CFP: Thomas Mann produktiv rezipiert. Zum Fortleben von Autor und Werk, Koblenz (15.11.2019)

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 CfP zur Tagung: Thomas Mann produktiv rezipiert. Zum Fortleben von Autor und Werk, Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz, 25. bis 27. Juni 2020 

 

Sowohl Thomas Manns Texte als auch sein Leben sind vielfach Gegenstand literarischer und medialer Verarbeitungen geworden: So tritt in Hans Pleschinskis Königsallee (2013) die Autorfigur Thomas Mann als liebender alter Mann auf, Paweł Huelle erzählt in Castorp (2005) eine mögliche Vorgeschichte Hans Castorps zum Zauberberg und in Christian Krachts Imperium (2012) sind neben biographischen und motivischen auch stilistische Anspielungen zu finden, wenn Thomas Mann nicht nur als junger Simplicissimus-Redakteur auftritt, sondern auch sein Schreibstil imitiert und parodiert wird. Der Choreograf John Neumeier brachte 2003 Aschenbach am Hamburger Ballett das Tanzen bei und Karin Henkel und Viola Hasselberg inszenierten 2019 Die große Gereiztheit am Zürcher Schauspielhaus. Thomas Mann und seine Texte, Figuren und Motive leben in Literatur, Theater und sogar im Ballett fort. Bereits zu Lebzeiten des Autors und während der Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit greifen die Künste auf das Repertoire Thomas Manns zurück, so z.B. in Annemarie Schwarzenbachs Flucht nach oben (geschrieben 1933) und in Ingeborg Bachmanns Roman Malina (1971), in dem mit dem ‚Widerspruch‘ von Kunst und Leben sowie in der Todesarten-Ouvertüre Motive und Themen aus Doktor Faustusverarbeitet werden. Es entsteht der Eindruck, dass kein anderer deutschsprachiger Autor des 20. Jahrhunderts so produktiv in unterschiedlichen Medien rezipiert wurde wie Thomas Mann. 

Womit aber hängt diese Aufmerksamkeit zusammen? Stellen der Autor Thomas Mann und seine literarischen Texte besonders geeignete Referenzpunkte dar, um kritische Zeitdiagnosen zu formulieren, so z.B. während der Nürnberger Prozesse, in denen der britische Chefankläger aus Lotte in Weimar zitierte? Oder eignen sich Autor und Werk, um scheinbare Kontinuitäten aufzuzeigen, so Bernhard Pörksen 2018 in seiner Analyse der ,kollektiven Erregung‘ im digitalen Zeitalter.1 Auf welche Elemente der Welt Thomas Manns wird Bezug genommen? Welche Funktionen übernehmen die verwendeten Elemente und welche Bedeutungen werden dabei auch für Manns Texte generiert? 
Unter dem Begriff der produktiven Rezeption, mit dem Bezüge gemeint sind, die über das bloße Zitieren oder Anspielen hinausgehen,2 widmet sich die Tagung solchen kulturellen Artefakten, die Thomas Manns Leben und Werk bedeutungskonstituierend für etwas Neues nutzen und seine Texte in einen innovativen Kontext stellen. Neben transmedialen Verarbeitungen von Thomas Manns Texten und seinem Leben, seien sie filmischer, serieller, musikalischer, comichafter oder grafischer Natur, sollen vor allem transtextuelle Beziehungen in den Blick genommen werden. Von Interesse ist außerdem die Frage, ob bei der produktiven Rezeption der Texte Thomas Manns dessen eigene produktive Rezeption fremder Texte reflektiert wird und wenn ja, in welcher Form dies geschieht. Da Manns Texte, wie bei kaum einem anderen deutschsprachigen Autor des frühen 20. Jahrhunderts, jeweils zügig in mehrere Sprachen übersetzt und somit bereits früh auch im Ausland (produktiv) rezipiert wurden, können neben deutschsprachigen auch fremdsprachige Artefakte in den Blick genommen werden. Welche unterschiedlichen Formen sind in verschiedenen Kulturräumen und Zeiten entstanden? Welche Rolle spielen der kulturelle, politische oder ökonomische Kontext im Prozess der produktiven Rezeption? 

 

Neben den hier bereits skizzierten Fragestellungen sind u.a. auch Beiträge denkbar, die sich mit folgenden Fragestellungen beschäftigen: Wie lassen sich produktive von ‚unproduktiven‘ Rezeptionen unterscheiden? Welche Rolle spielen die literarische Wertung und andere kanonbildende Praktiken? Wie wird Thomas Mann nicht nur auf der Ebene der histoire, sondern auch auf der Ebene des discours produktiv rezipiert?

 

Die Tagung ist interdisziplinär ausgerichtet und adressiert Wissenschaftler_innen aus der Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaft, Filmwissenschaft, Kunstgeschichte, Theaterwissenschaft u. a. Sie findet vom 25. bis 27. Juni 2020 an der Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz, statt. Es handelt sich um eine Kooperation zwischen dem Jungen Forum Thomas Mann der deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft und dem Institut für Germanistik der Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz.

Wir bitten um Abstracts inkl. Vortragstitel von max. 500 Wörtern für einen 30-minütigen Vortrag mit kurzen bio-bibliographischen Angaben bis zum 15. November 2019 als pdf-Datei an die Organisator_innen Anke Jaspers, Nicole Mattern und Sebastian Zilles: anke.jaspers@uni-graz.atnicolemattern@uni-koblenz.desebastian.zilles@uni-bamberg.de

Eine Publikation der Tagungsbeiträge in Form eines Sammelbands ist angedacht. Die Übernahme der Reise- und Übernachtungskosten wird angestrebt. Bei weiteren Fragen wenden Sie sich gerne an die Organisator_innen.


1 Vgl. Bernhard Pörksen: Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung. München: Hanser 2018.

2 Vgl. Stefan Neuhaus: Sechsunddreißig Könige für einen Regenschirm“. Heinrich Heines produktive Rezeption britischer Literatur. In: Norbert Bachleitner (Hg.): Beiträge zur Rezeption der britischen und irischen Literatur des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum. Amsterdam u. Atlanta: Rodopi 2000, S. 409-442, hier S. 411.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu