CFP: Non Fiktion. Arsenal der anderen Gattungen, Themenheft 2020: Ökologie (31.08.2019)

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Ernst Haeckel hat 1866 den Begriff der Ökologie bestimmt als „Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Aussenwelt, wohin wir im weiteren Sinne alle ‚Existenz-Bedingungen‘ rechnen können.“ Ging es Haeckel auf der einen Seite um die Konturierung eines gerade im Entstehen begriffenen wissenschaftlichen Forschungszweigs der Biologie, kann auf der anderen Seite der Gegenstandsbereich der Ökologie – also die Erfassung der Wechselwirkungen heterogener Entitäten – kaum auf den engen Bereich der wissenschaftlichen Forschung beschränkt werden. Ohne Frage bildet sich in der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – zum Teil unter Rückgriff auf Haeckels Begriffsprägung, zum Teil auch nicht – die Ökologie als wissenschaftliche Disziplin heraus. Wichtige Vertreter sind für die deutschsprachige Forschung Karl August Moebius, August Thienemann und Karl Friedrichs, über Deutschland hinaus sind für die internationale Forschung etwa Eugenius Warming, Charles S. Elton und Arthur Tansley zu nennen. Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts wird die auf der Grundlage von abstrakten, hochkomplexen Modellen operierende Ökosystem-Forschung zum dominanten wissenschaftlichen Paradigma (Toepfer 2011, Bühler 2016).

Dieser enge historische und disziplinäre Rahmen der Ökologie wird nun dadurch überschritten, dass protoökologische Konzepte und Diskurse schon vor Haeckels Begriffsprägung vorliegen und auch nach der Etablierung der Ökologie als wissenschaftlicher Disziplin rezipiert werden. So stützt sich Haeckel selbst auf den Begriff der Ökonomie, der bereits im Bereich der Naturgeschichte bei Carl von Linné verwendet wird oder auch für die Physikotheologie des frühen 18. Jahrhunderts von Bedeutung ist. Weitere Positionen, die das ökologische Denken geprägt haben, sind u.a. Alexander von Humboldts Physiognomie der Pflanzen, Alfred Russel Wallaces Biogeographie und schließlich Charles Darwins Evolutionstheorie.

Außerdem wird der Gegenstandsbereich der Ökologie dadurch entgrenzt, dass Ökologie neben der deskriptiven Erfassung der Wechselbeziehungen zwischen den heterogenen Entitäten auch über eine normative Ausrichtung verfügt. Die politische Ökologie wird insbesondere ab den 1960er Jahren in Zusammenhang mit einem zunehmenden ökologischen Krisenbewusstsein virulent. Seit den 1990er Jahren steht dabei der Klimawandel und dessen anthropogene Verursachung im Zentrum, und auch der breit diskutierte Begriff des Anthropozän schließt an diese Diskurse an (Wilke/Johnstone 2017). Die Grundzüge der politischen Ökologie sind allerdings schon in älteren Texten zu erkennen. So werden bereits bei Moebius, Thienemann oder Tansley regulative Eingriffe, Beschränkungen des menschlichen Handelns und Steuerungen der komplexen Wechselbeziehungen zwischen den Entitäten angedacht. Wissenschaftliche und politische Ökologie lassen sich also nicht ohne weiteres unterscheiden. In Rachel Carsons Silent Spring (1962), Barry Commoners The Closing Circle (1971) und dem Bericht des Club of Rome The Limits of Growth (1972) – allesamt klassische Texte der Ökologie – vermischen sich wissenschaftlich-deskriptive und normativ-politische Textelemente und Aussagen.

Insofern die Ökologie der Beobachtung und Darstellung von Wechselwirkungen zwischen heterogenen Entitäten gilt, widmet sie sich einem Gegenstandsbereich, der in seiner Komplexität nicht nur schwer zu erfassen, sondern vor allem schwer zur Anschauung zu bringen ist. Gerade für die Sachbuchliteratur ist die Ökologie deshalb eine besondere Herausforderung. Entsprechend ihrer Ausrichtung auf Verständlichkeit und Popularisierung muss sie auf spezifische textuelle Mittel zurückgreifen, um den Leserinnen und Lesern das Unanschauliche vor Augen zu stellen. Zu denken ist in diesem Zusammenhang an die Exemplifizierung des Allgemeinen anhand des Besonderen (z.B. der Teich), die narrative Ausfaltung von Wechselbeziehungen in ihrer zeitlichen Dimension (z.B. tipping point-Erzählungen) sowie die graphische Veranschaulichung (z.B. das hockey stick-Diagramm). Die Beschreibung ökologischer Prozesse sowie die Formulierung normativer Handlungsanweisungen ist also verflochten mit Textstrategien der Imagination und dem Einsatz von rhetorischen und ästhetischen Strategien, mit denen Evidenz erzeugt und der Gegenstandsbereich der Ökologie überhaupt erst wahrnehmbar wird. Nur auf der Grundlage solcher und anderer Darstellungsmittel wird es möglich, dass die Ökologie zu einem breiten wissenschaftlichen, sozialen und politischen Diskussionsfeld werden kann.

