CFP: Mit Fiktionen über Fakten streiten. Fake News, Verschwörungstheorien und ihre kulturelle Aushandlung, Freiburg (14.06.2019)

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Mit Fiktionen über Fakten streiten

Fake News, Verschwörungstheorien und ihre kulturelle Aushandlung

 

Interdisziplinäre Tagung: 28.–30.11.2019

Graduiertenkolleg 1767 „Faktuales und fiktionales Erzählen“, Freiburg 

Organisation: Vera Podskalsky und Deborah Wolf

 

Immer wieder ist in den letzten Jahren die Rede vom „postfaktischen Zeitalter“. Gemeint ist, dass eine intersubjektive Einigung über „wahr“ und „falsch“ nicht mehr ohne Weiteres möglich ist. Die Konferenz fragt, welche Rolle Fiktionen in diesem Streit um Wahrheitsansprüche spielen.

Die Debatten um Fake News und Verschwörungstheorien zeigen, dass Geltungs- und Wahrheitsansprüche einer kulturellen (Neu-)Aushandlung bedürfen. So ist etwa von einer „tribalen Epistemologie“ (Roberts 2017) die Rede, innerhalb derer die Zugehörigkeit zu einem „digitalen Stamm“ über die Bewertung einer Nachricht als wahr oder falsch entscheide. Die Aushandlung erfolgt dabei nicht nur unmittelbar in Diskussionen über den Wahrheitsgehalt bestimmter Nachrichten oder Theorien, sondern auch mittelbar durch den Einsatz fiktionaler Formate. Diese gehen dabei Wechselwirkungen mit den Wahrheitsbehauptungen von Verschwörungstheorien und Fake News ein und werden in der Folge im Streit um konkurrierende Geltungsansprüche nutzbar gemacht. Sie können eingesetzt werden, um den eigenen Anspruch als den glaubwürdigsten zu markieren, den oppositionellen zu diskreditieren oder zu einer möglichst übergreifenden intersubjektiven Einigung über bestimmte Fakten zu kommen. Die Tagung fragt, wie sich die Aushandlung faktualer Geltungsansprüche im fiktionalen Modus im Umfeld von Verschwörungstheorien und Fake News gestaltet.

Die Funktionen von Fiktionen sind dabei vielfältig und heterogen. Die folgende Auflistung soll nicht als trennscharf und umfassend verstanden werden, sondern vielmehr den möglichen Gegenstandsbereich skizzieren:

1.Im Umfeld von Verschwörungstheorien und Fake News wird auf Denkmuster und Motive zurückgegriffen, die in fiktionalen Erzählungen etabliert wurden. So dienen beispielsweise Heldengeschichten oder Dystopien dazu, den eigenen Wahrheitsanspruch zu stärken und die Gegenseite zu diskreditieren. Hierunter fallen YouTube-Videos, die Donald Trump als Wahrheit verbreitenden Fantasy-Helden zeigen (YouTube-Kanal Thorstein Memeson, 2016) oder der häufig erscheinende Hinweis auf die Aktualität von Orwells Dystopie 1984.

2.Fiktionalisierungen werden zur Überzeichnung eingesetzt, um gegnerische Wahrheitsbehauptungen und Argumentationsstrukturen als unglaubwürdig und absurd zu markieren, beispielsweise die Parodien auf Verschwörungstheorien in John Olivers satirischer Late-Night-Show Last Week Tonight.

3.Die Grenze zwischen faktualem und fiktionalem Erzählen wird bewusst verwischt, der Geltungsanspruch damit offengehalten. Die Rezeptionssignale ermöglichen sowohl eine Auseinandersetzung mit der Frage nach der möglichen Wahrheit der dargestellten Theorien als auch eine rein immersive oder distanziert-humoristische Lektüre, wie es etwa bei Paranoiafilmen der Fall sein kann. Auch finden sich beispielsweise auf dem Medienportal BuzzFeed Erklärvideos zu Verschwörungstheorien, die einerseits mit Ironisierung arbeiten und bewusst Marker des fiktionalen Sprechens einstreuen (The Flat Earth Theory Explained und I Don’t Believe The Moon Landing Happened, 2018), andererseits ihren Status als ‚Fakes‘ aber unklar halten.

4. Fiktionen dienen als Ort der Reflexion und Aushandlung von Glaubwürdigkeits-zuschreibungen. Kriterien für die Einordnung einer Nachricht oder Theorie als wahr oder falsch, beispielsweise die Bedeutung von Quellen oder bestimmten Darstellungsweisen, werden auf einer Metaebene verhandelt. Hier ist etwa eine vermeintliche Dokumentation über einen NS-Themenpark zu nennen, die sich als ‚Fake‘ des Satirikers Jan Böhmermann herausstellte (Unternehmen Reichspark, 2017). Das Spiel mit Fakt und Fiktion provoziert die Frage danach, was von wem für möglich und wahr gehalten wird und thematisiert damit mögliche Zugehörigkeiten zu „digitalen Stämmen“. Zusätzlich werden in „Mockumentaries“ durch das Aufgreifen von Konventionen des Dokumentarischen Reflexionsprozesse bezüglich institutioneller Glaubwürdigkeitszuschreibungen eingeleitet.

Anhand aktueller Beispiele soll das Spannungsfeld transdisziplinär untersucht werden. Theoretische Annäherungen und Materialanalysen sind ebenso möglich wie historische Perspektivierungen.

Vorschläge für ca. 20-minütige Vorträge werden bis zum 14.06.2019 in Form eines Exposés (max. eine Seite) an deborah.wolf@grk1767.uni-freiburg.de erbeten.

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Lukas Büsse] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu