman „20.000 Meilen unter dem Meer“ (1954) oder die Lyrik – entdeckt man doch beispielsweise in Karl Kraus‘ Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ (1918) ein auf Goethes Poem „Ein Gleiches“ verweisendes U-Boot-Gedicht. In Egon Erwin Kischs Reportagensammlung „Der rasende Reporter“ (1925) verbirgt sich auch ein Text zum U-Boot mit dem Titel „Fahrt unter Wasser“. Darüber hinaus entstehen seit den Achtzigern Computerspiele, die sich mit U-Boot-Umsetzungen aus dem Zweiten Weltkrieg befassen, wie „Silent Service“ oder die „Silent-Hunter“-Reihe (zuletzt 2010 erschienen). Dass das U-Boot heutzutage nach wie vor mit der deutschen Geschichte und dem Zweiten Weltkrieg assoziiert wird, beweist mitunter die Serie „Das Boot“ (2018-), deren zweite Staffel dieses Jahr erscheint.

Zu diskutieren sind in einem transdisziplinär angelegten Band die vielfältigen ästhetischen Funktionen und Semantisierungen des U-Boot-Motivs, womit folgende Teilfragen einhergehen könnten:

- Welche Rolle spielen Heimat und Fremde im Zwischenraum des U-Boots?

- Welche politischen Implikationen verbinden sich mit seiner künstlerischen Verarbeitung?

- Gibt es spezifisch dramaturgische Elemente, die sich an das U-Boot knüpfen?

- Welche Konstanten und Brechungen lassen sich in der kulturgeschichtlichen Inszenierung des Motivs identifizieren?

- Welche Genres sind mit dem U-Boot-Motiv verbunden?

- Durch welche stilistischen Mittel wird die typische Stimmung in U-Boot-Werken aufgebaut?

Mögliche Werke wären neben anderen:

Literatur:

Jules Verne: 20.000 Meilen unter dem Meer

Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit

Kisch: Der rasende Reporter

Buchheim: Das Boot

Frank: Die Wölfe und der Admiral

Rudyard Kipling: Submarines (Gedicht)

Grass: Was gesagt werden muss

 

Film:

20.000 Meilen unter dem Meer (1954)

Duell im Atlantik (1957)

Unternehmen Petticoat (1959)

Das Boot (1981)

Abyss – Abgrund des Todes (1989)

Jagd auf Roter Oktober (1990)

Die Tiefseetaucher (2004)

 

Serie:

Das Boot

Last Resort

 

Computerspiel:

Silent Service

Aces of the Deep

Silent-Hunter

Danger from the Deep

Red Storm Rising

688 Attack Sub

Sub Command

Dangerous Waters

 

Wir bitten um die Einreichung von Vorschlägen für einen in 2020 geplanten Sammelband bis zum 15.12.2019 an folgende Mail-Adressen: hayer@uni-landau.de und aadam@uni-landau.de.

 


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

Categories: CFP
Keywords: Motivgeschichte