Für unseren Band suchen wir Fallstudien, die Texte der Sachbuchliteratur historisch im Feld ökologischer Konzepte und Diskurse verorten und dabei die Darstellungsmittel und Textstrategien in den Blick nehmen, mit denen Ökologie als Wissensgegenstand hervorgebracht wird, so dass es zu deren Popularisierung und Politisierung kommen kann. Das Textkorpus ist hier breit gefasst: Es reicht etwa von Friedrich Junges Der Dorfteich als Lebensgemeinschaft (1885) und Jakob von Uexkülls Streifzüge durch die Umwelten von Tieren und Menschen (1934) über Paul R. Ehrlichs The Population Bomb (1968) und R. Buckminster Fullers Operating Manual for Spaceship Earth (1969) bis zu Peter Wohllebens Das geheime Leben der Bäume (2015) und Anna Lowenhaupt Tsings The Mushroom at the End of the World (2015). Auch stärker theoretisch ausgerichtete Texte wie Bruno Latours Politiques de la nature (1999) oder Donna Haraways Staying with the Trouble (2016) können berücksichtigt werden. Ebenso sind Beiträge willkommen, die die ökologische Sachbuchliteratur mit anderen Text- und Mediengattungen verknüpfen, etwa den fiktionalen Gattungen der Literatur und des Films (z.B. Heimatliteratur, Science Fiction, Utopie/Dystopie, Ökothriller, Ökolyrik). Von Interesse ist nicht zuletzt die Frage, wie die Sachbuchliteratur zur Etablierung des Ecocriticism als derzeit florierendes kultur- und literaturwissenschaftliches Forschungsfeld beigetragen hat (Dürbeck/Stobbe 2015, Schmitt/Solte-Gresser 2017, Zemanek 2018, Braunbeck 2019).

Wir erbitten Themenvorschläge und ein kurzes Abstract für Aufsätze von etwa 20 Seiten per E-Mail bis zum 31.8.2019 an akling@uni-bonn.de und meierhofer@uni-bonn.de. Die fertigen Beiträge sollten bis zum 15.4.2020 vorliegen.

 

 

Literatur

 

Braunbeck, Helga G.: Recent German Ecocriticism in Interdisciplinary Context. In: Monats­hefte für deutschsprachige Literatur und Kultur 111 (2019), H. 1, S. 117–135.

Bühler, Benjamin: Ecocriticism. Grundlagen – Theorien – Interpretationen. Stuttgart 2016.

Dürbeck, Gabriele; Stobbe, Urte (Hrsg.): Ecocriticism. Eine Einführung. Köln 2015.

Haeckel, Ernst: Generelle Morphologie der Organismen. Allgemeine Grundzüge der organischen Formen-Wissenschaft, mechanisch begründet durch die von Charles Darwin reformirte Descendenz-Theorie. Zweiter Band: Allgemeine Entwicklungsgeschichte der Organismen. Berlin 1866.

Schmitt, Claudia; Solte-Gresser, Christiane (Hrsg.): Literatur und Ökologie. Neue literatur- und kulturwissenschaftliche Perspektiven. Bielefeld 2017.

Toepfer, Georg: Art. „Ökologie“. In: Ders.: Historisches Wörterbuch der Biologie. Geschichte und Theorie der biologischen Grundbegriffe. Bd. 2. Stuttgart, Weimar 2011, S. 681–714.

Wilke, Sabine; Johnstone, Japhet (Hrsg.): Readings in the Anthropocene. The Environmental Humanities, German Studies, and Beyond. New York 2017.

Zemanek, Evi (Hrsg.): Ökologische Genres. Naturästhetik – Umweltethik – Wissenspoetik. Göttingen 2018.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

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