CFP: Figur(ation)en der Gegenwart, Bonn (31.07.2019)

Marlen Arnolds's picture

Bonn (05.-07.02.2020)

Zwischen Vergangenheit und Zukunft erscheint ‚Gegenwart‘ als flüchtiges und rein relationales Konstrukt. Figur(ation)en ermöglichen, diesen zeitlichen Zwischenraum greifbar zu machen und gleich­sam die Konturierung von ‚Gegenwart‘ durch Verflüchtigung zu problematisieren. Schon in seiner be­grifflichen Herkunft verweist der Terminus ‚Figur‘ (von lat. figura, forma oder griech. schema) auf seine Doppelfunktion der fixierenden Gestaltgebung einerseits und Dynamisierung andererseits: Markieren forma und schema die Figur als Gebilde mit klaren Konturen, so betont das von fingere (bilden, formen, gestalten) abgeleitete lateinische figura ihren Bewegungscharakter. Der in den letzten Jahren gehäuft aufkommende Terminus ‚Figuration‘ unterstreicht das literatur- und kulturwissenschaftli­che Bedürfnis, dieser Doppelfunktion gerecht zu werden.

Die zweite Tagung des DFG-Graduiertenkollegs Gegenwart/Literatur kombiniert mit der Diskussion von Figur(ation)en der ‚Gegenwart‘ die Untersuchung fiktionaler Figuren (aus Literatur, Film, Theater …) sowie bildlicher und argumentativer Figurationen (aus Rhetorik, Theorie, …) im Hinblick auf ihr zeitdiagnostisches Potenzial. Dabei rückt die Tagung solche Figur(ation)en in den Fokus, die eine verstärkte Repräsentation oder Problematisierung der ‚Gegenwart‘ leisten, der sie entstammen. ‚Gegenwart‘ meint dabei sowohl die Jetztzeit als auch jeden historischen Synchronschnitt als raumzeit­lich definiertes Erfahrungs- und Handlungsmoment. Unter ‚Gegenwartʻ wird damit die Gesamtheit der jeweiligen kulturellen, sozialen und politischen Verhältnisse verstanden, die in fiktionalen Texten u.a. mittels der Figurenkonstellation dargestellt werden kann. Vor diesem Hintergrund stellen Figur(ation)en Kristallisationsinstanzen dar, an denen Zeit- und Epochenfragen sichtbar bzw. ästhetisch inszeniert werden können (für weitere Informationen zum Gegenwarts-Begriff des Graduiertenkollegs: www.grk-gegenwart.uni-bonn.de).

Die Tagung legt einen weiten Textbegriff zugrunde und widmet sich daher in einem ersten Schwerpunkt den konkreten fiktionalen Figuren, die entweder in einem bestimmbaren Verhältnis in/zu ihrer Gegenwart stehen, also als Träger von Zeitwissen eine Form von Gegenwart analysieren oder kon­servieren; oder die als ‚Zeitordner‘ in der Diegese agieren und als solche eine Strukturposition in/für ihre textinterne Gegenwart einnehmen. Zur ersten dieser Kategorien zählen Figuren, durch die ihre Gegenwart gedacht werden kann (bspw. Geschlechterverhältnisse des ausgehenden 19. Jahr­hunderts durch Strindbergs Fräulein Julie oder der Postmoderne durch Carrie Bradshaw), oder auch Figuren (wie bspw. Don Quijote oder Ned Stark), an denen ein Zeitwandel offensichtlich wird, da sie Werte einer Zeit vertreten, die von ihrer Gegenwart verdrängt wurden, und an deren Figurentragik Gegenwartsdeutung ex negativo zum Ausdruck kommt. Zur zweiten Kategorie zählen ‚zeitordnende‘ Figuren, deren Eintritt in die Diegese eine Zäsur markiert (wie etwa der Kriegsheimkehrer, der zugleich Produkt und Vermittler epochaler Erfahrungen ist) oder Figuren, die durch ihre Bewegung im Raum eine zeitliche Zirkelstruktur installieren (bspw. Herrndorfs Tschick) sowie diejenigen, die durch ihre physische oder psychische Disposition (Schlaf, Wahnsinn, Trunkenheit) Zeit aushebeln (bspw. Alice im Wunderland).

Wie die hier aufgeführten Beispiele zeigen, wird ‚Figur‘ häufig unmittelbar mit ‚Mensch‘ synonymi­siert. Bei einer ausschließlich anthropozentrischen Betrachtung fiktionaler (Re)präsentationen von Handlungs- und Weltgestaltungsmacht gerät die ursprüngliche Bedeutung der figura als sinnlich wahr­nehmbares, plastisches und körperungebundenes Erscheinendes jedoch außer Acht. Die Tagung trägt der im Zuge des material turn hervorgehobenen agency nicht-menschlicher Wirkungsmächte und Akteure Rechnung und begrüßt daher ausdrücklich auch Beiträge, die diese in der Analyse der Materialität und Performativität von ‚Figur(ation)en der Gegenwart‘ mitdenken.

