CFP: Wiederendeckt und Nacherzählt – Die Rezeption des Alten Orients in der deutschsprachigen Literatur des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts (05.06.2019)

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In welchem Verhältnis stehen Wissenschaft, Literatur und die Transformation von Wissensordnungen? Diese Frage dürfte sich an kaum einem historischen Beispiel besser erörtern lassen, als an der Wiederentdeckung des Alten Orients ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und dessen Rezeption in der deutschsprachigen Literatur bis 1950.

Im kolonialistischen Wettstreit der europäischen Großmächte werden das antike Zweistromland und seine Kulturzeugnisse ab der Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals zentrale Objekte eines wissenschaftlich zu nennenden Interesses. Unter dem Sand entdecken die britischen, französischen und deutschen Ausgräber und Philologen eine fast vergessene Kultur, die jedoch zunächst vor allem im Lichte des biblischen Textes gelesen wird. Das Ziel der Archäologen ist es dabei, die Stätten der biblischen Erzählungen wiederzufinden – die Forschungstätigkeit ist damit stark text-, ja literaturgeleitet. Erst mit Fortschreiten der Forschung emanzipiert sich der Umgang mit altorientalischen Zeugnissen von der biblischen Überlieferung und einem primär religiös motivierten Erkenntnisinteresse.

Bis zu den Ausgrabungen der großen altorientalischen Städte und der Entzifferung der Keilschrift sind die mesopotamischen Kulturen lediglich durch die Bibel und durch Darstellungen antiker Autoren verfügbar. Die gedächtnisgeschichtlichen Voraussetzungen der Rezeption der vorderorientalischen Antike unterscheiden sich somit ganz grundsätzlich von denen, die für die klassische Antike gelten, die vermittelt durch einen breiten Strom überlieferter Texte und durch die durchgängig zu besichtigenden baulichen Überreste in der europäischen Tradition stets präsent war. Der Alte Orient hingegen ist vor 1850 einzig als Fremdes in der biblischen wie auch der klassischen Überlieferung bewahrt, stets im Zusammenhang mit der Konstruktion von Alterität.

Die Wiederentdeckung der Kulturen des antiken Mesopotamiens geht mit einer Hochphase des historischen Romans in Europa einher, der gerade in den Jahrzehnten nach der Jahrhundertwende dazu neigt, die biblische Überlieferung als Hintergrund der Erzählung zu nutzen. Die Autoren verfügten dabei frei über die biblischen Figuren und ihr Schreiben ist nicht primär religiös motiviert oder gar gebunden. Die archäologischen und philologischen Entdeckungen im Zweistromland finden dabei in den Texten von Thomas Mann („Joseph“-Tetralogie), Alfred Döblin („Babylonische Wanderungen“) und Franz Werfel („Höret die Stimme“), um nur die prominentesten zu nennen, in verschiedener Weise Anklang. Welche Rolle die Wiederentdeckung des Alten Orients schließlich dabei spielte, dass ein historisch-kritischer Blick auf die biblische Überlieferung möglich wurde und inwiefern eine solche Sichtweise Voraussetzung für die genannten literarischen Adaptionen des biblischen Stoffes war, ist eine der zentralen Fragen, zu deren Klärung wir durch den konzentrierten interdisziplinären Austausch auf dem geplanten Symposium beitragen wollen. Der Zeitpunkt für das Symposium wird durch aktuelle literarische Neuerscheinungen wie Kenah Cusanits „Babel“ und Philipp Schwenkes „Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste“ begünstigt, sind diese Publikationen doch Zeichen für ein nachhaltig vitales Interesse an diesem Thema.

Das Symposium verfolgt somit ein zweifaches Erkenntnisinteresse: In einer historischen Herangehensweise soll die Rezeption der altorientalischen Kulturen in der deutschsprachigen Literatur des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts untersucht werden. In einer systematischen Betrachtungsweise soll es darum gehen, was sich grundsätzlich über das Verhältnis von Wissenschaft und Literatur im Zusammenhang mit der Transformation bestehender Wissensordnungen aussagen lässt: In welcher Weise und in welchen epistemischen Situationen finden wissenschaftliche Entdeckungen Eingang in Literatur und eröffnen Imagination und schriftstellerischer Produktion neue Themen und Gegenstände? Können umgekehrt nicht-wissenschaftliche Texte zum Ausgangspunkt wissenschaftlicher Aktivität werden? Inwiefern begegnen sich Wissenschaft und Literatur auf der Ebene der Darstellungsformen?

Das Symposium wird vom 11. bis 13. Juni 2020 vorbehaltlich einer Förderung durch den Hengstberger-Preis im IWH Heidelberg stattfinden. Die Vortragsdauer beträgt 30 Minuten. Wir freuen uns über Vortragsvorschläge (ca. 200 Wörter) und bitten, uns diese bis zum 5. Juni 2019 zuzusenden (joana.van-de-loecht@gs.uni-heielberg.de und adrian.heinrich@ori.uni-heidelberg.de. Eine Veröffentlichung der Beiträge im Anschluss der Tagung ist geplant.

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