CFP: Internationales Symposium 'MAN SCHAUT DA NICHT GERNE ZU... DAS WERK VON KIRA MURATOVA', Berlin (01.09.2019)

Fynn-Adrian Richter's picture

Das so ungewöhnliche wie innovative Werk der talentierten Filmregisseurin Kira Muratova (1934 – 2018) wird heute in der Regel dem elitären Autorenfilm zugerechnet. Der russisch-amerikanische Kinotheoretiker Mikhail Iampolski zählt Kira Muratova neben Aleksandr Sokurov und Aleksej German sr. zu den bedeutendsten Regisseur*innen der spät- und postsowjetischen Periode. An einer anderen Stelle bezeichnet er sie gar als Filmphilosophin. In der UdSSR unterlag Kira Muratova hingegen einer ständigen Zensur und wurde mit Arbeitsverboten belegt. Unter anderem warf man ihr Unklarheit, Formalismus, Manierismus, Langatmigkeit und kleinbürgerlichen Realismus vor (vgl. Božovič 1988:12 und Zvonkine 2012:49–53, 80).So konnte sich ihr Talent erst nach dem Zerfall der UdSSR ganz entfalten. Muratovas Oeuvre umfasst insgesamt 21 Filme, die in einem Zeitraum von fast 60 Jahren entstanden, und stellt so zugleich ein noch aufzuarbeitendes Stück der sowjetischen, russischen und ukrainischen Filmgeschichte dar. Meilensteine ihrer künstlerischen Biografie sind etwa ihr erster Kurzfilm Der Frühlingsregen[Весенний дождь] aus dem Jahr 1958, die heutzutage als Klassiker anerkannten Filme Kurze Begegnungen [Короткие встречи] (1967) und lange Abschiede[Долгие проводы] (1971), das spätsowjetische Werk Dasasthenische Syndrom[Астеническийсиндром] sowie postsowjetische, postmodernistische Arbeiten wie Kleine Leidenschaften [Увлеченья] (1994) und Zwei in Einem[Два в одном] (2007). Muratovas kunstvolle Filme zählen zweifellos auch zum internationalen Filmkanon, wurden doch zumindest ihre späteren Werke auf verschiedenen russischen und internationalen Filmfestivals gezeigt und ausgezeichnet, wobei dem breiten westlichen Publikum ihre besondere Filmästhetik gleichwohl bis heute weitgehend unzugänglich bleibt.

Muratovas Stil zeichnet sich durch eine fremdartige Bildlichkeit aus. Spiegelungen, Doppelungen und Zitate bewirken eine Desymbolisierung des Sichtbaren, sie unterlaufen narrative Muster und stellen die Dinghaftigkeit des Geschehens ins Zentrum. Kira Muratova hat experimentell und virtuos an der Potenzialität filmischer Bilder gearbeitet, das sowjetische Repräsentationsregime an seine Grenzen geführt, gegen alle möglichen Filmtraditionen verstoßen sowie auf das Vergessene, Unbedeutende und Marginale im Kino, aber dadurch auch in der sowjetischen Gesellschaft aufmerksam gemacht. In ihren Filmen ließ sie viel Raum für Improvisation sowie körperliche und Wahrnehmungsexperimente, wodurch sie die Karriere einiger zuvor kaum bekannter (Laien-)Schauspieler*innen förderte – darunter viele Frauen. Die meisten ihrer Filme sind daher durchaus als feministische Filme zu verstehen, die (post-)sowjetische Frauenbilder und -themen behandeln. 