In einem zweiten Schwerpunkt umfasst die Untersuchung von ‚Figur(ation)en der Gegenwart‘ bild­liche und argumentative Konstellationen (bspw. Wiederholung durch Anapher) in fiktionalen aber auch nicht-fiktionalen Texten, die verschiedene Funktionen erfüllen können, etwa:

  • Konservierungsfunktion: Epochentypische Figurationen (wie etwa die barocke Allegorie), die in ihrem gehäuften Vorkommen zeitspezifische Kommunikationsstandards ausdrücken, also im Zu­sammenspiel von Produktion und Rezeption figurale Sprechgewohnheiten und damit ein Wissen über ihre Gegenwart (mitunter unfreiwillig) konservieren.
  • Vergegenwärtigungsfunktion: Figurationen als rhetorische Verfahren, die ihrerseits durch Über­setzung/Transformation sequentieller Zeichen in einen simultanen Bild-Zusammenhang dazu beitragen, Zeit- und Raumzusammenhänge zu evozieren. Wenn bspw. eine Metapher einen abstrakten Sachverhalt veranschaulicht, so vermittelt sie nicht nur Wissen, sondern schafft gleichsam neue Verknüpfungen von Zeit und Raum.
  • Verdichtungsfunktion: Kohärenzstiftende ‚Denkfiguren‘, die bspw. durch ihre interne Zeitlich­keit Textstrukturen oder historische Narrative (wie Literatur- oder Wissenschaftsgeschichte) organisieren. Insofern diese ‚Denkfiguren‘ (nach Torra-Mattenklott) sich zwischen Theorie und Poesie bewegen, sind dabei ebenso literarische (wie bspw. die Lotman‘sche Grenzüberschrei­tung oder das Leitmotiv) wie theoretische (etwa die différance oder der Paradigmenwechsel) Figurationen assoziierbar.
  • ...

Dieser zweite Schwerpunkt fokussiert somit das rhetorische und epistemologische Potenzial von Figur(ation)en für die Hervorbringung und Verhandlung von ‚Gegenwart‘. Mit der Kombination beider  Schwerpunkte lädt die Tagung zur Untersuchung fiktionaler Figuren sowie bildlicher und argumen­tativer Figurationen im Hinblick auf ihre Konturierung und/oder Verflüchtigung von ‚Gegenwart‘ ein. Für Ihre Beiträge über ‚Figur(ation)en der Gegenwart‘ können zudem folgende Punkte zur Anregung dienen: 

  • Adaptationen von Mythen/ Klassikern/ historischen Stoffen als Aktualisierung in der ‚Gegenwart‘ (zeitdiagnostische Funktion in Produktion und Rezeption)
  • Fragen der Repräsentation: dominierende vs ‚randständige‘ Figur(ation)en in der ‚Gegenwart‘ (bspw. Rolle des Zusammenhangs von Geschlecht und Macht)
  • Soziale Felder/ Orte, die Figur(ation)en dazu prädestinieren, ‚Gegenwart‘ zu verhandeln oder abzubilden (bspw. Prostituierte)
  • Kollektivfiguren (bspw. Chor oder Volk) mit Repräsentationsfunktion für ‚Gegenwart‘ in sozialem Sinne
  • Nicht-menschliche Figur(ation)en und deren Rolle im Zeitalter des Anthropozäns
  • Rhetorische Figuren, die performativ die Akteurskonstellation verändern (wie bspw. die Prosopopoeia durch Verlebendigung)
  • Ordnungsfiguren historisierender Darstellungen und ihre Auswirkung auf Zeitformen (bspw. der dia­lektische Umschlag)
  • Prinzipien der Figuration (bspw. Wiederholung, Ersetzung, Entzug) als beschreibende Kategorien für tiefensemantische Zeitstrukturen
  • Verhältnis von Figur und Bild bzw. Bewegtbild bei der Evokation/ Subversion klarer Konturen von ‚Gegenwart‘ (bspw. Standbild und Bewegung im Tanz)
  • Genres, die in besonderer Weise ‚Figur(ation)en der Gegenwart‘ exponieren (bspw. das Gespenst in der Phantastik oder auch die Utopie als Denkfigur) 
  • Figur(ation)en, die theoretische und literarische Darstellungsformen verbinden (bspw. das Typische im sozialistischen Realismus und der Typus des positiven Helden im sozialistischen Roman)
  • Dominanzen in der forschungsgeschichtlichen Auseinandersetzung, die mit bestimmten Figur(ation)en organisiert werden (bspw. Was sagt eigentlich die Konjunktur der wissenschaftlichen Beschäftigung mit ‚Gegenwart‘ über unsere Gegenwart aus?)

Die Tagung wird vom 05. – 07.02.2020 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn stattfinden. Die Kosten für Anreise und Übernachtung übernimmt das Graduiertenkolleg; eine Ver­öffentlichung des Tagungsbandes ist geplant.

Bitte senden Sie Ihre Abstracts (maximal 500 Worte) für einen 25-minütigen Vortrag in deutscher oder englischer Sprache zusammen mit einer kurzen biografischen Notiz bis zum 31.07.2019 an: figuration@uni-bonn.de