Durch ihr experimentelles Verfahren hat Kira Muratova einerseits eine besondere, einzigartige Poetik entwickelt, die in der russischsprachigen Filmlandschaft einzigartig ist – und die durchaus auch als politisch gelesen werden kann. Die zahlreichen Eingriffe durch die sowjetischen Zensurbehörden deuten darauf hin. Ihre Filme suggerieren ein Hindurchschauen durch ideologische Denkbilder, deren Gestalt im Verlauf der Handlung jedoch auseinanderfällt. Andererseits bleiben die Filme für die Zuschauenden schwer zugänglich – ihre Ästhetik ist vertraut und fremd, selbstreflexiv und realistisch, fiktional und dokumentarisch, affektiv und dinghaft, ikonisch und paradox zugleich. Kira Muratova zitiert einige ausgewählte Genres, ihre Werke entziehen sich jedoch eindeutiger generischer Zuordnungen. Auch gegenüber wissenschaftlichen Analysen leisten sie Widerstand. Bisher erschienen einige wenige Studien in Russland (Michail Iampolski 2008), Großbritannien (Jane Taubman 2005), Frankreich (Eugénie Zvonkine 2012) und Deutschland (Isa Willinger 2013), darunter auch einige mit einem essayistisch-publizistischen Charakter (Viktor Božovič 1988; Zara Abdullaeva 2008). 

Mit unserer Tagung möchten wir internationale Forscher*innen, die sich mit Kira Muratova beschäftigen, zusammenbringen, die bestehende Forschung auswerten und ergänzen sowie eine neue Auseinandersetzung mit ihrem Werk vor dem Hintergrund neuer Kultur- und Filmtheorien initiieren. Das Treffen soll auch der Vorbereitung zu einem internationalen Forschungsprojekt dienen. Willkommen sind Vorschläge zu übergreifenden Fragestellungen zum Filmwerk Muratovas sowie zu ihren einzelnen Filmen. Die Liste möglicher Themen umfasst unter anderem:

 

  • die Besonderheit der Filmästhetik Muratovas (Formensprache, filmische Räume, Materialität, Umgang mit der Zeit usw.);
  • die Auseinandersetzung mit dem kulturell Anderen, mit Gender- und Queer-Codes, mit Migration und Posthumanismus;
  • das Verhältnis zwischen Politik und Ästhetik;
  • neue Zugänge zum Werk, die mit Bezugnahme auf feministische, philosophische, semiotische, Affekt-, Narrations-, Bild- und Genre-Theorien möglich werden;
  • das Werk Muratovas in der russischen und internationalen Filmlandschaft, seine historische und stilistische Systematisierung, Fragen der Intertextualität und der Aneignung sowie der Rezeption ihrer Filme im russischen und internationalen Kontext;
  • generische Spezifika ihrer Werke;
  • intermediale und komparatistische Perspektiven, etwa zum Verhältnis zwischen ihren Filmen und Literatur, Kunst, Zirkus, Theater usw.;
  • Muratovas Zusammenarbeit mit anderen Künstler*innen (Aleksandr Muratov, Natalia Rjazanceva, Rustam Chamdamov, Evgenij Golubenko, Renata Litvinova, Oleg Karavajčuk, Gennadij Korjuk, Nina Ruslanova, Komik-Gruppe Maskiusw.);
  • nicht realisierte Projekte (Vnimatel’no smotrite sny,Knjažna Meri);
  • Muratovas Kurzfilme.

 

Vorschläge im Umfang von ca. 300-500 Wörternkönnen bis zum 01.09.2019 an folgende Adresse gesendet werden: muratova.conference2020@gmail.com

 

Eine Publikation der Beiträge ist geplant.

Die Konferenzsprachen sind Deutsch, Russisch und Englisch.

 

Das Symposion wird vom 07.-09.05.2020 im Regionalzentrum Berlin der FernUniversität in Hagen stattfinden.

 

Regionalzentrum Berlin 

der FernUniversität in Hagen 

Kurfürstendamm 21

10719 Berlin, Germany

 

Für Nachfragen stehen die Organisatorinnen gerne zur Verfügung:

 

Irina Gradinari (FernUniversität in Hagen)

Irina Schulzki (Universität Münсhen)

muratova.conference2020@gmail.co

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Lukas Büsse] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu